Wildbestand Wie Reh und Hirsch den Wald gefährden

Sie knabbern die Rinde junger Bäume ab oder fressen gleich den ganzen Trieb - Rehe und Hirsche bedrohen die Laub- und Mischwälder in Deutschland. Ein Grund ist unsachgemäße Jagd.

Felix Kästle/dpa

Im Wald von Ernst-Detlef Schulze müssen Rehe und Damwild draußen bleiben. Der Mittsiebziger öffnet einen Zaun und stapft durch die vielen jungen Ahorne und Ulmen, die hier gedeihen. Vor zehn Jahren habe er den Wald hier im nordthüringischen Rehungen durchforstet, um Licht für die nächste Generation von Bäumen zu schaffen. Die sind jetzt auf eine Höhe von rund drei Metern herangewachsen.

"Das haben sie aber nur geschafft, weil ich damals gleich zwei der drei Parzellen eingezäunt habe", erklärt er. "Sonst hätte sie das Wild weggefressen, und es gäbe nur Buchen, die robuster gegen Wildverbiss sind." So wie in der dritten Parzelle, die er erst Jahre später ebenfalls eingezäunt hat.

Während sich Spaziergänger oft über den Anblick von Wildtieren in Wald und Feld freuen, klagen Waldbesitzer wie Schulze über zu viel Reh-, Dam- oder Rotwild. Die Folgen seien erhebliche Schäden an jungen Bäumen. Das gehe so weit, dass bestimmte Baumarten durch Wildverbiss fast komplett verschwinden.

Die Wildtiere vertilgen nicht nur die Triebe junger Bäume. Oft schälen sie auch deren Rinde oder wetzen sie mit ihren Geweihen ab, sodass das zarte Bäumchen abstirbt. Fachleute sprechen dann von Fegeschäden. "Nur mithilfe des Zaunes habe ich hier durch natürliche Verjüngung einen Edelholzlaubmischwald erzeugen können", erklärt Schulze, der Jahrzehnte als Waldbiologe geforscht hat - unter anderem am Jenaer Max-Planck-Institut für Biogeochemie.

Auf einem Drittel der Fläche in Thüringen wachsen zu wenige junge Bäume

Das jüngste Verbiss- und Schälgutachten der Thüringer Landesforstanstalt kam voriges Jahr zum Ergebnis, dass im Mischwald auf einem Drittel der Fläche wegen Wildeinflüssen zu wenige junge Bäume nachwachsen. Dabei sind die Förster auch angesichts des Klimawandels bestrebt, die Vielfalt in hiesigen Wäldern zu erhöhen, statt auf reine Nadelwälder mit Fichte oder Kiefer zu setzen. So sollen die Wälder robuster werden.

"Wir haben seit Jahrzehnten einen Anstieg von Schalenwildbeständen zu verzeichnen", bestätigt Matthias Neumann vom Thünen-Institut für Waldökosysteme im brandenburgischen Eberswalde. Schätzungen zufolge leben in Deutschland im Schnitt zwischen 5 und 20 Rehe pro Quadratkilometer Waldfläche. Kritiker der Wildbestände regen Änderungen im Jagdrecht an, um die Populationen einzudämmen.

Mehr Jagd ist nicht die Lösung

"Ein Ziel muss sein, dass sich die Hauptbaumarten ohne künstlichen Schutz verjüngen. Hier haben wir in weiten Teilen Deutschlands ein Problem", so Neumann. Schäden an jungen Bäumen seien aber nicht allein auf die Tierzahl zurückzuführen. "Wenig Wild heißt nicht unbedingt auch wenig Schäden", betont der Fachmann.

Ähnlich sieht das Sven Herzog, Dozent für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der TU Dresden. Großen Einfluss auf Verbissschäden haben nach Ansicht von Herzog und Neumann auch Störungen des Wildes etwa durch Erholungsuchende im Wald, Verkehr oder eine unsachgemäße Jagd. Deswegen sei es kontraproduktiv, die Jagd grundsätzlich auszuweiten.

Stattdessen müsse über kurze Zeit intensiv gejagt werden, betont Neumann. Ansonsten ziehe sich das Wild ins Unterholz zurück und richte dort noch mehr Schäden an. "Die Jagd im Winter bis in den Januar hinein bringt immense Störungen für die Tiere", ergänzt Herzog. Auch eine fachlich richtig ausgeführte Winterfütterung helfe, Schäden an den Bäumen zu verringern.

Helfen könnte es nach Ansicht der Experten zudem, wenn Waldbesitzer Waldwiesen pflegten, damit Reh und Co. junge Baumknospen verschonen. Neumann plädiert für eine Stärkung sogenannter Hegegemeinschaften, die Grundeigentümern Mitsprachemöglichkeiten bei der Jagd böten. "Es ist schließlich ihr Grund und Boden."

Auf der Suche nach dem Gleichgewicht

"Tiere gehören in die Wälder genauso wie Pflanzen", betont Herzog. Für ihn ist das Einzäunen ganzer Waldstücke keine sinnvolle Lösung. "Wir müssen uns fragen, was wir für Wälder wollen", erklärt er. "Wälder, wie sie mit den Tieren entstehen, oder klinisch reine Wälder." Die Herausforderung sei es, ein Gleichgewicht hinzubekommen.

Schulze hält trotzdem an seinem Konzept fest. "Wenn ich den Zaun jetzt abbauen würde, würde das Damwild den Ahorn schälen und nichts übrig lassen." Er rechne damit, dass der Zaun 50 Jahre stehen bleibe. Dafür, so seine Kalkulation, erzeuge er ein Edellaubholz, das es wegen der hohen Wilddichte dann noch seltener gibt.

"Ein dicker Ahorn oder eine dicke Ulme wird in 100 Jahren bei diesen Bedingungen kaum mehr verfügbar sein, und die Preise steigen", sagt er. Das mache dann seine Kosten für den Zaun wett. "Wenn Sie so wollen, bin ich ein Holzspekulant."

Andreas Hummel, dpa/jme



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