Knochensplitter

Londoner Ausstellung Geköpftes Urtier rettet Hofstaat der Saurier

Von

Frank Patalong

Der älteste Dinosaurierpark der Welt in London sorgte Mitte des 19. Jahrhunderts für einen Boom in Wissenschaft, Schulen und Romanen. Doch die Dauerausstellung verfällt - ein geköpftes Urtier scheint das zu ändern.

Anfang August war es wieder so weit. Wahrscheinlich betrunkene Vandalen stiegen über den Zaun, der die Tiere schützen soll, und köpften ein Paleotherium. Der Schädel der Statue flog einige Meter weit und landete im Wasser des künstlichen Sees am unteren Ende des Crystal Palace Parks im Süden von London.

Dort fand ihn Ellinor Michel, was dem Tier mit einiger Wahrscheinlichkeit zumindest das nächste "Leben" rettete: Die Evolutionsbiologin ist Vorsitzende der Friends of Crystal Palace Dinosaurs. Die 2013 gegründete Organisation kümmert sich ehrenamtlich um die Erhaltung der Statuen des Dinosaur Court (Hofstaat der Saurier) - Staat und Kommune versagten hier bisher weitestgehend.

Denn obwohl der kleine, über 160 Jahre alte Skulpturenpark mit seinen "vorsintflutlichen Lebewesen" als Nationales Erbe Großbritanniens klassifiziert und seit einiger Zeit auch seine Renovierungsbedürftigkeit festgestellt ist, wurde für seine Erhaltung bisher wenig getan.

Die letzten professionellen Arbeiten gab es 2002, Ausbesserungen geschahen danach nur noch ehrenamtlich. Schutz wie Beschilderung und Erklärung der Exponate sind allenfalls rudimentär und der Wichtigkeit dieses wissenschaftshistorischen Monuments in keiner Weise angemessen.

Den zweiten Tod des kleinen Paleotheriums, vor rund 28 Millionen Jahren ausgestorben und 1854 in Beton mit der Eröffnung des Ausstellungsparks in London wiedergeboren, kann man insofern als Glücksfall sehen: Die britischen Medien berichteten ausführlich. Endlich scheint begriffen worden zu sein, dass es ein Schatz höchster Bedeutung ist, der da sukzessive verfällt und an dem sich besoffene Vandalen abreagieren.

Der Hofstaat der Monster: Ein Monument der Erkenntnis

Der Dinosaur Court ist ein kleiner magischer Ort in einem riesigen Park. Der war für ein halbes Jahrhundert eine der größten Attraktionen, die London zu bieten hatte. 1851 hatte Königin Viktorias Prinzgemahl Albert zu den Initiatoren der ersten Weltausstellung gehört.

Im Londoner Hyde Park entstand die größte Glaskonstruktion, die die Welt je gesehen hatte. In diesem Kristallpalast fuhren die Länder der Welt auf, was sie an Wissenschaft, Industrie und Kultur zu bieten hatten. Es war das rauschhafte Eröffnungsfest der Technologie-geprägten Moderne, der Erntedank der Aufklärung, der erste umfassende Blick in ein neues Zeitalter.

Sechs Monate dauerte es, dann sollte Schluss sein. Doch der Konstrukteur des Kristallpalastes, Sir Joseph Paxton, wollte kein Ende: Seine Crystal Palace Company kaufte Ackerland südlich von London auf, baute das monströse Glashaus im Hyde Park ab und nahe Sydenham vergrößert wieder auf.

Innerhalb von zwei Jahren entstand so der größte kommerzielle Bildungs- und Vergnügungspark der Welt. Prinz Albert unterstützte das Projekt, Queen Victoria persönlich eröffnete die Sehenswürdigkeit. Sie blieb lebenslang Fan und häufige Besucherin.

Das wissenschaftliche Schmuckstück dieser Ausstellung sollte der Hofstaat vorzeitlicher Monster werden: Initiiert von Richard Owen, einem der Begründer der Paläontologie, und erbaut von Benjamin Waterhouse Hawkins, einem der führenden Bildhauer der Zeit, entstanden dort 33 Statuen - die ersten bildhauerischen Rekonstruktionen "vorsintflutlichen Lebens" weltweit.

Paläontologie wird Pop

Sie wurden zu einer globalen Sensation. Für rund ein halbes Jahrhundert prägten sie die populäre Vorstellung der Vorzeit. Was Zeitungen und Bücher rund um den Globus als Dinosaurier-Illustrationen zeigten, waren oft Skizzen der Crystal-Palace-Monster.

Sechs Jahre vor Veröffentlichung der Evolutionstheorie bereiteten sie den Grund für die Erkenntnis, dass da etwas vor dem Menschen lebte. Die Statuen trugen die Kunde von diesen mysteriös-monströsen Wesen, für die Richard Owen 1842 den Namen Dinosauria gefunden hatte, rund um die Welt.

Fast sofort lösten sie den ersten Dino-Boom aus: Iguanodon, Megalo- und Hylaeosaurus fanden als Figuren den Weg in die Kinderzimmer und die Köpfe des Nachwuchses. Nach der Eröffnung des Crystal Palace Parks sollte die Welt nie wieder ganz ohne Saurier sein.

Niedergang: Von der Zeit überholt

Hawkins und Owen hatten den wissenschaftlichen Kenntnisstand des Jahres 1854 im Sinne des Wortes in Stein gemeißelt. Millionen von Menschen zogen staunend daran vorbei. Doch anders als Stein ist Erkenntnis ein flexibles Material: Sie wächst und verändert sich über die Zeit. Ende des 19. Jahrhunderts waren die Crystal Palace Dinosaurier zu Kuriosa geworden, über die man lachte, weil sie so falsch erschienen.

Als 1936 der Kristallpalast in einem infernalischen Feuer verging, begann der Verfall des Crystal Palace Parks. Heute bietet er auf 80 Hektar riesige Freiflächen, Raum für ein Sportzentrum und ein Fußballstadium, meilenlange Wanderwege und am Südende eben einen künstlichen See, auf dessen Inseln bis heute Hawkins Statuen stehen.

Doch selbst ohne Vandalismus verfällt das alles, wenn man nichts dagegen unternimmt. Vogelkot und saurer Regen setzen den Oberflächen zu, Risse ziehen sich durch den Beton, bei einigen Statuen ist die Stabilität gefährdet. Die englische Denkmalschutzbehörde befand den Dinosaur Court schon 2014 für restaurationsbedürftig und forderte die klamme kommunale Aufsichtsbehörde auf, tätig zu werden.

Am Ende war es der Tritt eines Vandalen, der endlich etwas in Gang brachte. Noch im August 2015 fand der medial gestützte Appell der Friends Gehör, endlich einzugreifen. Innerhalb von Tagen sagte die Gemeinde Mittel zu. Anfang November begannen Restaurations- und Reinigungsarbeiten.

Über sechs Wochen wurde nun zunächst "Iggy", die erste der zwei Iguanodon-Statuen, stabilisiert, gesäubert und restauriert. Zu Weihnachten präsentiert sich der heute skurril anmutende Saurier wieder in alter Frische.

Über den aktuellen Stand der weiteren Arbeiten informiert die Website der Friends. Was dann noch fehlt, ist eine angemessene museumspädagogische Erschließung vor Ort.

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