Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

507 Jahre alt: Wie Ming, die Muschel, für die Forschung starb

Von

Das älteste jemals entdeckte Tier ist noch älter als gedacht: Die Muschel namens Ming hat nicht 405, sondern 507 Jahre lang gelebt. Sie wäre sogar noch älter geworden. Doch dann kamen Wissenschaftler - und steckten sie in die Kühltruhe.

Muschel Ming: 507 Jahre alt, dann von Forschern entdeckt Zur Großansicht
Bangor University

Muschel Ming: 507 Jahre alt, dann von Forschern entdeckt

Als Ming im Jahr 1499 auf die Welt kam, hatte Kolumbus eben erst Amerika für die spanische Krone entdeckt. Der Buchdruck revolutionierte Europa, wo man übrigens überzeugt war, dass die Sonne um die Erde kreist. Martin Luther war 16 Jahre alt. Als der Dreißigjährige Krieg ausbrach, war Ming schon 119. Im Jahr ihres 300. Geburtstags ergriff Napoleon die Macht in Frankreich. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, hatte die Muschel schon mehr als 400 Jahre auf der Schale. Als sie 500 wurde, war der 11. September nur irgendein Datum und Osama Bin Laden nur irgendein Name.

2006 aber war es vorbei mit der Muschel. Britische Wissenschaftler klaubten sie vom Meeresboden vor Island auf, da lebte sie noch. Dann brachten sie sie ins Labor und steckten sie ins Eisfach. Als sie die Muschel später an der Bangor University in Wales untersuchten, wurde ihnen klar, was sie getan hatten. Sie zählten die Jahresringe auf der Schale - und kamen zunächst auf 405. Sie gaben der Muschel daraufhin den Namen Ming - nach der Dynastie, die China 1601 regiert hatte.

Für Ming aber kam da schon jede Hilfe zu spät, die tragische Sensation war perfekt: Wissenschaftler hatten die Muschel gefroren, die später im Guinness-Buch der Rekorde landen sollte - nicht bloß als ältester Mollusk, sondern als das betagteste, nicht in Kolonien lebende Tier, das jemals entdeckt wurde.

Jetzt aber stellt sich heraus: Ming ist noch älter. Eine neue Auswertung der Jahresringe hat ergeben, dass die Muschel 507 Jahre alt ist - volle 102 Jahre älter als zuvor angenommen.

"Erste Ergebnisse ein wenig hastig veröffentlicht"

In kleinen Fachzirkeln wurde die Neuigkeit bereits im März bekannt: Ein Team um Paul Butler von der Bangor University veröffentlichte einen Beitrag im eher obskuren Fachblatt "Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology", in dem es eigentlich um das Meeresklima am Nordisland-Schelf geht. Das kann man unter anderem mit Muschelschalen rekonstruieren, die prima Klimaarchive sind. Ganz nebenbei erwähnten die Forscher auch Ming - das "mit 507 Jahren langlebigste nichtkoloniale Tier, das der Wissenschaft bekannt ist". Erst jetzt machte die Website "ScienceNordic" die Studie publik, zahlreiche britische und amerikanische Medien verbreiteten daraufhin das neue Kapitel in der traurigen Geschichte von Ming.

Die Forscher zeigen sich nun ein wenig zerknirscht. "Beim ersten Mal haben wir uns geirrt, weil wir unsere Ergebnisse vielleicht ein wenig hastig veröffentlicht haben", sagte Butler zu "ScienceNordic". "Aber wir sind uns absolut sicher, dass wir mit dem Alter diesmal richtig liegen."

Den Fehler erklären die Wissenschaftler folgendermaßen: Beim ersten Versuch habe man die Jahresringe an den Bändern gezählt, die die beiden Hälften von Mings Gehäuse zusammenhielten. "Außen ist die Schale gebogen, was es erschwert, den richtigen Winkel für die Zählung zu finden", sagte Butler. An den Bändern des Scharniers sei das einfacher, und außerdem seien die Wachstumsringe dort besser geschützt.

Zu viele Ringe auf zu kleinem Raum

Bei Ming aber war das Problem ein anderes: Die Muschel war so alt, dass die Ringe extrem komprimiert waren. 507 Stück drängten sich auf wenigen Millimetern. Für die neue Studie haben die Forscher dann doch außen auf der Schale nachgezählt, die krumm sein mag, dafür aber deutlich mehr Platz bietet. Um ganz sicherzugehen, dass es diesmal richtig gezählt hat, begutachtete das Team andere alte Exemplare der Art Arctica islandica. Denn wechselnde Umweltbedingungen hinterlassen ähnliche Muster auf den Schalen aller Muscheln aus derselben Gegend. So lässt sich durch einen Vergleich prüfen, ob man eine einzelne Muschel richtig datiert hat.

"Das Alter wurde mit einer Reihe von Methoden bestätigt, darunter geochemische Methoden wie die Kohlenstoff-14-Datierung", sagte der niederländische Meeresbiologe Rob Witbaard, der Arctica islandica seit Jahrzehnten studiert. Er sei sehr zuversichtlich, dass Mings Alter nun richtig berechnet wurde. "Sollte es einen Fehler geben, kann es sich nur um ein oder zwei Jahre handeln."

Die gute Nachricht für Muschelfreunde: Ming ist vielleicht vor ihrer Zeit, dafür aber nicht umsonst gestorben. Ihre Schale verspricht einzigartige Einblicke in das Klima der vergangenen Jahrhunderte. Anhand der Verhältnisse zwischen den verschiedenen Sauerstoff-Isotopen in der Schale lassen sich etwa die Meerestemperaturen rekonstruieren.

