Ribonukleinsäure Kleine Schnipsel, große Wirkung

Im Jahr 2001 reichte es nur für Platz zwei - doch 2002 wählte das US-Wissenschaftsmagazin "Science" neue Erkenntnisse rund um die Ribonukleinsäure zum "wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres".


"Science"-Spitzenreiter: Die Erforschung kleiner RNS-Schnipsel ist der "wissenschaftliche Durchbruch 2002"

"Science"-Spitzenreiter: Die Erforschung kleiner RNS-Schnipsel ist der "wissenschaftliche Durchbruch 2002"

Jahrzehntelang galt sie als ebenso nützliche wie belanglose Botin der Erbsubstanz: Die Ribonukleinsäure (RNS) kopiert - so die gängige Lehrmeinung - die im Zellkern gespeicherte Abfolge des Gencodes und transportiert die genetischen Daten in die Proteinfabriken, wo spezialisierte Eiweiße hergestellt werden.

Doch neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass bestimmte RNS-Moleküle selbst die Kontrolle vieler Zellfunktionen übernehmen können. So scheinen die Moleküle bei einigen Arten selbstständig das Genom zu beeinflussen, indem sie beispielsweise mutierte Abschnitte der Erbsubstanz ignorieren.

Der Einfluss der Ribonukleinsäure geht offenbar so weit, dass sie während der Zellentwicklung einzelne Proteine an- und wieder ausschaltet - und damit das Schicksal der gesamten Zelle beeinflusst. Auf diese Weise können RNS-Stücke darüber entscheiden, zu welcher Art von Gewebe Zellen heranwachsen.

Obwohl schon lange bekannt, wurden die kleinen RNS-Schnipsel von Zellforschern zunächst weitgehend ignoriert. Die Wissenschaftler konzentrierten sich lieber auf die altbekannte Funktion als genetischer Bote. Erst in den 90er Jahren entdeckten Forscher, dass die kurzen RNS-Varianten Auswirkungen auf die Funktionen der einzelnen Genen haben können.

Tierexperimente im Jahr 2002 haben Wissenschaftler in ihrer Vermutung bestärkt, dass RNS-Schnipsel wie molekulare Schalter wirken. Dadurch entsteht ein zelluläres Immunsystem, das die Zelle vor Mutationen oder Virenangriffen schützen kann.

Zudem - und das dürfte die wichtigste Entdeckung des zurückliegenden Jahres sein - sind die RNS-Schnipsel offenbar für einen Prozess namens Epigenetik mitverantwortlich: Selbst wenn bestimmte Eigenschaften wie zum Beispiel die Augenfarbe nicht direkt in die Erbinformation kodiert sind, können sie über mindestens eine Generation vererbt werden. Dabei kommt der RNS anscheinend eine Schlüsselrolle zu.

Auch wenn die Funktion der Ribonukleinsäure noch nicht abschließend verstanden ist, hoffen Wissenschaftler, die wählerischen Moleküle für ihre Zwecke einsetzen zu können. So könnten Stammzellen, die noch nicht spezialisierten Alleskönner unter den Zellen, mit Hilfe der RNS in vdas jeweils gewünschte Gewebe verwandelt werden.



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