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Regionaler Atomkonflikt: Forscher simulieren nukleare Kriegskatastrophe

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Ein Atomkrieg zwischen regionalen Mächten wie Indien und Pakistan wäre ein Desaster - und zwar für den gesamten Planeten. Forscher haben jetzt mit neuen Klimamodellen die Folgen eines solchen Konflikts berechnet: Das Ergebnis ist noch alarmierender als bei früheren Simulationen.

Atomkrieg: Klimafolgen der nuklearen Katastrophe Fotos
DPA/ ISPR

Es war das Horrorszenario des Kalten Krieges: Im Falle eines Atomkriegs zwischen den USA und der Sowjetunion wären nicht nur die Gebiete beider Supermächte verwüstet - die gesamte Menschheit könnte ausgelöscht werden. Riesige Waldflächen und Hunderte Großstädte würden brennen, Millionen Tonnen Staub, Ruß und andere Aerosole in die Atmosphäre gelangen. Die Folge wäre eine dramatische Abkühlung der Erde, die katastrophale Ernteausfälle zur Folge hätte. Zu den vielen Millionen Menschen, die den Atombomben unmittelbar zum Opfer fielen, käme eine ungeheure Zahl weiterer Todesopfer durch Kälte und Nahrungsmittelknappheit.

Die Theorie vom nuklearen Winter sorgte für Entsetzen, als sie 1982 von John Birks und dem späteren Chemienobelpreisträger Paul Crutzen erstmals vorgestellt wurde. Doch schon bald wurde sie heftig kritisiert und von anderen Wissenschaftlern als übertrieben gebrandmarkt. Das Ende des Kalten Krieges und die Abrüstungsbemühungen der USA und Russlands ließen den nuklearen Winter endgültig wie ein gebanntes Schreckgespenst aus vergangenen Zeiten aussehen.

Das ist eine gefährliche Fehleinschätzung, wie Wissenschaftler jetzt erklären. Aktuelle Berechnungen bestätigen demnach, dass schon ein vergleichsweise kleiner, regionaler Atomkrieg katastrophale globale Folgen hätte. Dabei geht es nicht nur um teils drastische Temperaturstürze, sondern auch um die Zerstörung der globalen Ozonschicht, was am Boden für extreme UV-Strahlungswerte sorgen würde.

Neues und besseres Rechenmodell

Schon 2008 hatte Michael Mills vom National Center for Atmospheric Research in Boulder (US-Bundesstaat Colorado) gemeinsam mit Kollegen einen Atomkrieg zwischen Pakistan und Indien am Computer simuliert. Jetzt hat sich der Forscher mit moderneren Rechenmodellen erneut an die Arbeit gemacht. Das Ergebnis: Die Folgen eines solchen Atomkonflikts wären noch gravierender als bisher angenommen.

Mills und seine Kollegin Julia Lee-Taylor haben das "Whole Atmosphere Community Climate Model" (WACCM) angewandt, das - anders als das vor drei Jahren benutzte Modell - nicht nur die Atmosphäre betrachtet. "Es ist mit vollständigen Ozean-, Meereis- und Landeis-Modellen gekoppelt", sagt Mills jüngst bei der Jahrestagung des weltgrößten Forscherverbands AAAS in Washington. "Und es besitzt eine viermal höhere Auflösung."

Die Grundannahme ist die gleiche wie vor drei Jahren: Indien und Pakistan zünden insgesamt 100 Atombomben mit einer Sprengkraft von jeweils 15 Kilotonnen TNT, das entspricht der Stärke der Hiroshima-Bombe. Die Folge wäre nicht nur der Tod vieler Millionen Menschen. Aus den brennenden Städten würden rund fünf Millionen Tonnen Ruß bis in die Stratosphäre steigen. Zunächst treibe die enorme Hitze großflächiger Feuersbrünste den Dreck in die Höhe, anschließend würden die dunklen Partikel von der Sonne erhitzt. So steigen in der Simulation 80 Prozent des Rußes in Höhen von bis zu 60 Kilometer auf.

