Regenwald-Hilfe Gut gemeint, schlecht gemacht

Der Westen will mit Milliardenhilfen tropische Wälder schützen - weil klare Standards fehlen, könnte aber ein Fiasko drohen. Am Ende könnten die Falschen von den riesigen Beträgen profitieren, warnen Experten. Die indigene Bevölkerung müsste zu Wächtern des Regenwaldes werden.

Regenwald-Abholzung in Brasilien: "Die Staaten haben viel Geld versprochen"
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Regenwald-Abholzung in Brasilien: "Die Staaten haben viel Geld versprochen"

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Eigentlich ist die Rechnung ganz einfach: Wer den Wald schützt, tut Gutes für das Klima. Denn in Pflanzen und Boden darunter sind riesige Mengen Kohlenstoff gespeichert. Werden die Flächen durch Brandrodung bereinigt, gelangen Kohlendioxid und Methan in die Atmosphäre.

Auch wenn sich die Klimabilanz wissenschaftlich noch immer schwer quantifizieren lässt, erscheint es nur folgerichtig, wenn Waldschutz finanziell belohnt wird. "Reduzierte Emissionen aus Waldzerstörung und Walddegradierung" (Redd) heißt der Prozess, bei dem Industrieländer dafür zahlen, dass in Entwicklungs- und Schwellenländern große Waldgebiete erhalten bleiben - ein neuer Bericht weist nun aber auf die Gefahren hin, die Redd mit sich bringen könnte.

Verfasst wurde dieser Bericht von der Rights and Resources Initiative (RRI). Zu dem Bündnis gehören unter anderem die Weltnaturschutzorganisation (IUCN) und das Zentrum für internationale Forstwissenschaft (CIFOR). "Die Staaten haben viel Geld versprochen, sich aber nicht auf Strukturen für Redd geeinigt", sagt RRI-Chef Andy White SPIEGEL ONLINE. Weil sich die Welt in Kopenhagen nicht auf einen Klimavertrag geeinigt habe, fehlten jetzt Regeln und Sicherheitsmaßnahmen für eine richtige Umsetzung von Waldschutzprojekten.

Die Wissenschaftler befürchten, dass Regierungen von Entwicklungs- und Schwellenländern dazu verleitet werden könnten, die Rechte lokaler Gemeinschaften zu missachten - um direkt an das Geld der Investoren zu gelangen.

Industriestaaten versprechen Milliardenzahlungen

Es geht um viel. Bis jetzt gibt es erst Pilotprojekte, doch einige Industriestaaten haben größere Geldmengen für den Waldschutz in Aussicht gestellt. In Kopenhagen hatten sechs Länder - die USA, Australien, Norwegen, Großbritannien, Frankreich und Japan - versprochen, allein bis zum Jahr 2012 rund 3,5 Milliarden Dollar für Redd-Vorhaben zur Verfügung zu stellen. In den folgenden Jahren könnten sich die Summen noch erhöhen, zumal wenn weitere Partner mitmachen würden.

Für Industrieländer ist Redd gleich doppelt attraktiv. Zum einen lässt sich damit effektiver Klimaschutz betreiben, zum anderen haben die reichen Staaten auf diese Weise die Chance, unpopuläre Maßnahmen zu Hause zu verhindern - und sich mit Investments im Ausland ein Stück weit freizukaufen. Zum anderen könnte ein Run auf die Waldschutzprojekte schon existierende CO2-Handelssysteme wie in Europa zerstören. Eine Schwemme von billigen Emissionszertifikaten aus Redd-Vorhaben würde den Preis für den Ausstoß von Treibhausgasen möglicherweise in den Keller drücken.

White und seine Kollegen befürchten aber, dass der Redd-Geldregen vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern problematische Folgen haben könnte - solange es noch keine einheitlichen Regeln für die Projekte gibt. Sie warnen vor steigender Korruption und vor der Entrechtung indigener Bevölkerungen. Im schlechtesten Fall würden Redd-Gelder zum Beispiel bei Holzfirmen landen, die sich vorher auf dubiosem Weg Waldlizenzen verschafft haben.

Universelles Regelwerk fraglich

Die Regeln für den Waldschutz müssten eigentlich Teil eines globalen Klimaabkommens sein. Doch ob es das jemals geben wird, steht nach dem Chaosgipfel von Kopenhagen in den Sternen. Frankreich und Norwegen haben deswegen für dieses Jahr zu Treffen eingeladen, auf denen spezielle Rahmenbedingungen für Waldschutzprojekte ausgearbeitet werden sollen. Dann würde zwar kein universales Regelwerk herauskommen, zumindest sollen aber wichtige Staaten wie Brasilien und Indonesien mit im Boot sein. White glaubt, dass nur ein koordinierter Ansatz für ein Redd-System überhaupt weltweit positive Folgen haben kann.

