Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Refugium für Löwen: Zuflucht im Land der Väter

Von

Von Europa nach Südafrika: Großkatzen bekommen neues Zuhause Fotos
REUTERS/ Mihai Vasile/ Four Paws

Zirkus- und Zoolöwen aus Europa finden in einem Refugium in Afrika ein neues Zuhause. Ärzte und Pfleger behandeln dort die Folgen falscher Haltung und helfen bei der Eingliederung. An ihr neues Leben in großzügiger Umgebung müssen die Raubkatzen sich erst gewöhnen.

Südafrika - Freiheit braucht Mut: Aus den Transportkisten wagt sich zuerst ein Löwenjunges hervor, tapst suchend umher, ruft mit einem rauen "Auaa" nach der Mutter. Die rennt aus ihrer Box, streicht hin und zurück, während das zweite Junge sich noch nicht ins Freie traut. Noch einmal geht das Fallgitter scheppernd hoch: Ein mächtiges gelbbraunes Hinterteil schiebt sich voran, mit einem Satz springt der Patriarch aus dem Gehäuse, brüllt die verwirrte Löwin an.

Zum ersten Mal Gras unter den Pfoten, zum ersten Mal afrikanische Sonne auf dem Fell: "Die Familie braucht Zeit, sich einzugewöhnen," sagt Hildegard Pirker, verantwortliche Tierpflegerin in Lionsrock, dem Raubkatzenrefugium 300 Kilometer südlich von Johannesburg.

Mehr als 80 Löwen haben hier, am Fuß einer Gebirgskette in der südafrikanischen Provinz Vrystaat, eine Zuflucht gefunden - nach einem elenden Dasein in Gefangenschaft. Die vier Neuankömmlinge stammen aus einem rumänischen Zoo, der den großen Katzen nur 40 statt der nach EU-Richtlinie vorgeschriebenen 500 Quadratmeter Lebensraum bot. Auf Beton scheuerten sie sich die Läufe wund, Mangelernährung hat die Beine der Kleinen deformiert.

In ganz Europa hat die internationale Tierschutzorganisation "Vier Pfoten" Löwen aufgespürt, die in heruntergekommenen Zoos, Zirkuswagen und Hinterhöfen dahinvegetierten. "Selbst in Österreich, wo das Auftreten von Wildtieren im Zirkus bereits verboten ist, und in Deutschland findet man noch Großkatzen in Privatbunkern", sagt Pirker.

Auf rund 1250 Hektar Grasland, in fünf großzügigen, miteinander verbundenen Gehegen mit Gebüsch, Anhöhen und Senken, können die befreiten Löwen in Lionsrock ein artgerechtes Leben führen. "In diesen Ausmaßen gibt es so ein Refugium sonst nirgendwo", erklärt Pirker. Zum Vergleich: Hagenbecks Tierpark in Hamburg misst 25 Hektar, der Zoo in Pretoria - Südafrikas größter, mit dem die Leute von Lionsrock gern zusammenarbeiten - rund 85 Hektar. "Das ist nicht nur eine unglaubliche Großkatzenanlage", bestätigt Harald Schwammer, stellvertretender Direktor des Wiener Tiergartens Schönbrunn, "sondern auch ein professionell und nachhaltig geführtes Projekt."

"Auswildern geht nicht"

Für ihre ursprüngliche Heimat in der Savanne jedoch sind die Tiere verloren: Sie werden zwar nach längerem Monitoring in bestehende Rudel eingegliedert, sofern möglich. Doch: "Auswildern geht nicht", sagt Pirker, die auf Großkatzen spezialisiert ist: In Gefangenschaft aufgewachsen, haben die Löwen beispielsweise nie das Jagen gelernt, eine komplizierte soziale Aufgabe.

So ist zweimal in der Woche Fütterung. Dafür stiften Rinderfarmer aus der Umgebung das Fleisch verendeter Tiere, der Schlachthof gibt günstig ab, was für den menschlichen Konsum nicht geeignet ist. In einer Halle zerlegen Ranger Richard Mthambu und seine Kollegen die gelieferten Rinder in große Teile. "Am wichtigsten ist es, die Löwen auch hier als Wildtiere zu respektieren", sagt der 29-Jährige. Wie seine Schützlinge drauf sind, gestresst, ärgerlich oder zufrieden, liest er aus ihren Gesichtern und ihrer Körpersprache.

"Heute sind hier alle gut gelaunt", sagt Mthambu am Gehege, wo das größte Rudel sich nun übers Futter hermacht: Zehn Weibchen und zwei prächtige Kater, deren Mähnen die Körper zur Hälfte bedecken, zermalmen die knackenden Knochen wie Kekse. Genussvoll, so scheint es, lecken sie mit ihren rauen Zungen übers Fleisch.

"Nicht alle können miteinander", sagt Pirker, "manche müssen erst mal für sich bleiben." Auch die "Vergesellschaftung" der nach Lionsrock gebrachten Löwen müsse sorgfältig geplant werden. Über Wochen und Monate beobachtet die Expertin ihre Neuzugänge. Studentische Volontäre protokollieren, wie die Tiere sich verhalten.

