Regionales Modell Wo es in Deutschland am heißesten wird

Regenfluten im Südwesten, Tropennächte an der Küste: Ein neues Klimamodell zeigt, wie sich zwischen Eifel, Rügen und Oberbayern das Wetter ändern könnte. Den tiefstgreifenden Wetterwandel haben Norddeutsche und Bewohner des Voralpenlandes zu erwarten.

Von Stefan Schmitt


Eifel und Hunsrück, jene Mittelgebirge zwischen denen die Mosel Richtung Rhein fließt, steht eine Zukunft mit Regen bevor. Mit viel Regen. Es wird dort im Zeitraum zwischen 2071 und 2100 auch deutlich wärmer sein als gegenwärtig. Nicht überall gehen warm und feucht einher: Die möglichen Auswirkungen des Klimawandels unterscheiden sich in den unterschiedlichen deutschen Landschaften zum Teil drastisch.

Während in Rheinland-Pfalz mehr Regen fallen könnte, wird es besonders im Nordosten Brandenburgs und Vorpommerns auf Grund heißer, regenarmer Sommer deutlich trockener werden - so erzählen es die Ergebnisse einer neuen regionalen Modellrechnung im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA).

Deutschland droht demnach bis zum Jahr 2100 ein merklicher Temperaturanstieg. Im Vergleich zum Zeitraum von 1961 bis 1990 müsse von einer Erhöhung der Tagesmittelwerte zwischen 1,8 und 2,3 Grad Celsius ausgegangen werden, so die Behörde. Die stärkste absolute Erwärmung könnte es in Norddeutschland abseits der Küsten sowie in den Voralpen geben.

Der "Wettreg" genannten Studie zufolge nehmen die Niederschläge von 2071 an deutschlandweit um 17 bis 22 Prozent ab, im ohnehin schon trockenen norddeutschen Tiefland gar um bis zu 50 Prozent. Für die Winter in den Gebirgsregionen werden hingegen deutlich höhere Niederschläge erwartet.

Mögliches Wetter von Morgen simuliert

Andreas Troge, der Präsident des Umweltbundesamtes, sprach davon, dass die Berechnungen verdeutlichten, "was mit dem Klimawandel auf uns zu kommen dürfte". Zugleich könne man sich rechtzeitig auf diese unabwendbaren Folgen einstellen.

Tatsächlich tauchen in den Szenarien aus dem Supercomputer viele Prognosen auf, die nicht zum ersten Mal geäußert werden: Es wird im Durchschnitt wärmer. Die Sommer werden trockener, die Winter feuchter und milder. Hitzesommer wie jene in den Jahren 2003 und 2006 werden wohl häufiger werden, inklusive vieler sogenannter Tropennächte mit mehr als 20 Grad Celsius und Niedrigwasser in deutschen Flüssen.

"Für Leute, die mit Klimamodellierung zu tun haben, ist das jetzt nicht die Neuigkeit schlechthin", sagt UBA-Sprecherin Claudia Mäder zu SPIEGEL ONLINE.

Erst im vergangenen April hatte das Amt eine Studie zu den regionalen Auswirkungen des Klimawandels veröffentlicht. Das Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie hatte mit einem Computermodell namens Remo mediterrane Temperaturen für die Ostseeküste, heiße Nächten in Freiburg und teilweise deutliche Zunahmen der Winterniederschläge prognostiziert.

Statistischer Vergleich statt Schachbrett-Hochrechnung

Im Oktober stellte sich dann bei einer Fachkonferenz in München heraus: Ein Rechenfehler in dem komplizierten Formelwerk hatte für den Alpenraum zu Über- und Unterschätzungen der Niederschlagsmenge geführt. Teilweise waren in einem Planquadrat der Simulation die Regenmengen stark gestiegen, im nächsten Nachbarquadrat hingegen stark gesunken. Forscher sprechen von einem Schachbretteffekt.

"So etwas passiert bei Wettreg definitiv nicht", sagt Mäder. Anders als bei Remo sei Deutschland diesmal nicht in Planquadrate unterteilt worden, in denen Algorithmen die gesamte Hydro- und Thermodynamik des Wettergeschehens simulieren sollten. Vielmehr hat für Wettreg die Firma Climate & Environment Consulting (CEC) aus Potsdam die Wetterdaten von 282 aus Klima und 1700 Niederschlag-Messstationen in ganz Deutschland ausgewertet.