Die RRI-Forscher haben eine Hauptforderung: So weit wie möglich sollen lokale Gemeinschaften zu Hütern der Wälder gemacht werden, nicht Bürokraten aus der Verwaltung. "In Wälder, die von Regierungen kontrolliert werden, ist die Abholzungsrate am höchsten", sagt Andy White. Dagegen gebe es in Gebieten, die von Gemeinschaften lokaler Bewohner verwaltet werden, die niedrigsten Holzeinschlagraten - diese würden sogar weit unter denen von Nationalparks liegen. White verweist auf "ermutigende Entwicklungen" bei Landreformen in China und Brasilien zugunsten lokaler Gruppen.

Offenbar bringen die Vorstöße Erfolg - zumindest sind die Regenwaldabholzungen im Amazonas zuletzt deutlich zurückgegangen. Auf dem Klimagipfel in Kopenhagen hatte der Amazonas-Häuptling Almir Surui dafür geworben, sein Volk den eigenen Wald verwalten zu lassen: "Das Geld steht uns zu, den Wächtern des Regenwalds." Sein Stamm habe einen 50-Jahres-Plan vorbereitet, um die eigene Lebensweise inmitten eines intakten Waldes fortzusetzen.

"Redd bleibt eine große Chance für den Klimaschutz"

Noch innerhalb dieses Jahres müsse das Problem der fehlenden Regeln für den Waldschutz gelöst werden, fordert Andy White. "Redd bleibt eine große Chance für den Klimaschutz." Noch sind viele Entwicklungs- und Schwellenländer interessiert an dem Ansatz. Sie sehen ihn nicht zuletzt als Indikator dafür, wie viel die reichen Staaten bereit sind, für den Klimaschutz zu investieren.

Doch in Südamerika zeigt sich, dass die Zeit zu handeln begrenzt ist. Die Regierung von Ecuador zum Beispiel wollte das riesige Ölvorkommen Ishpingo-Tambococha-Tiputini in der Amazonasregion nicht erschließen, wenn sie dafür angemessen entschädigt wird. Die Forderung der Ecuadorianer lag bei 3,5 Milliarden Dollar über einen Zeitraum von zehn Jahren. Das sollte die Hälfte des geschätzten Marktwertes sein. Vor wenigen Tagen jedoch zeigte sich Präsident Rafael Correa extrem unzufrieden mit dem aktuellen Verhandlungsstand.

