Rekordwuchs Riesenadler herrschten über Neuseeland

In Tolkiens Mittelerde beherrschen gewaltige Greifvögel die Lüfte. In Neuseeland, dem Drehort der "Herr der Ringe"-Kinotrilogie, gingen bis vor 500 Jahren tatsächlich Riesenadler auf die Jagd. Wissenschaftler haben jetzt ihren evolutionären Werdegang rekonstruiert - mit überraschendem Ergebnis.


Adler: Über Neuseeland flogen gewaltige Greifvögel
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Adler: Über Neuseeland flogen gewaltige Greifvögel

Er war einer der größten Raubvögel aller Zeiten, so groß, dass er beinahe nicht mehr aus eigener Kraft hätte fliegen können. Der Haast-Adler konnte seine Schwingen zu einer Spannweite von bis zu drei Metern ausbreiten und brachte bis zu 14 Kilogramm auf die Waage. Damit war er 30 bis 40 Prozent schwerer als der derzeit größte Adler, die Harpyie, die im Urwald von Mittel- und Südamerika Jagd auf Affen macht. Wäre er nur ein wenig schwerer gewesen, hätte sich der Haast-Adler nicht mehr durch Flügelschlag in den Himmel erheben, sondern nur noch gleiten können.

Bis zu seinem Aussterben vor etwa 500 Jahren war der Haast-Adler (Harpagornis moorei) das größte Raubtier Neuseelands. Zu seinen Beutetieren gehörten die heute ebenfalls ausgestorbenen Moas, bis zu 200 Kilogramm schwere Laufvögel.

Unerwartete Familienbande

Britische und neuseeländische Forscher haben die Entwicklungsgeschichte des Raubvogels nun rekonstruiert. Die Analyse von DNS aus 2000 Jahre alten Knochen ergab Erstaunliches: Die Haast-Adler sind ausgerechnet mit einer der kleinsten Adlerarten überhaupt verwandt, dem Kaninchenadler.

Die gemeinsame Linie der beiden Arten teilte sich erst vor knapp einer Million Jahren, schreiben die Wissenschaftler um Michael Bunce und Alan Cooper von der britischen Oxford University im Online-Fachmagazin "PLoS Biology". "Das heißt, dass ein Adler innerhalb von nur einer Million Jahren sein Gewicht um das 10- bis 15-Fache gesteigert hat", erklärt Bunce. "Ein derart schnelles Wachstum war bisher von keinem an Land lebenden Wirbeltier bekannt."

Den Grund vermuten die Wissenschaftler in den idealen Bedingungen in Neuseeland: Von drei Fledermausarten abgesehen gab es keine Säugetiere auf der Doppelinsel. In den zahlreichen Vogelarten und den Moas fanden die Adler große und leicht zu jagende Beute und mussten keine Konkurrenz von anderen großen Raubtieren fürchten. "Wenn ein Adler einen Moa getötet hatte, konnte er in aller Ruhe fressen", sagte Paläobiologe Richard Holdaway.

Seine Größe war für den Raubvogel ein evolutionärer Vorteil, denn seine Jagdtaktik beruhte auf schierer Gewalt. Seine Fußknochen waren ganz auf das Greifen von Beute ausgelegt, so dass der Haast-Adler vermutlich wesentlich kraftvoller zupacken konnte als heutige Raubvögel.

Tödliche Krallen

Anhand alter Moa-Knochen haben die Forscher das Jagdverhalten des Haast-Adlers rekonstruiert. Demnach griff er von der Seite an, packte den Moa mit einem Fuß im Hüftbereich und tötete ihn mit einem einzelnen Schlag des zweiten Fußes. Die extrem langen Krallen konnten mehrere Zentimeter Tief ins Fleisch der Beute eindringen und sogar Knochen durchlöchern. Seinen Namen hat der Raubvogel vom deutschen Naturforscher Julius von Haast, der den größten Adler der Geschichte vor 130 Jahren anhand alter Knochen erstmals wissenschaftlich beschrieben hat.

Ihr Ende fanden die Riesenadler erst durch die Ankunft eines weiteren Raubtiers. Vor 700 Jahren siedelten die ersten Menschen in Neuseeland, brannten Wälder nieder und machten ebenfalls Jagd auf Moas. 200 Jahre später waren Lauf- und Greifvogel verschwunden. Zurück blieben nur fossile Knochen und die Erzählungen der Ureinwohner Neuseelands, in denen immer wieder Berichte über Riesenvögel auftauchen.

Markus Becker



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