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Reduzierter Fischfang: EU-Länder kritisieren geplante Fangquoten

Streit in der EU über neue Regeln für den Fischfang: Die EU-Kommission will die Fangquoten für manche Fischbestände pauschal um 25 Prozent senken - alle EU-Länder sind dagegen. Von Bestrafung ist die Rede.

Thunfischwarm im Mittelmeer: Bedrohte Fischart Zur Großansicht
DPA

Thunfischwarm im Mittelmeer: Bedrohte Fischart

Luxemburg - Der Bestand vieler Fischarten schrumpft bedrohlich. Dass die Fischtheken in Europa noch immer gefüllt sind, liegt daran, dass mittlerweile 60 Prozent der Fische importiert werden. Seit Jahren versuchen EU-Politiker den Fischfang mit sogenannten Quoten zu beschränken. Das Vorhaben stößt auf großen Widerstand in den EU-Staaten: Etwa 400.000 Arbeitsplätze hängen in Europa an der Fischerei.

Allen Widerständen zum Trotz plant die EU-Kommission nun radikale Begrenzungen: Sie will die Fangquoten für manche Fischbestände pauschal um 25 Prozent senken - und stößt damit auf die Kritik aller EU-Länder. Bei einem Treffen der europäischen Landwirtschaftsminister am Dienstag in Luxemburg äußerten die Mitgliedstaaten lautstark Bedenken an der neuen Methode für die Berechnung der Quoten, wie aus EU-Kreisen verlautete. Die Minister beschlossen zudem, Sanktionen gegen den Beitrittskandidaten Island und gegen die Färöer-Inseln vorzubereiten. Ihnen wird vorgeworfen, massiv Makrele zu fischen und so die Bestände zu gefährden.

Die EU-Kommission will Fangquoten künftig stärker an wissenschaftliche Daten koppeln. Liegen aber nur unvollständige Angaben aus den einzelnen EU-Ländern vor, etwa zu den Fängen der vergangenen Jahre, dann soll die Fangquote gekürzt werden. Noch liegt der offizielle Vorschlag der Kommission nicht auf dem Tisch, er wird erst Mitte Juli erwartet. Die Brüsseler Behörde präsentierte ihre Ideen aber vorab schon einmal den EU-Ministern.

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) zeigte in Luxemburg wenig Verständnis für eine pauschale Senkung der Quoten. "Wir sind insgesamt der Meinung, dass wir die Fischfangquoten aufgrund der wissenschaftlichen Gutachten festlegen sollten", sagte Aigner vor Beginn des Treffens. "Es gibt hier offensichtlich die Frage, ob die Daten geliefert worden sind. Von unserer Seite sind wir der Ansicht, dass wir die Daten geliefert haben."

Illegaler Fischfang

Die EU-Kommission wolle mit der neuen Methode den Druck auf die Mitgliedsländer erhöhen und sie für mangelnde Daten "bestrafen", kritisierte ein Diplomat im Vorfeld des Treffens. Dieser "Sanktionsansatz" sei falsch. Ein Kompromissvorschlag der EU-Länder sehe vor, die Quoten notfalls aus "alternativen Daten" zu entwickeln. Bei etwa zwei Dritteln der Fischbestände in der EU fehlt es nach Angaben der EU-Kommission an guten wissenschaftlichen Daten. Ein Fangverbot für alle Bestände, deren Zustand derzeit nicht bekannt ist, schließt die Kommission aber aus. Für beliebte Fischsorten wie Hering, Dorsch und Makrele gebe es ausreichend Daten.

Verantwortlich für die Erhebung der Daten sind die EU-Staaten. EU-Kommissarin Maria Damanaki hatte zuletzt mehrere ermahnt, bessere Informationen an Brüssel zu liefern - zum Beispiel Griechenland und Spanien. Mit den Quoten will die Kommission die Überfischung der Meere stoppen und den illegalen Fischfang bekämpfen.