Eine ähnliche Katastrophe, wenn auch eine wesentlich kleinere, hat es in der jüngeren Geschichte bereits gegeben: Als 1815 der Vulkan Tambora in Indonesien ausbrach und gewaltige Mengen an Asche und Gasen in die Erdatmosphäre blies, sanken die Temperaturen in Europa und Nordamerika deutlich. Im sogenannten Jahr ohne Sommer vernichteten Kälte und Frost die Ernten, in vielen Ländern kam es zu Hungersnöten.

Folgen wären jahrelang zu spüren

Die Klimafolgen eines Atomkriegs aber würden wesentlich länger andauern, befürchten die Wissenschaftler. Die Dreckpartikel aus den brennenden Städten "halten sich wesentlich länger in der Atmosphäre als beispielsweise vulkanische Aerosole", sagte Luke Oman von der US-Weltraumbehörde Nasa bei der AAAS-Tagung. "Selbst nach zehn Jahren sind noch große Mengen in der Stratosphäre enthalten."

Andere Forscher, die nicht an den aktuellen Arbeiten beteiligt waren, halten die neuen Berechnungen für stichhaltig. "Das sind sehr starke Ergebnisse", sagt Guy Brasseur, Direktor des Climate Service Centers in Hamburg. Das WCAMM sei eines der besten Klimamodelle der Welt. Auch hätten Mills und Lee-Taylor die chemischen Prozesse in der Atmosphäre "sehr detailliert" berechnet, indem sie mehr als 100 Spurengase berücksichtigt hätten. Zwar sei es immer problematisch, wenn man "große Störungen" wie einen Atomkrieg in ein Klimamodell einspeise - "aber WCAMM schafft das", sagt Brasseur. Auch Daniela Jacob vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie hält die Ergebnisse für "sehr plausibel".

Der neue Rechenlauf - dessen Ergebnisse bisher noch nicht in einem Fachblatt publiziert wurden - kommt wie der alte zu dem Ergebnis, dass die Niederschläge im globalen Durchschnitt um knapp zehn Prozent sinken würden. Die Temperatur aber würde laut Mills noch deutlich stärker fallen: Statt um 1,2 Grad Celsius, wie 2008 berechnet, werde sich die Erdoberfläche im weltweiten Mittel auf Jahre hinaus um fast zwei Grad abkühlen. In Nordeuropa könnte es den Berechnungen zufolge sogar bis zu vier Grad kälter werden. Der Rückgang des Niederschlags wiederum betreffe vor allem Länder in den Tropen - in diesen Punkten waren sich beide Simulationen einig.

Mills und Lee-Taylor haben erstmals auch den teils extremen Anstieg schädlicher UV-Strahlung auf der Erdoberfläche berechnet, der durch die Zerstörung der Ozonschicht nach einem Atomkrieg zu erwarten wäre.

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frubi 25.02.2011
Zitat von sysopEin Atomkrieg zwischen regionalen Mächten wie Indien und Pakistan wäre eine Desaster - und zwar für den gesamten Planeten. Forscher haben jetzt mit neuen Klimamodellen die Folgen eines solchen Konflikts berechnet: Das Ergebnis ist noch alarmierender als bei früheren Simulationen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,746670,00.html
Dafür braucht es Forscher? Ich brauche 2 Minuten auf Youtube um sehen zu können, wie vernichtend die Kraft einer Atombombe ist. Wobei die Forscher natürlich weiter ins Detail gehen. Jedoch brauche ich keinen Doktortitel um zu erkennen, dass ein bewaffneter Konflikt mit Atomwaffen nicht gerade gut für die jeweilige Region und für den Planeten ist.
2. Gut dass das jmd. erforscht.
DüsseldorferZusatz 25.02.2011
Zitat von sysopEin Atomkrieg zwischen regionalen Mächten wie Indien und Pakistan wäre eine Desaster - und zwar für den gesamten Planeten. Forscher haben jetzt mit neuen Klimamodellen die Folgen eines solchen Konflikts berechnet: Das Ergebnis ist noch alarmierender als bei früheren Simulationen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,746670,00.html
War mir auch vorher schon klar. Und dass ohne Studie. und dass es langfristig weniger Menschen gäbe, wäre wohl auch nicht tragisch. Frohes Wochenende!
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Poisen82, 25.02.2011
Zitat von sysopEin Atomkrieg zwischen regionalen Mächten wie Indien und Pakistan wäre eine Desaster - und zwar für den gesamten Planeten. Forscher haben jetzt mit neuen Klimamodellen die Folgen eines solchen Konflikts berechnet: Das Ergebnis ist noch alarmierender als bei früheren Simulationen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,746670,00.html
Es freut mich das endlich ein Mittel gegen die Globale Erwärmung gefunden wurde, im Mittel würden die Temperaturen um 2 Grad fallen und würde den Klimawandel ausgleichen. Zu der UV Strahlung sei gesagt, wenn wir alle frieren geht ih niemand im T-shirt raus und die Pflanzen wachsen eh nicht. Also eine klassische Win Win Situation, wann dürfen wir mit mit den ersten Bomben rechnen? (Zynismus™ 2011)
4. .
MashMashMusic 25.02.2011
Zitat von frubiDafür braucht es Forscher? Ich brauche 2 Minuten auf Youtube um sehen zu können, wie vernichtend die Kraft einer Atombombe ist. Wobei die Forscher natürlich weiter ins Detail gehen. Jedoch brauche ich keinen Doktortitel um zu erkennen, dass ein bewaffneter Konflikt mit Atomwaffen nicht gerade gut für die jeweilige Region und für den Planeten ist.
Ich glaube kaum, dass Ihnen deutlich klar sein würde, welche Folgen ein nuklearer Schlagabtausch hat und ab welcher Menge eingesetzter Waffen es problematisch wird. Und welche Folgen exakt das haben wird. Das dürften noch nicht mal die Forscher wissen. Der Einsatz der bisherigen Waffen hatte jedenfalls keinen messbaren Einfluss aufs Klima, ebensowenig die große Menge Tests in den Fünfzigern. Daher spielt es sehr wohl eine Rolle, ob es um "mehrere Millionen" Tote geht oder "viele Millionen", wie am Anfang des Artikels euphemistisch über einen Dritten Weltkrieg gesagt wird. Ich persönlich bei einem klassischen Atomkrieg zwischen den Supermächten eher mit Milliarden Toten rechnen bis hin zur fast völligen Ausrottung der Spezies Mensch.
5. Angsmacherrei
ambestenwisser, 25.02.2011
Diese Modelle beinhalten nicht die Wolkenbildung, diese ist aber entscheidend für das Klima, wie jeder jeden Tag sehen kann. Ein Großteil der Partikel regnen auch gleich wieder ab. Für dieses Szenario ist das Modell nicht geeignet und ausgelegt. Man kann mit Computermodellen alles zeigen. Ist so wie mit Statistiken, nur dass ich nur die Darstellung sondern auch die Daten selbst fast beliebig beeinflussen kann. Ich habe technische Kybernetik studiert, sag mir das Ergebnis, das Du haben willst, ich mache Dir Deine Simulation. Im Gegensatz zu Atombomben schleudern Vulkane aktiv Unmengen an Material in die Atmosphäre. Bei Atombomben steigen hingegen nur ein Teil der Asche von den Bränden nach oben. Außerdem entsteht bei einer Verbrennung viel Wasserdampf, der nachher als Regen abregnet, dabei wird die meißte Asche wieder ausgewaschen und die Luft sauber. Außerdem sind Vulkanausbrüche viel stärker als Atombomben. so wird z.B. der (nicht übermäßig große) Ausbruch des Mount St. Helens 1980 auf das 1.600-Fache der Hiroshima-Atombombe geschätzt (siehe Wikipedia). 100 Atombomben, viele Städte sind kaputt, viele hundert Millionen Tote, aber das Klima merkt davon nicht.
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Globale Atomwaffen-Arsenale
Land
Bestand
Russland 11.000*
USA 8.500**
Frankreich ca. 290
China 240
Großbritannien 225
Israel 80
Pakistan 90-110
Indien 80-100
Nordkorea weniger als 10
Gesamt ca. 20.500
*davon 2430 einsatzfähig und 3000 außer Dienst
** davon 2150 einsatzfähig und 3500 außer Dienst
Quelle: FAS; Stand: 7. Juni 2011


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