Ausgegraben

England Rennpferd-Skelett unter Shoppingcenter entdeckt

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Hässlich, aber schnell: Handelt es sich um das Skelett von Rennpferd Doctor Syntax?
National Museum of Horseracing, Newmarket

Hässlich, aber schnell: Handelt es sich um das Skelett von Rennpferd Doctor Syntax?


Als das Rennpferd Doctor Syntax 1838 starb, war es eines der erfolgreichsten Tiere seiner Zeit. Bei Bauarbeiten nahe seiner heimischen Rennbahn im englischem Newmarket sind Archäologen nun auf ein Skelett gestoßen. Haben sie sein Grab entdeckt?

Eine Schönheit war er nicht. Hals und Kopf wirkten irgendwie zu klein für den zu lang geratenen Körper, und die Haltung war auch nicht die beste. Seine Nase war zu breit und sein Fell hatte "die Farbe einer Maus". Außerdem entsprach der Charakter nicht dem, was man sich von einem Rennpferd wünscht: stur wie ein Esel, Gerte oder Sporen waren ihm völlig egal. Es reagierte nur, wenn sein Jockey Bob Johnson ihn streichelte oder ihm freundliche Worte zuflüsterte. Und doch hatte dieses Pferd etwas.

Aus den wachen Augen funkelte die Intelligenz. "Schlau wie ein Habicht" beschrieb einmal ein Reporter den Gesichtsausdruck des Tieres. Vor allem aber konnte Doctor Syntax eines: schnell laufen. Sehr schnell. In den zehn Saisons seiner Karriere zwischen 1814 und 1823 gewann er 36 große nordenglische Rennen. Doctor Syntax war eines der erfolgreichsten Rennpferde seiner Zeit.

Möglicherweise haben Archäologen jetzt sein Skelett entdeckt - unter dem Rasen des Palace House im englischen Newmarket. Als Bauarbeiter das Fundament für ein neues Besucherzentrum des National Horseracing Museums aushoben, stießen sie auf die Knochen. Jemand hatte dort, am Rande des Kings Yard, sorgsam ein Grab bereitet. Es muss schon ein besonderes Tier gewesen sein, das diesen Ehrenplatz erhielt. War es Doctor Syntax?

Größe stimmt, Zähne passen nicht

Zuverlässig sind die Knochen noch nicht identifiziert. "Die Datierung des Begräbnisses ist beispielsweise noch unklar", sagt Chris Fain, Archäologe von Oxford Archaeology, in einer Pressemitteilung von Visit Suffolk. "Aber Scherben unter dem Grab datieren um 1750, das Begräbnis muss also auf jeden Fall nach diesem Datum stattgefunden haben." Die Knochen zeigen jedenfalls, dass es sich bei dem Tier um ein Pferd gehandelt hat, das in seinem Leben sehr viel gelaufen ist: Die Gelenke sind entsprechend abgenutzt. Auch die Höhe stimmt. Knapp 1,60 Meter maß das Tier zu Lebzeiten, eben diese Höhe ist auch für Doctor Syntax überliefert.

Nur die Zähne wollen nicht so ganz passen. Tiermediziner können an ihnen das Alter eines Tieres bestimmen, und das Pferd unter dem Rasen scheint gerade einmal zwischen 18 und 20 Jahren alt gewesen zu sein. Doctor Syntax aber hatte, als man ihn am 28. August 1838 schließlich einschläfern musste, rund zehn Jahre mehr auf dem Buckel. Ob das gefundene Pferd friedlich sterben durfte, können die Ausgräber nicht mehr nachvollziehen. "Der Schädel ist völlig zertrümmert", bedauert Fain. "Es könnte natürlich trotzdem ganz friedlich eingeschläfert worden sein - aber mit dem, was wir an Resten haben, können wir das nicht mit Sicherheit sagen."

Und zugegebenermaßen war Doctor Syntax nicht das einizige Pferd, das es jemals in Newmarket zu Ruhm gebracht hätte. Die erste Erwähnung von Pferderennen in dem Ort mitten im Heideland der Grafschaft Suffolk datiert bereits zurück in das Jahr 1174.

Zum Zentrum für die Pferdezucht avancierte Newmarket dann in den Sechzigerjahren des 17. Jahrhunderts, als der pferdebegeisterte König Charles II. die Ortschaft auserkor, um den im Bürgerkrieg arg dezimierten Pferdebestand des Landes wieder aufzupäppeln. Unter seiner Aufsicht begann nun die gezielte Zucht und das Training von Rennpferden. Sogar einen Palast ließ der König sich hier errichten, um mitten unter seinen Pferden leben zu können.

Bis heute dreht sich in Newmarket alles um die Pferde. Auf rund 15.000 Einwohner kommen etwa 3000 Pferde, jeder dritte Job in der Stadt hängt am Reit- und Rennsport. Zwei Rennbahnen ziehen im Jahr über 350.000 Besucher an.

Ein weiteres berühmtes Rennpferd des 19. Jahrhunderts war im übrigen Doctor Syntax' Tochter, Beeswing. Die Stute gewann am Ende mit 51 von 64 sogar mehr Rennen als ihr Vater - weil sie auch im Süden des Landes an den Start ging. Zu einer Zeit, als Rennpferde nicht im Transporter zu Rennen gefahren wurden, sondern zum Zielort geritten werden mussten, war es noch unüblich für Pferde, sowohl im Norden als auch im Süden anzutreten.

Die Stute wurde so populär, dass der Komponist James Hill of Tyneside ein Lied für sie schrieb und die schottische Ortschaft Lochend sich ihr zu Ehren in Beeswing umbenannte. Viele Nachkommen durfte Doctor Syntax allerdings nicht zeugen - so schnell er auch rennen konnte, die Züchter fanden ihn durchweg zu hässlich für die Zucht.

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4 Leserkommentare
alois.hingerl 13.01.2015
rainerhohni 13.01.2015
Esther Harper 15.01.2015
lemmuh 19.01.2015

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