Die Fischbestände in Europa erholen sich nur langsam. Während im Atlantik und den benachbarten Meeren 2004 noch 32 von 34 Arten überfischt waren, sank die Zahl im vergangenen Jahr auf 22 von 34 Arten. Allein in der Nordsee sind aber alle bekannten Bestände außer Scholle, Schellfisch und Hering überfischt. In der Ostsee sind vier von sechs bekannten Beständen betroffen - im Mittelmeer 82 Prozent.

Im Herbst will die Kommission konkrete Vorschläge vorlegen, wie viel Fisch europäische Fischer im kommenden Jahr aus EU-Gewässern holen dürfen. Diese müssen dann Ende des Jahres von den Ministern abgesegnet werden. Ob und wann die Sanktionen gegen Island und die Färöer-Inseln tatsächlich verhängt würden, blieb offen. Nun werden zunächst die nötigen Maßnahmen rechtlich vorbereitet, damit man bei Bedarf fertige Sanktionen aus der Schublade ziehen könne.

boj/dpa

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Genau!
h4ush3rr 29.06.2011
Keiner ist dafür, aber es wird halt trotzdem durchgesetzt. Das ist Europa! Hoffentlich ist bald Schluss mit dem Unsinn.
2. Umweltschutz !
leser_81 29.06.2011
Was wird immer um Umweltschutz, Klimaschutz, Artenschutz usw. gesprochen. Selbstveständlich ist bei solchen Gesprächen jeder dafür und kommt mir achso tollen Vorschlägen aber immer nach dem Motto "Umweltschutz JA aber bitte nicht bei mir anfangen" Wenn ich hier Fakten lese wie "mittlerweile 60 Prozent der Fische importiert werden"! 60 % !!! Fische die per Schiff, per Flugzeug, mit der Bahn und LKW's quer um die Welt transportiert werden nur damit wir einen exotischen Fisch auf dem Teller haben. Das gleiche gilt mit Obst und Gemüse. Müssen wir unbedingt immer exotisches in den Supermärkten haben das tausende Kilometer transportiert wird? Dannach schmeckt ja doch alles nach nix. Oder haben Sie schon einmal eine gute Mango in Deutschen Supermärkten gegessen? Ich meine wenn Sie schon einmal eine Mango in Thailand oder sonst wo gegessen haben werden Sie mir zustimmen, dass so viel Obst nur noch ekelhaft schmeckt nachdem es grün geerntet wurder und dann Wochen lang im Containern gereift ist. Wäre es denn nicht einmal sinnvoll auf exotisches zu verichten und statt Kugelfisch oder sonstigen Exoten eifach mal wieder zu Forelle und Karpfen zurück zu kommen ?
3. Umweltschutz ...
Michael Giertz, 29.06.2011
Zitat von h4ush3rrKeiner ist dafür, aber es wird halt trotzdem durchgesetzt. Das ist Europa! Hoffentlich ist bald Schluss mit dem Unsinn.
Unsinn ist nur die Pauschale. Manche Fischbestände sind so überfischt, dass eine Reduktion um 100% notwendig wäre, damit sie sich überhaupt erholen können. Das wäre sehr im Interesse der Ökosysteme im Ozean und damit auch im Interesse der Menschheit. Und Sie wollen ja auch sicher morgen noch Fisch essen können ... Hier geht's wiedermal nur um's Geld: geringere Fischfangquoten bedeuten weniger Umsatz, weniger Umsatz bedeutet weniger Gewinn, und damit weniger Geld für die Manager mit ihren teuren Fuhrparks. Um's mal wirklich simpel auszudrücken. Fischfangquoten müssen her!
4. Niemand sei dafür?
tuess 29.06.2011
Die EU-Minister mögen dagegen sein, aber sprechen die auch für alle EU-Bürger? Die 400.000 Arbeitsplätze gehen auch drauf wenn in ein paar Jahren die Fische weg sind und zwar komplett. So gesehen scheinen 25% weniger Arbeitsplätze weniger und dafür 75% Arbeitsplätze für eine längere Zeit sinnvoller. Ich bin für die geringeren Fangquoten und dafür das auch in den kommenden Jahren noch Arbeitsplätze im Fischfang existieren.
5. .
frubi 29.06.2011
Zitat von h4ush3rrKeiner ist dafür, aber es wird halt trotzdem durchgesetzt. Das ist Europa! Hoffentlich ist bald Schluss mit dem Unsinn.
Niedrigere Fischfangquoten sind jederzeit zu begrüßen. Egal wer das letztlich beschließt. Ansonsten bin ich selber bei Ktitik an der EU an der vordersten Front aber solch eine Maßnahme ist zu begrüßen.
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Wie Fangquoten bestimmt werden
Was ist eine Fischfangquote?
Unter einer Fangquote versteht man eine festgesetzte Menge an Fischen oder anderem Meeresgetier, die in einem bestimmten Gebiet während eines festgesetzten Zeitraumes gefangen werden darf.
Wer legt die Fangmengen in Europa fest?
Für Europa erhebt der International Council for the Exploration of the Sea (ICES), eine zwischenstaatliche wissenschaftliche Organisation mit Sitz in Dänemark, wie es um die Bestände der einzelnen Fischsorten bestellt ist. Es wird anhand von Stichproben analysiert, wie sich Populationen entwickeln und wie viele Jungfische nachkommen. Auf Basis dieser Daten gibt der ICES Empfehlungen heraus, wie viel Fisch gefangen werden kann, ohne Raubbau an der Natur zu treiben. Über die Fangmengen, die sogenannten TACs (Total Allowable Catch) entscheiden aber die Agrarminister der Länder. Gingen diese früher oft über die wissenschaftlichen Empfehlungen hinaus, orientieren sich die Minister mittlerweile deutlich stärker daran, was der ICES rät.
Was bedeutet das für die einzelnen Länder?
Sind die jährlichen Höchstfangmengen einmal festgelegt, ergibt sich daraus die Fangmenge pro Land. Welchen Anteil an der Gesamtmenge eines Fisches ein einzelnes Land fangen darf, richtet sich nach einem Quotensystem. Dies stammt noch aus den achtziger Jahren. Es wurde damals auf Basis historischer Fangzahlen vereinbart und gilt weitgehend noch heute.
Wer legt fest, welche Mengen welcher Fischer fangen darf?
Wie die Gesamtmenge unter den Fischern eines Landes aufgeteilt wird, ist europaweit sehr unterschiedlich. Während einige Länder die Rechte nach bestimmten Quotensystemen auf die Fischer aufteilen, werden anderswo Fischereirechte auf dem freien Markt gehandelt. In Deutschland regelt die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) die Verteilung der Fangrechte. Dabei orientiert sie sich an vergangenen Fangmengen der einzelnen Akteure. Wie auch immer die Länder die Verteilung regeln: Letztlich sind sie dafür verantwortlich, dass ihre Fischer die ihnen zugesprochenen Fangmengen nicht überschreiten.
Wie wird kontrolliert?
Die Art der Kontrolle ist europaweit sehr unterschiedlich. So gibt es beispielsweise Schiffe, die ihren Fang freiwillig per Kamera dokumentieren. Anderswo müssen Fischer Logbücher führen. Größere Schiffe sind zum Teil an Überwachungssysteme angeschlossen, mittels derer kontrolliert werden kann, wo sie sich aufhalten. Hilfestellung bei der Überwachung soll den Mitgliedsländern die Europäische Fischereiaufsichtsagentur (CFCA) im spanischen Vigo leisten.
Gibt es trotzdem Streit?
Auch wenn die Fangquoten innerhalb der EU feststehen: Da Fische sich nicht an Grenzen halten, sind oft auch die Interessen anderer Staaten berührt. Aufgrund klimatischer Veränderungen befanden sich beispielsweise vor kurzem deutlich mehr Makrelen vor Island als noch in den Jahren davor, woraufhin die krisengebeutelte Isländische Regierung die Fangmenge massiv anhob. Die Schotten und Iren, die sich weiter an die innerhalb der EU vereinbarten Quantitäten halten mussten, hatten das Nachsehen.
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