Sein Land wolle sich nicht von ausländischen Mächten bevormunden lassen, sagte er. "Was die wollen, ist, dass in der ganzen Amazonasregion die Vögelchen glücklich leben und die Menschen an Hunger sterben." Nun soll der staatliche Ölkonzern Petroecuador eine Ausschreibung der Ölreserven vorbereiten. Als Interessenten stünden die chinesische Ölfirma Sinopec und die brasilianische Konkurrenz von Petrobras bereits bereit, schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
muwe6161 23.01.2010
1. Also bitte?
Zitat von sysopDer Westen will mit Milliardenhilfen tropische Wälder schützen - weil klare Standards fehlen, könnte aber ein Fiasko drohen. Am Ende könnten die Falschen von den riesigen Beträgen profitieren, warnen Experten: Die Eingeborenen müssten zu Wächtern des Regenwaldes werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,673411,00.html
Bin ich der einzige der hier nutzlose Romantik zu erkennen glaubt? Wäre Aufforstung verödeter Gebiete, mit nachhaltigen Hölzer und einer sanfteren Nutzung nicht viel besser?
hdudeck 23.01.2010
2. Tropenwald vs Lueneburger Heide
Solange wir uns in Deutschland eine von Menschenhand, biologisch weitgehend tote Landschaft wie die Lueneburger Heide leisten, haben wir kein Recht, anderen gute Ratschlaege in punkto Landschaftserhaltung zu geben. Anstatt viel Geld in ferne Gegenden zu investieren, sollten wir lieber bei uns selbst anfangen. Die Lueneburger Heide ist eine vom Menschen erschaffene, weitgehend biologisch tote Landschaft (das Holz wurde fuer die Salzgewinnung benutzt), deren Existens in der immer wiederholten Abholzung natuerlich nachwachsender Baeume abhaengt. Das Argument, mit diesem Vorgehen eine Kulturlandschaft zu erhalten, ist angesicht des Klimawandels nicht nachzuvollziehen. Wenn wir das tun, sollten wir uns mit Forderungen und Ratschlaegen an die dritte Welt zurueckhalten. Die sogenannte zivilisierte Welt hat ihren Anteil an der Natur weitgehend verbraucht um ihren heutigen Wohlstand zu erreichen. Wir sollten diese Recht, das Gleiche zu tun, angesichts des Elends in dem Rest der Welt als natuerliches Vorgehen der Einwohner akzeptieren. Fangt endlich an, vor der eigenen Tuer die Natur das machen zu lassen, was der Natur eigen ist: Eine natuerliche, biologisch wertvolle Landschaft zu erzeugen. Wie schon gesagt wurde, die Natur braucht nicht den Menschen, aber der Mensch braucht die Natur. HD new York
systemfeind 23.01.2010
3. Das Betreten des Waldes ...
Zitat von sysopDer Westen will mit Milliardenhilfen tropische Wälder schützen - weil klare Standards fehlen, könnte aber ein Fiasko drohen. Am Ende könnten die Falschen von den riesigen Beträgen profitieren, warnen Experten: Die Eingeborenen müssten zu Wächtern des Regenwaldes werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,673411,00.html
...sollte für Europäer ( Gutmenschen , Kirchenleute , NGO-Profilneurotiker ) grundsätzlich verboten sein . Die Indianer erhalten moderne Schnellfeuergewehre und legen jeden Christenmenschen der den Wald "mit guten Absichten" betritt einfach um . Keine Vorwarnung , keine Fragen , keine Forscher , keine Pharmaleute + Froschfänger , keine Katholiken , keine Goldschürfer .
tylerdurdenvolland 24.01.2010
4. .....
Zitat von systemfeind...sollte für Europäer ( Gutmenschen , Kirchenleute , NGO-Profilneurotiker ) grundsätzlich verboten sein . Die Indianer erhalten moderne Schnellfeuergewehre und legen jeden Christenmenschen der den Wald "mit guten Absichten" betritt einfach um . Keine Vorwarnung , keine Fragen , keine Forscher , keine Pharmaleute + Froschfänger , keine Katholiken , keine Goldschürfer .
Sie haben es doch im Artikel gelesen, da sind mal wieder Milliarden zu verdienen. Da werden unsere Leistungsträger schon Leute finden, die sie dorthin schicken könne, und mit denen man die Leute an den Schnellfeuergewehren ablenken kann. Und die "Fachleute" werden dann, selbstverständlich um den Wald zu schützen (das ganze auf Gutachten von Experten gestützt) die besten Hartholz Bäume heraus selektieren und dafür zusätzlich noch Erst-Welt-Kohle kassieren. Wie wir in einem anderen Artikel im SPON heute ja auch lesen konnten, wird das Klima ja zukünftig durch den nunmehr endgültig beschlossenenen Ausstieg aus dem Ausstieg geschützt werden. Ich sehe keine Grund warum man ein Problem mit Wohlergehen einer Menswchheit haben sollte, die sich all dies gefallen lässt...
Celegorm 24.01.2010
5. ...
Zitat von muwe6161Bin ich der einzige der hier nutzlose Romantik zu erkennen glaubt? Wäre Aufforstung verödeter Gebiete, mit nachhaltigen Hölzer und einer sanfteren Nutzung nicht viel besser?
Die blumige Wortwahl ist in der Tat nahe an der Grenze zur peinlichen Plattitüde. Das sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass das dahinterstehende Konzept durchaus fundiert ist. Denn grundsätzlich geht es halt darum, dass lokale Gemeinschaften eben gerade ein guter Rahmen für nachhaltige, kooperative Nutzungsmodelle sind und deshalb auch einen soliden Schutz für ein Ökosystem bieten. Ist übrigens auch ein Schwerpunktthema der letztjährigen Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom. Zuerst einmal: Es geht hier um den Schutz intakter Waldgebiete, ein anderes Thema, das diesbezüglich auch absolute Priorität geniessen sollte. Ansonsten ist in dem Gebiet gerade ein Problem, dass Aufforstung nicht so simpel ist wie etwa in Europa, u.a. aufgrund der völlig anderen Bodenverhältnisse. Es ist entsprechend überaus schwierig, einen dem vorherigen Zustand entsprechenden Wald zu reproduzieren und alles andere ist hinsichtlich der Biodiversität wertlos. Kommt hinzu, dass vielfach die Holzfäller vielfach nur die Vorhut sind, auf die Rinderherden, Soja oder Zuckerrohr folgen.
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