Für Klimaforscher sind die Muscheln deshalb besonders wertvoll, denn die Ozeane spielen eine zentrale Rolle im globalen Wärmehaushalt. Um das Klima der Zukunft zu berechnen, sind deshalb historische Daten über die Meere wichtig - doch sie sind spärlich. "Arctica islandia kann uns helfen, diese Lücke zu füllen", sagte Witbaard.

Und: Ming darf ihren Namen behalten. Denn die gleichnamige Dynastie, die China im Jahr 1601 regierte, war auch schon 1499 an der Macht.

Update vom 15. November 2013: Ming lebt weiter! Zumindest digital - sie hat jetzt ihren eigenen Wikipedia-Eintrag.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Was für ein Drama ...
Stegreif 15.11.2013
Meine Güte, man kann's auch übertreiben mit der Dramatik. Da unten liegen Milliarden von Muscheln, und die zufällig aufgeklaubte "Ming" war mit Sicherheit nicht die älteste. Das wäre ja ein seltsamer Zufall gewesen. Viel schlimmer finde ich es, wenn in einem Wohngebiet ein mehrere hundert Jahre alter Baum gefällt wird, weil er einem Einkaufszentrum o.ä. weichen muss, oder weil ein Lokalpolitiker gerne mehr Sonne auf seiner Terasse hätte.
2.
joachim_m. 15.11.2013
Natürlich ist Ming aus ihrer eigenen Sicht heraus umsonst gestorben, schließlich kann es ihr völlig egal sein, ob nach ihrem Tod die Welt weiter existiert oder untergeht, ob irgendwelche Angehörige einer anderen Spezies forschen wollen oder nicht, oder sonst was. Nein, ich bin kein Mitglied von irgendwelchen Tierschutzorganisationen und wenn die sehen würden, was ich so alles koche und esse, würde ein Aufstand toben, aber die Aussage, ein Tier sei nicht umsonst gestorben, halte ich für makaber, es ist eine Verharmlosung eines gewaltsamen Todes, den es ja auch immer wieder bei Menschen gibt: Er ist nicht umsonst gestorben, weil er .... für Volk und Vaterland gekämpft hat .... für Gott gestorben ist ... für die Wissenschaft ... usw. Mag ja sein, dass der Tod eines Einzelnen, egal, ob Pflanze (ja liebe Veganer, auch Pflanzen sind Lebewesen, Mitgeschöpfe, wahrhaft heilig und/oder ethisch vertretbar ist nur das Leben als Nichtesser), Tiere und Menschen. Insoweit stirbt bis auf Lebewesen, denen ein Komet oder ein Vulkan auf den Kopf fällt, niemand umsonst, irgendeiner hat immer einen Vorteil davon und seien es nur die Fliegen, die eine neue Eiablage haben. Aber die Überhöhung des Todes als "nicht umsonst" ist trotzdem falsch, weil da ein Werturteil drin ist, dass den Tod verklärt! Die Welt ist nun einmal so beschaffen, dass, wie das Sprichwort schon sagt, des einen Leid des anderen Freud ist, aber zu verklären gibt es da trotzdem nichts, denn so ist nun einmal die belebte Welt aufgebaut, also sollte man es auch so hinnehmen wie die Existenz des Universums selbst: Sachlich zur Kenntnis nehmen und nicht je nach persönlichem Interesse mal den Tod "als nicht umsonst" verklären oder als "sinnlos" zu verdammen. Solche Werturteile sagen nur was über den aus, der sie äußert, aber nichts über den Tod als Erscheinung biologischen Lebens.
3. Gestorben?
hai_shang 15.11.2013
Es handelt sich ja wohl um eine Tötung, wenn man schon anthropomorphe Begriffe wie sterben verwendet. Kann eine Muschel auch fühlen - und wie fühlt es sich wohl an 507 Jahre alt zu sein und dann getötet zu werden. Diese Wissenschaftler sind wahrlich als Ignoranten & Feinde des Lebendigen zu bezeichnen...
4. Muscheln schmecken übrigens lecker.
Stegreif 16.11.2013
Zitat von hai_shangEs handelt sich ja wohl um eine Tötung, wenn man schon anthropomorphe Begriffe wie sterben verwendet. Kann eine Muschel auch fühlen - und wie fühlt es sich wohl an 507 Jahre alt zu sein und dann getötet zu werden. Diese Wissenschaftler sind wahrlich als Ignoranten & Feinde des Lebendigen zu bezeichnen...
Das würde ein gewisses Maß an Selbstreflektion erfordern, wozu ein Molluske mit Sicherheit nicht fähig ist. Selbst bei den meisten Wirbeltierarten ist das nicht der Fall.
5. Aus dem Stegreif
hai_shang 17.11.2013
Zitat von StegreifDas würde ein gewisses Maß an Selbstreflektion erfordern, wozu ein Molluske mit Sicherheit nicht fähig ist. Selbst bei den meisten Wirbeltierarten ist das nicht der Fall.
trifft Ihre Antwort nicht auf das von mir aufgeworfene Problem und die daraus gezogene Schlußfolgerung. Nicht ich habe von *sterben* geschrieben, das steht in dem Artikel. Und wenn etwas stirbt, dann lebt es zuvor, und der Sterbevorgang ist ein von so etwas wie Bewußtsein begleitetes Geschehen, z. B. beim Besten Freund des Mensch, dem Hund. Eine Pflanze z. B. stirbt nicht, sondern stirbt ab. Ein *Molluskel*, um Ihre wissenschaftich korrekte Klassifizierung aufzugreifen mag so etwas zwischen Tier und Pflanze sein. Das löst das Problem nicht. Und damit auch nicht meinen Vorwurf, die beschriebenen Wissenschaftler (und übrigens das Gros von ihnen einen guten Teil ihres Forscherlebens lang) seien ignorant gegenüber dem Leben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: