Rentiere in Gefahr Rudolph, du hast es nicht leicht!

Schlechte Nachrichten für den Weihnachtsmann: Den Rentieren geht es zumindest mancherorts nicht so toll. Und das nicht, weil Schlittenziehen und Geschenkeverteilen solche Knochenjobs sind.

Weihnachtsmann mit seinem Rentierschlitten in Lappland (Archivbild)
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Weihnachtsmann mit seinem Rentierschlitten in Lappland (Archivbild)


Sie haben ein prächtiges Geweih, eine wundersame Nase und sind im kalten Norden unterwegs - am liebsten in der Gruppe. Durch dichte Wälder, über Hochmoore und Seen von den Bergen hinunter ins Flachland. Das war seit Jahrhunderten der Weg der Rentierherden in Lappland vor Beginn des Winters. Doch der Klimawandel hat diese Route für die Tiere zu gefährlich gemacht.

Und egal, wohin man rund um den Pol schaut, die Tiere haben in vielen Regionen mit Problemen zu kämpfen.

Die Eisschicht auf den Seen sei inzwischen nicht mehr dick genug, um die Rentiere zu dieser Zeit darüber zu führen, sagt Margret Fjellström aus dem Bergdorf Dikanäs in Schweden, der eine Herde mit Hunderten Tieren gehört. "Ein Bauer aus einem Dorf weiter nördlich ist Anfang November ertrunken." Nun transportieren Lastwagen die Rentiere zu ihren Winterweiden.

Rentierzüchter im schwedischen Dikanäs
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Rentierzüchter im schwedischen Dikanäs

Die 30-Jährige Fjellström gehört zur Volksgruppe der Samen - der einzigen, die in Schweden Rentiere halten darf. 4600 Rentierfarmer gibt es in Schweden und etwa eine Viertelmillion Tiere. Die Arbeit der Herdenhalter hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Haben sich die Tiere früher im Winter allein von Moos und Flechten ernährt, brauchen sie nun zusätzliches Futter.

Grund dafür ist ebenfalls der Klimawandel: Im Winter wechseln sich nun Frost- und Tauwetterphasen ab, dicke Eisschichten bilden sich auf den Flechten und die Rentiere kommen nicht mehr an sie heran.

In Kanada hat dieses Problem laut der Umweltschutzorganisation WWF sogar dazu geführt, dass die Tiere als gefährdete Art eingestuft werden. Einige Rentierherden sollen um mehr als 90 Prozent dezimiert sein - wegen der erschwerten Futtersuche.

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Rentiere: Klimakünstler im hohen Norden

In Lappland macht auch die wieder wachsende Zahl der natürlichen Feinde der Rentiere - Wölfe, Bären, Luchse und Adler - der Züchterin Fjellström Sorgen. Dazu kommt ein weiteres Problem: Der zunehmende Lärm von Windrädern und den Maschinen der Holzfäller ängstige die Rentiere, so die Züchterin. "Jede Generation von Züchtern hat ihr eigenes Kreuz zu tragen", sagt sie. "Für meinen Vater war es Tschernobyl." Nach dem Reaktorunfall 1986 waren Moos und Flechten verstrahlt.

Die Rentierhalter in Russland hatten mit anderen dramatischen Problemen zu kämpfen. Im Sommer hatte eine Milzbrand-Epidemie unter ihren Tieren gewütet. Es war der ersten Ausbruch von Milzbrand in Nordsibirien seit 75 Jahren - mehr als 2400 Tiere verendeten. Zwischenzeitlich hatte die Regierung sogar eine Massentötung von einer Viertelmillion Tieren erwogen. Auch Dutzende Menschen hatten sich mit dem Erreger infiziert, ein zwölfjähriger Junge starb.

Vermutlich hatten ungewöhnlich hohe Temperaturen den Permafrostboden zum Schmelzen gebracht, in dem die tödlichen Milzbrandsporen über mehr als ein Jahrhundert konserviert waren.

Rentiere im Norden Russlands auf Futtersuche
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Rentiere im Norden Russlands auf Futtersuche

Nun haben die Behörden der betroffenen Region nach eigenen Angaben für die Züchter mehr als 2000 Tiere als Ersatz gekauft. Alle 45 betroffenen Familien besäßen nun wieder so viele Rentiere wie vor der Epidemie im Sommer, teilte die Verwaltung des autonomen Bezirks der Jamal-Nenzen am Polarkreis der Agentur Interfax zufolge mit. Die Behörde zahlte nach eigenen Angaben insgesamt 36 Millionen Rubel (rund 570.000 Euro) für die Tiere.

Auch auf der zu Norwegen gehörenden Inselgruppe Spitzbergen haben Rentiere es nicht einfach - denn sie werden im Schnitt immer kleiner und dünner. Während ein 1994 geborenes Rentier im Alter von fünf bis sechs Jahren im Durchschnitt etwa 55 Kilo gewogen habe, bringe ein 2010 geborenes Tier im selben Alter nur noch etwas mehr als 48 Kilo auf die Waage, berichten Wissenschaftler.

Sie erklären sich das so: In den wärmeren Sommern finden die trächtigen Weibchen mehr Gras und futtern sich bis zum Herbst ein ordentliches Polster an. In der Folge werden sie mit mehr Kälbern trächtig. Unter den Eisschichten im Winter finden sie dann aber zu wenig Futter, verlieren die Jungen oder bringen untergewichtige Kälber zur Welt.

Dazu kommen natürliche Gefahren, wie eine Meldung vom norwegischen Festland zeigt. Dort starben im Sommer mehr als 300 Rentiere auf einmal, vermutlich durch einen Blitzschlag.

chs/dpa/AFP



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