Knochensplitter

Knochensplitter Garnele, mach mir den Wal!

Marianne Collins/ ArtofFact

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Eine mehr als zwei Meter lange Garnele? Was Fischern heute den Schreck ihres Lebens einjagen würde, gab es vor knapp 500 Millionen Jahren tatsächlich. Forscher haben ein fast vollständiges Fossil eines gigantischen Verwandten von Krabben, Spinnen und Insekten entdeckt.

Über 100 Millionen Jahre beherrschten Tiere die Ozeane, die man "anormale Garnelen" getauft hat: Und unnormal an ihnen war nicht nur ihre Größe. Die neueste Ergänzung zur Gruppe dieser Seltsamkeiten, die wie heutige Sepien mit Hilfe von "Flossen" an den Körperseiten durchs Wasser wedelten, heißt Aegirocassis benmoulae und wird in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" beschrieben. Mit über zwei Metern Länge gehörte das bizarre Wesen vor rund 480 Millionen Jahren wohl zu den größten Lebewesen überhaupt. Und die Tiere der Gruppe, zu der Aegirocassis zählt, gelten als die Top-Räuber ihrer Zeit.

Doch es gab eben auch Ausnahmen: Aegirocassis war sozusagen das weiße Schaf der Familie. Anders als die meisten Anomalocarididen war Aegirocassis wohl kein Räuber, sondern fischte vorzugsweise im Trüben. Das Tier war ein Suspensionsfresser - es filterte sich seine Nahrung mit Hilfe einer Art Kamm, den es wie ein Fangnetz unter dem Kopf getragen haben mag, aus dem Wasser.

Das Meer des Ordovizium, schlussfolgern die Forscher um Peter Van Roy, muss demnach sehr nährstoffreich gewesen sein - so wie im davor liegenden Kambrium. Denn schon vor rund 520 Millionen Jahren lebte Tamisiocaris borealis, der erste "Filterfresser" aus der Gruppe der Anomalocarididen, den man erst 2014 entdeckt und beschrieben hatte.

Damit ist klar, dass die Anomalocarididen mit dem Konzept des Nahrung-Filterns keine einmaligen Experimente wagten, sondern dass dies über viele Millionen Jahre eine erfolgreiche Spezialisierung dargestellt haben muss.

Dass es ausgerechnet die größten Vertreter der Gruppe waren, die sich Nahrung filternd von der kleinsten Beute ernährten, ist eine interessante Analogie zu heutigen Haien und Walen: Auch Walhai oder Blauwal - die Giganten in ihren jeweiligen Familien - kämmen ihre Nahrung mit Hilfe von Barten aus dem Wasser.

Ein bemerkenswertes Fossil

Bemerkenswert an dem neu beschriebenen Fossil ist, wie viel davon im Kontext erhalten ist. Anomalocarididen neigen dazu, nach dem Tod zu zerfallen - Fangarme, segmentierter Körper und Kopf werden meist getrennt voneinander gefunden. Das hat dazu geführt, dass es ein halbes Jahrhundert dauerte, bis erstmals ein vollständiges Fossil korrekt zusammengesetzt wurde. Bis dahin hatte man die Einzelteile als einzelne, besonders bizarre, rätselhafte Wesen gedeutet.

Aegirocassis benmoulae wurde am Stück gefunden, eine echte Seltenheit. Weit deutlicher als bei den meisten früheren Funden sind nun die Segmentierungen des Leibes sichtbar, sowie die Fortsätze an den Körperseiten, mit deren Hilfe diese Tiere sich bewegten.

Anomalocarididen gehören zu den frühesten Gliedertieren, die man bisher gefunden hat. Sie stehen am Beginn eines Stammbaums, der sich in unterschiedlichste Richtungen aufzweigte und Krebse und Krabben, Spinnentiere und Milben, Skorpione und Trilobiten, Tausendfüßer und Insekten hervorbringen sollte.

Vor etwa 400 Millionen Jahren waren es dann auch diese Gliederfüßer, die als erstes das Land eroberten. In den Meeren hatten sie die Top-Position in der Nahrungskette da längst abgegeben, so wie später auch an Land. Noch immer stellen sie aber letztlich die größte, artenreichste Tiergruppe überhaupt: Bis zum heutigen Tag sind rund 80 Prozent aller tierischen Lebewesen Gliederfüßer. Wenn man das als Maßstab des Erfolges nimmt, regieren sie seit 500 Millionen Jahren die Welt.

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4 Leserkommentare
Affenjones 12.03.2015
susiwolf 12.03.2015
Berliner42 12.03.2015
toxic 12.03.2015

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