Reiseziel Kern Sonde soll zur Erdmitte vordringen

Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde" soll Wirklichkeit werden: Ein US-Forscher hat einen Plan ersonnen, wie sich eine unbemannte Sonde ins Innere des Planeten schicken ließe.

Von Martin Paetsch


Struktur des Erdinneren (Computermodell auf Basis seismischer Daten): "Vollgestopft mit interessanten Dingen"
D. Vasco (Earth Sciences), W. Bethel (Computational Research)/ LBNL/ UC Berkeley

Struktur des Erdinneren (Computermodell auf Basis seismischer Daten): "Vollgestopft mit interessanten Dingen"

Die Menschheit hat mechanische Kundschafter zu Planeten, Kometen und Asteroiden geschickt - warum, fragt David Stevenson, nicht auch in die unerforschte Welt unter unseren Füßen? Raumsonden sind, so argumentiert der Geologe vom California Institute of Technology, bereits Milliarden Kilometer in das "zumeist leere" Universum vorgedrungen. Bohrungen in die Tiefe, die laut Stevenson "vollgestopft ist mit interessanten Dingen", enden bislang nach etwa zehn Kilometern.

Von der "Reise zum Mittelpunkt der Erde" träumen Menschen schon lange - der französische Schriftsteller Jules Verne war mit seinem 1864 erschienen Buch einer der ersten, als vorerst letzte folgten mit großem Aufwand die Macher des Films "The Core". Doch die Idee, die bislang zumeist ins Reich der Phantastik verbannt wurde, lässt sich durchaus verwirklichen, meint Stevenson. Seinen Plan breitet der Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" aus.

Alles, was man im Prinzip für ein solches Vorhaben braucht, sind laut Stevenson eine außerordentlich widerstandsfähige Sonde von der Größe einer Grapefruit, eine Menge flüssigen Eisens, eine große Explosion - und viel guten Willen. Zuerst müsste ein Riss in der Erdkruste geschaffen werden. Die dazu benötigte Energie entspräche, so hat der Geologe errechnet, wenigen Megatonnen TNT, einem Beben der Stärke sieben oder der Sprengkraft einer herkömmlichen Atombombe, wie sie von vielen Nationen gelagert wird.

Ist der Abgrund erst einmal offen, kann das unbemannte Vehikel darin seine Expedition ins Unbekannte beginnen. Nachgespült wird mit reichlich geschmolzenem Eisen: Der glühende Metallkeil sollte, so Stevenson, trotz des hohen Drucks immer weiter nach unten sinken, wobei sich der Spalt hinter ihm wieder schließt. Bei einer Geschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde könnte die Sonde die knapp 3000 Kilometer zum Kern in einer Woche zurücklegen.

Damit sich der Kundschafter im Eisenbad nicht auflöst, müsste er aus einer Legierung mit einem hohen Schmelzpunkt bestehen. In ihm untergebrachte miniaturisierte Instrumente könnten die Temperatur, die elektrische Leitfähigkeit, die chemische Zusammensetzung und andere Kenndaten der Umgebung messen. Weil das Erdinnere für elektromagnetische Strahlung mit zumutbarer Schwingungsdauer undurchlässig ist, müsste die Sonde über akustische Signale mit der Oberfläche kommunizieren.

Um den ersten Spion in die Tiefe zu schicken, bräuchte man nach Stevensons Berechnungen etwa 100.000 Tonnen Eisen - ungefähr die Menge, die weltweit in einer Stunde gefördert wird. Damit sei sein Vorschlag noch "bescheiden" im Vergleich zum Raumfahrtprogramm. Die Reise ins Erdinnere "mag nur deshalb unrealistisch erscheinen, weil bislang nur wenige Anstrengungen dafür unternommen wurden", schließt Stevenson. "Die Zeit für Taten ist gekommen."



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