Rekordzeit im Aquarium Weißer Hai beißt sich in die Freiheit

Zu gefährlich fürs Aquarium: Nach einem halben Jahr musste ein weißer Hai wieder ausgesetzt werden, weil er andere Beckenbewohner angeknabbert hatte. Noch nie hat eines der Tiere so lange in Gefangenschaft überlebt.


Weißer Hai: Unnahbarer Räuber
AP/ Monterey County Herald

Weißer Hai: Unnahbarer Räuber

Seine scharfen Zähne können ohne Mühe ein Surfbrett zerkleinern, sein kalter Blick lässt einem den Atem stocken. Kaum ein Tier verursacht so viel Schrecken unter den Menschen. Doch Biologen versuchen verstärkt, hinter die angeblich grausige Fassade des Meeresräubers zu blicken. Erstmals ist es jetzt kalifornischen Wissenschaftlern gelungen, einen weißen Hai mehr als ein halbes Jahr in einem Aquarium zu halten. Doch nun musste der Raubfisch wieder ausgesetzt werden.

198 Tage hatte das Tier in seinem unfreiwilligen Exil im Aquarium von Monterey Bay gelebt. Noch nie hat ein weißer Hai so lange in Gefangenschaft überlebt, die bisherige Höchstmarke lag bei 16 Tagen. In den letzten 50 Jahren hat es weltweit 37 Versuche gegeben, den gefährlichen Raubfisch in einem Aquarium zu untersuchen. Doch die Tiere fraßen häufig nicht und mussten wieder ausgesetzt werde.

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Weißer Hai: Der unnahbare Räuber

Dieses Problem gab es bei der Hai-Dame in Monterey Bay nicht. Sie fühlte sich in dem weltberühmten Aquarium offenbar pudelwohl. Immerhin legte das Tier bei seinem Aufenthalt ordentlich zu: Von 28 auf 73 Kilogramm stieg sein Gewicht und es wuchs um 40 Zentimeter auf 1,93 Meter.

Doch sein gutes Gedeihen ließ den weißen Hai auch zur Gefahr werden. Das eineinhalb Jahre alte Weibchen begann mit der Jagd auf andere Fische. "Je größer sie wurde, desto größer wurde auch das Risiko für Besucher und andere Fische", sagte Aquarium-Mitarbeiterin Randy Hamilton. Anfang der Woche hatte der weiße Hai zwei kleinere Hundshaie gebissen. Die Mitbewohner erlagen später ihren Verletzungen. Die Tierpfleger beobachteten ihn daraufhin genauer und stellten fest, dass er ein echtes Jagdverhalten entwickelte. "Da entschieden wir, dass eine umgehende Freilassung wohl das Beste wäre", sagte Hamilton. Der Hai wurde am Donnerstag südlich von Monterey Bay ausgesetzt.

Kalifornische Hai-Dame: Zurück im Meer
REUTERS/ Monterey Bay Aquarium

Kalifornische Hai-Dame: Zurück im Meer

Das Jungtier war im August des vergangenen Jahres Fischern vor der kalifornischen Küste ins Netz gegangen. Zunächst hatten es die Biologen in einem riesigen Meereskäfig bei Malibu an die Gefangenschaft gewöhnt. Die Wissenschaftler wollen im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprogrammes das Verhalten und den wenig bekannten Lebenszyklus von weißen Haien studieren.

Doch das Tier ist für die Wissenschaftler noch nicht völlig verloren. Die Biologen haben einen Satellitensender an dem Hai angebracht, der 30 Tage lang Aufschluss über seine Bewegungen geben soll. Im Sommer wollen sie ihre Forschungen mit einem neuen Jungtier fortsetzen.

Mit ihrem Interesse an dem Raubfisch sind die kalifornischen Wissenschaftler nicht allein. Spätestens seit dem Kinofilm "Der Weiße Hai" ist der Meeresräuber berühmt - und vor allem berüchtigt. Meist sind es seine scharfen Zähne und seine vermeintliche Kaltblütigkeit, mit denen der Raubfisch von sich reden macht. Immer wieder wird von Angriffen auf Menschen berichtet. Erst vor wenigen Tagen war ein Surfer in Südafrika nur durch einen gezielten Tritt gegen die Nase des Tieres mit dem Leben davon gekommen.

Alles Vorurteile, meint Peter Benchley, der die Vorlage zum Film "Der weiße Hai" geschrieben hatte, bei dem Steven Spielberg Regie führte. Nach dem Erfolg seines Buches hatte er begonnen, sich intensiver mit den Tieren zu beschäftigen. Er schrieb ein weiteres Buch über das vermeintliche Monster, diesmal zum neuesten Stand der Haiforschung. "Mit der Zeit stellt man fest, dass Haie nicht Täter, sondern Opfer sind", sagt er. "Auf einen getöteten Menschen kommen Millionen tote Haie, umgebracht von Menschen."

Und so grausam das Jagdfieber des Weißen Haies auch manchmal wirken mag. Sein Erfolg in der Evolution gibt ihm recht: Seit mehr als elf Millionen Jahren zieht der Raubfisch in den Ozeanen seine Bahnen. Seine direkten Vorfahren machten bereits vor mehr als 60 Millionen die Meere unsicher.



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