Als statistisches Klimamodell basiert Wettreg auf der Annahme: Wenn man die jeweils herrschende Großwetterlage mit den Parametern des Mikroklimas in einer Region vergleicht, so erhält man eine wahrscheinliche Voraussage, welches regionale Wetter dieselbe Großwetterlage in der Zukunft verursachen wird.

Und über Rechenmodelle zur Vorhersage der globalen Klimaveränderungen verfügen Forscher bereits seit Jahren. Eines davon, das sogenannte Echam5-Modell (ebenfalls vom Hamburger MPI), diente der Wettreg-Studie als Grundlage.

Mit nur einem Regionalmodell "ziemlich schlecht beraten"

"Diese statistische Regionalisierung ist in der Meteorologie weit verbreitet", sagt Uwe Ulbrich von der Freien Universität Berlin zu SPIEGEL ONLINE. Doch er schränkt ein: "Kann man die für das jetzige Klima gültigen Ansätze auch auf das zukünftige Klima übertragen?" Von der Großwetterlage auf die regionale Witterung zu schließen, sei prinzipiell sicher zulässig. Ob das aber auch für einzelne Parameter wie Niederschlagsmenge und Temperatur gelte, sei nicht zwangsläufig gesagt.

Auch Claudia Mäder vom Umweltbundesamt spricht beim aktuellen Regionalmodell von einem "weiteren Steinchen". "Wenn man sich alleine darauf verlassen würde", sagt Wetterexperte Ulbrich, "wäre man ziemlich schlecht beraten". Im April erwartet das Dessauer Amt die Resultate einer Forschungsarbeit, in der die Ergebnisse von Wettreg und Remo miteinander verglichen werden.

Jetzt schon könne man aber sagen, dass die neuen Ergebnisse im Großen und Ganzen mit dem in Remo aufgezeigten Trend vergleichbar seien, sagte Mäder. Dennoch zeigen auch die heute vorgestellten Ergebnisse nur mögliche Versionen der Zukunft - und nur solche, die sich berechnen ließen.

Das Beratergremium International Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen hatte im Jahr 2000 eine eigene, recht kryptische Bezeichnung für Was-passiert-wenn-Gedankenspiele zum Weltklima vorgestellt: Verschiedenen Szenarientypen werden darin mit den Bezeichnungen A1, A2, B1 und B2 unterschieden und teilweise nach weiteren Aspekten untergliedert.

Alle verwendeten sind eigentlich Horror-Szenarien

Drei dieser möglichen Zukünfte haben die Klima-Modellierer von CEC für ihre Rechenläufe berücksichtigt: A1 bezeichnet dabei die Annahme, dass bei weiter starkem Wirtschaftswachstum auch die Kohlendioxidemissionen deutlich steigen werden. UBA-Sprecherin Mäder bezeichnet den Ausstoß des Klimagases als "relativ hoch". Das Szenario B1 hingegen betont die Nutzung erneuerbarer und klimaschonender Technologien stärker. Mäder spricht von einem Szenario mit niedrigerem CO2-Ausstoß. Das Szenario A2 stellt eine zunächst moderate, aber langfristig gesehen besonders erwärmungsträchtige Entwicklung dar. Weil die Ergebnisse bis zum Jahr 2100 bei A2 aber zwischen den beiden anderen Szenarien lagen, werden sie in der Kurzdarstellung des Umweltbundesamtes gar nicht mehr berücksichtigt.

Alle verwendeten Modelle beschreiben zukünftige Entwicklungen, die nicht wirklich erstrebenswert sind. "Das ist nicht, was wir im Klimaschutz erreichen wollen", betont Mäder, "wir wollen eine Erwärmung von mehr als zwei Grad Celsius im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten vermeiden".

Am Freitag wird das IPCC bei der Klimakonferenz der Uno in Paris die neueste Fassung seines Reports vorstellen, dessen wichtigste Ergebnisse bereits im vergangenen Jahr durchgesickert waren.

Mit Material von AP/ddp

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