Die Vasektomie ist Standardeingriff bei den männlichen Löwen

"Mit aller Konsequenz", so Helmut Dungler, österreichischer Gründer von "Vier Pfoten", "tragen wir die Verantwortung für unsere großen Katzen." Dazu gehört auch die medizinische Versorgung. Beim ersten Check, vor dem Transport nach Lionsrock, stellen die Veterinäre oftmals fest, dass die Zirkus- oder Zoolöwen "entkrallt" worden sind. Weil den mit der Hand aufgezogenen Jungtieren die Nährstoffe der Muttermilch fehlen, zeigen sie zudem vielerlei Mangelsymptome.

Standardeingriff bei den männlichen Löwen ist die Vasektomie, sie werden also unfruchtbar gemacht. Im Gegensatz zur Kastration beeinträchtigt der Eingriff den Hormonhaushalt nicht, den Tieren bleiben ihr Trieb und das Wachstum der Mähne erhalten.

Zum internationalen Expertenteam, das einmal jährlich nach Lionsrock reist, gehört auch Marc Loose. Der Hamburger Zahnarzt, der sich zum Wildtierzahnarzt fortgebildet hat, arbeitet ehrenamtlich im Rachen der narkotisierten Raubkatzen. Die Löwen "können Amok laufen", wenn sie Zahnschmerzen haben, berichtet der Arzt. Manchmal ist ein Abszess schuld, der beseitigt werden muss. Öfter kommt es vor, dass die Löwenzähne durchs Kauen auf tiefgefrorener Zoonahrung, aber auch durch ständiges Nagen an Gitterstäben beschädigt sind.

Den "gebeutelten Kreaturen" zu helfen und zu sehen, wie gut es ihnen anschließend geht, macht dem 46-Jährigen "total Spaß". Auch der neuen Familie ist anzusehen, dass sie sich nun, nach ein paar Wochen Eingewöhnung, wohlfühlt: Die Alten räkeln sich auf dem Rücken, die Jungen toben und spielen. "Ganz offensichtlich", sagt Pflegerin Pirker, "sind sie im Land ihrer Väter angekommen."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ein echtes Refugium ....
system_kritiker 26.05.2013
oder dienen diese Tiere über kurz oder lang "mutigen" Trophäenjägern der Steigerung ihres Egos ?? Bei Abschussprämien von über 20.000 USD pro Löwe ist die Versuchung gross, einen Löwen noch gewinnbringend abschliessen zu lassen, anstatt ihm ein würdigen Tod zu gönnen. Genau diese Überlegung ist im südlichen Afrika Basis für ein zweifelhaftes Geschäftsmodell in der Trophäenjagd. Haben sie, Frau Nimtz-Köster, auch mal nach dem Verbleib der Tiere gefragt ?
2. Refugium
Minette 26.05.2013
heisst nicht Jagdfarm werter Vorredner. Hier sind Menschen mit Liebe zum Tier am Start. Ich finde es grossartig und sehr lobenswert, dass man sich dieser armen Kreaturen annimmt. Weiter so, Respekt!
3. Gleich im ersten Kommentar
chrisw 26.05.2013
Ist ja typisch, gleich im ersten Kommentar wird das Haar in der Suppe gesucht. Typisch deutsches Phänomen. Anstatt sich für die Tiere zu freuen und zu fragen wo man vielleicht spenden könnte, wird gefragt ob die Tiere nachher nicht als Jagdtrophäen missbraucht werden. Vielleicht sollten Sie etwas an ihrer Weltanschauen arbeiten, dass macht das Leben leichter.
4. Es dürfte
Tevje 26.05.2013
weitaus sinnvoller sein, das Geld dazu zu verwenden, wildlebende Löwen in ihren natürlichen Resthabitaten zu erhalten, als ein paar europäische Zoolöwen auf in einem Freizeitpark in Afrika unterzubringen. Aber das bringt einer 'Tierschutz' Organisation wohl nicht die Spendengelder ein, die sie benötigt, um mit E-Klasse Modellen zwischen Wohnort und Niederlassungen in Deutschland hin und her zu fahren, wie ich es daheim regelmäßig beobachte.
5. Dank Tevje!
aucheinemeinung 26.05.2013
danke Tevje, genau aus meinem Herzen gesprochen. Ich hatte auch einen ähnlichen Kommentar reingestellt, der aber nicht veröffentlich wurde, sicherlich passte der nicht in das "heile Weltbild" des berichtes. Ich möchte hier mal an "Free Willy" erinnern, wie viel Geld wurde für einen Schwertwal ausgegeben und noch verfilmt, nur damit dieser nach 6 Monaten in der Freiheit verendet ist. Oder dem Löwen der aus einem Deutschen Tierpark nach Afrika transportiert wurde und dort für 150.000 US$ für einen US-Jäger zum Abschuss verkauft wurde.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: