Riesenzackenbarsch Schwimm oder stirb!

Der Riesenzackenbarsch ist bis zu 360 Kilo schwer. Überfischung machte dem Ungetüm zu schaffen, doch nun haben sich die Bestände so weit erholt, dass Forscher und Biologen streiten: Soll man den Fisch schützen oder jagen?

Von "National Geographic"-Autorin Jennifer S. Holland

David Doubilet/ Jennifer Hayes / NATIONAL GEOGRAPHIC

Vor der Südwestküste Floridas zieht ein dumpfes Grollen in 30 Meter Tiefe durch das Meer. Es kommt aus einem im Zweiten Weltkrieg gesunkenen Schiff. Im aufgeschlitzten Bauch des Wracks drängen sich ein Dutzend sehr große - und sehr laute - Fische. Atlantische Riesenzackenbarsche.

Bis zu 360 Kilo schwer und fast drei Meter lang können diese Tiere werden. Sie haben vorstehende Unterkiefer, Flossen wie riesige Palmwedel, und ihre Haut ist in Erdtönen gefleckt und gesprenkelt. Die Spezies Epinephelus itajara ist harmlos, aber unüberhörbar. Wenn sich den Riesenzackenbarschen jemand nähert, ziehen sie ihre Schwimmblase zusammen, den Luftsack, der ihnen Auftrieb gibt, und stoßen grollende Laute aus. Ein wenig klingt das wie ein fernes Gewitter.

Früher besiedelten Riesenzackenbarsche zu Zehntausenden die Gewässer der südlichen Vereinigten Staaten, der Karibik und Brasiliens. Doch nachdem jahrelang ganze Schiffsladungen gefangen worden waren, gingen die Bestände stark zurück. Jetzt, wo sich die Population in Florida langsam erholt, debattieren Fischer, Biologen und örtliche Behörden darüber, ob der gesetzlich festgelegte Schutz dieser Fische wieder aufgehoben werden sollte oder nicht.

Chip unter der Haut

Chris Koenig von der Florida-State-Universität fängt schon seit Jahrzehnten Zackenbarsche, allerdings nicht, um sie als Filet oder Trophäe nach Hause zu tragen. Mithilfe seiner Assistenten zieht er einzelne Exemplare an Bord eines kleinen Schiffs, wo er ihnen einen knorpeligen Flossenstrahl für eine DNA-Analyse und für einen Alterstest sowie Proben des Mageninhalts für eine Nahrungsanalyse entnimmt und die Fortpflanzungsorgane auf Anzeichen von Laichaktivität untersucht. Jedem Fisch pflanzen die Wissenschaftler einen Chip unter die Haut, bevor sie ihn wieder ins Wasser gleiten lassen. Der Chip übermittelt Daten, wo und wann die Fische auftauchen. Auf diese Weise hoffen Koenig und seine Ehefrau und Kollegin Felicia Coleman, mehr über den Status quo der goliath grouper herauszufinden.

Zum Rückgang der Population hat zum Teil auch das natürliche Verhalten der Riesenzackenbarsche beigetragen. "Normalerweise rühren sich die Fische nicht vom Fleck. Sie kleben förmlich an ihrem Riff, wo sie reichlich Nahrung und Schutz finden", sagt Koenig. Dadurch sind sie leicht zu jagen - ihre Standorttreue wurde ihnen zum Verhängnis.

"Früher haben wir andauernd Zackenbarsche gefangen", erzählt der 86-jährige Frank Hammett, der in seiner Jugend die meiste Zeit mit einer Harpune in der Hand herumlief. "In Palm Beach konnte man sie in 30 Meter Tiefe stehen sehen. Die Riffe waren voll damit, bis zu hundert an einer Stelle. Meistens habe ich einen oder zwei geschossen und 16 Cent pro Kilo dafür bekommen. So ging das vielleicht 15 Jahre oder noch länger."

Der fast ausgerottete Barsch erholt sich allmählich

Eine Zeitlang waren die Fische nur regional ein Wirtschaftsfaktor - auf den Florida Keys galt Zackenbarsch mit schwarzen Bohnen und Reis als Delikatesse. Aber als Anfang der Achtzigerjahre die Bestände anderer Fischarten zurückgingen, kamen sie überall auf den Teller. Für Hobbyangler war es ein besonderer Kick, die Riesen zu überwältigen. Viele Tausende wurden als Trophäen erlegt. Weil Zackenbarsche lange leben und erst spät geschlechtsreif werden, sind sie anfällig für Überfischung.

1990 wurde der Riesenzackenbarsch dann als gefährdet eingestuft und im Südosten der USA unter Artenschutz gestellt. Seither nimmt die Population langsam wieder zu - und ist eine Attraktion für Taucher, die gern mit den riesigen, aber ungefährlichen Fischen schwimmen. Den größten Zuwachs hat es vor Floridas Südwestküste gegeben, wo Mangrovenwälder - eine Brutstätte der Tiere - noch üppig sind.

Wie so oft beim Thema Artenschutz gibt es auch zu den Riesenzackenbarschen zwei sehr unterschiedliche Haltungen. Da sie in weiten Teilen des Verbreitungsgebiets noch als stark gefährdet gelten, ist die Jagd auf sie in Florida weiterhin per Gesetz verboten. "Momentan tendiert die politische Meinung so stark zum Schutz der Barsche, dass man es kaum noch wagt, sie anzufassen oder anzuschauen", sagt Tony Yaniz, ein Stadtrat von Key West. "Eher lässt man sich mit ein paar Packen Marihuana erwischen als mit einem Zackenbarsch."

Fischer würden ihn am liebsten angeln

Viele Fischer behaupten, die Tiere seien in Scharen zurückgekehrt und würden ihnen das Geschäft kaputt machen. "Es passiert immer wieder, dass sie uns andere Barsche und Schnapper direkt von der Leine wegfressen", sagt der Berufsfischer und Touristenführer Jim Thomas. "Hummer auch. Reine Vergeudung ist das." Thomas gehört zu denen, die gern wieder Riesenzackenbarsche angeln würden - und seien es nur ein paar pro Jahr -, um die Reihen der angeblichen Räuber ein wenig zu lichten.

Koenig und viele Artenschützer bestreiten, dass die Zackenbarsche den Fischern den Fang wegfressen. Studien haben stets gezeigt, dass sich die schwerfälligen Goliaths fast ausschließlich von kleinen, langsamen Beutetieren ernähren (Krabben, nicht Hummer, machen mehr als die Hälfte ihrer Nahrung aus). Koenig glaubt, dass eine Erlaubnis zum Fischen in Florida die Erholung der Bestände insgesamt erschweren würde. Die Fische halten sich meist um dieselben seichten Riffe, Felsenvorsprünge und Schiffswracks auf.

"Bodenständig wie sie sind", sagt er, "ziehen Zackenbarsche sowieso schon nicht gern um." Dünnt man die dichter besiedelten Gebiete aus, haben die übrigen Fische noch weniger Anlass, sich anderswo wieder anzusiedeln. Die Bestände würden sich nicht so umfassend erholen, wie sie es könnten.

Koenigs und Colemans Untersuchungen haben ergeben, dass sich der Zackenbarsch nur zum Laichen von seinem angestammten Revier wegbewegt. "Zur Paarungszeit schwimmen die Tiere lange Strecken bis zu den Laichplätzen, in manchen Fällen bis zu 500 Kilometer", sagt Koenig. "Manchmal legen sie pro Tag 40 Kilometer Luftline zurück." Riesenzackenbarsche von überall her, möglicherweise sogar von der gesamten Atlantikküste, drängen sich dann in der Nähe von Schiffswracks und Riffen, schicken ihre grollenden Laute in die finstere Nacht und erschaffen mit ihren Eiern und ihrem Sperma eine neue Generation.

Alle wollen letztendlich das Gleiche

Eine Rückkehr zu den hohen Bestandszahlen von früher bleibt aber wohl ein Traum. Die Quecksilberkonzentration in den Fischen steigt. Laut Koenig hat das eine schleichende toxische Wirkung. "Bei ausgewachsenen Tieren führt diese Schadstoffbelastung sogar zu krankhaften Veränderungen wie Läsionen der Leber", sagt der Meeresbiologe. Essen sollten Menschen solche Fische nicht. "Wenn man einen fangen würde, der länger ist als einen Meter, müsste man ihn sowieso zurück ins Meer werfen", sagt Don DeMaria, ein früherer Berufsfischer, der sich inzwischen für den Artenschutz engagiert. "Durch das Quecksilber ist er nicht mehr geeignet für den Verzehr."

Die Zukunft des Riesenzackenbarschs hängt auch von den Mangrovenwäldern ab, zwischen deren knorrigen, gewundenen Wurzeln die Jungfische bis zum Alter von etwa fünf Jahren leben, geschützt vor den Zähnen der großen Raubfische. Doch Landwirtschaft und Umweltgifte sowie die Erschließung der Küsten gefährden diese Seichtwasserbiotope.

Letztendlich wollen Fischer, Forscher und staatliche Behörden das Gleiche: eine Population von Riesenzackenbarschen, die so groß und stabil ist, dass sie Taucher anzieht und wegen einiger Angler nicht gleich zusammenbricht.

Und während die Debatte noch lange nicht zu Ende ist, tönt das Grollen des Goliaths weiter tief unten im Ozean.

Dieser Text ist in "National Geographic Deutschland" erschienen, Ausgabe Juli 2014, www.nationalgeographic.de

Mehr Informationen zu dieser und anderen bedrohten Fischarten finden Sie unter nationalgeographic.de/barsche.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Deify 28.06.2014
1. Nicht eine Sekunde
müsste ich nachdenken - und weiß natürlich, dass Angler das ganz anders sehen werden: Schützen, schützen, schützen!! Und nicht nur den Zackenbarsch!!!
herding_cats 28.06.2014
2.
Zitat von sysopDavid Doubilet/ Jennifer Hayes / NATIONAL GEOGRAPHICDer Riesenzackenbarsch ist bis zu 360 Kilo schwer. Überfischung machte dem Ungetüm zu schaffen, doch nun haben sich die Bestände so weit erholt, dass Forscher und Biologen streiten: Soll man den Fisch schützen oder jagen? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/riesenzackenbarsch-in-florida-schuetzen-oder-jagen-a-977445.html
Es ist schon lange nicht mehr so dass man alles jagen und fischen muss, um zu überleben. Das größte Problem ist und bleibt vernünftige Fangquoten zu bestimmen. Egal wie viele Daten man sammelt und wie of Bestandszählungen durchgeführt werden, es bleiben immer Dunkelziffern und Schwankunen. Letzendlich ist es immer eine Schätzung. Andererseits, ohne die Fischerei und mit den damit verbundenen Problematiken, gäbe es weniger Gründe entsprechende Forschungen zu betreiben. Die Fischer sollten (auch aus Eigeninteresse) langfristig umdenken umd vom Fangen auf das Züchten umsatteln (oder wenigstens den Schwerpunkt auf die Zucht verlegen). Aber dann sollte man darauf achten dass man die Zuchtfische nicht mit Fischmehl aus Fangbeständen füttert... Oder mit Tiermehl, für das die Tiere mit Fischmehl gefüttert wurden... Und die Problematiken der Massenhaltung vermeiden/ verringern. Die Meere und unbesiedelten Küsten kann man dann großteils wieder sich selbst überlassen. In manchen Regionen sollte man überdenken ob die Küsten so zubetoniert werden sollten oder ob eine natürliche Hochwasserbarriere nicht sinnvoller ist.
manu1337 28.06.2014
3. Chips hier, Chips da, Chips überall
Wer sammelt eigentlich die ganzen Chips, die für unnütze Forschung irgendwelchen Fischen untergejubelt wurden, wieder ein? ;)
CobCom 28.06.2014
4. Sorry, den Kalauer kann ich mir nicht verkneifen...
Zitat von manu1337Wer sammelt eigentlich die ganzen Chips, die für unnütze Forschung irgendwelchen Fischen untergejubelt wurden, wieder ein? ;)
Die Engländer! Fish & Chips sind dort sogar eine lokale Spezialität. Bei denen läuft das kombiniert dann gleich als Convenience Food.
andre_22 28.06.2014
5.
Eigendlich ganz einfach, bevor der Bestand einer Art nicht einen promlemlos Nutzbare Bestandsgrösse hat, darf er auch nicht genutzt werden! Jetzt stellt sich hier nur die Frage der grösse des Bestandes!? Was das Angeln auf den Riesenzackenbarsch angeht! Mit einer Angelrute ist dieser Kaum zu fangen zumindestens kein grosser dazu werden, auch von den Forschern, in der Regel Handleinen benutzt, somit dürfte ein Sportangeler wohl kaum Interesse an dem Fisch haben!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.