Riesige Sardinenschwärme: Tanz in den Tod

Von mare-Autor James Hamilton-Paterson

Es ist ein gewaltiges Naturereignis: Jährlich tauchen vor der Küste Südafrikas riesige Mengen Sardinen auf - ein Festessen für viele Meeresbewohner. Doch in letzter Zeit werden die Fischschwärme kleiner. Forscher rätseln, warum.

Naturphänomen: Abermillionen Sardinen schwimmen vor Afrikas Küste Richtung Norden Zur Großansicht
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Naturphänomen: Abermillionen Sardinen schwimmen vor Afrikas Küste Richtung Norden

Fast jedes Jahr kommt es in den kalten Gewässern vor der Küste Südafrikas zu einem spektakulären Naturphänomen. Zwischen Mai und Juli nämlich wandern gigantische Mengen Sardinen gut 1000 Kilometer nordwärts von der Ostseite des Kaps in Richtung Mosambik. So dicht und riesig ist der Schwarm dieser Fische, dass man ihn sogar vom All aus sehen kann.

Auslöser dieses Schauspiels ist vermutlich der Zusammenprall zweier Meeresströmungen. In den seichten Gewässern der Agulhasbank, wo sich der warme Indische und der kalte Atlantische Ozean treffen, beginnen die Sardinen zu laichen, sobald die optimale Wassertemperatur erreicht ist. Anschließend schwimmen die Fische als gewaltige Biomasse nordwärts.

Verfolgt werden sie dabei stets von einer Meute hungriger Räuber. Es ist beinahe so, als riefe im Ozean ein gigantischer Gong zum Essen. Vögel, Haie, Seehunde, Wale, Delfine, Meeresbewohner von nah und fern lassen alles stehen und liegen, um zu diesem Festmahl zu eilen, bei dem es für alle mehr als genug gibt. Die Schwärme können bis zu 15 Kilometer lang und einen Kilometer breit sein und bewegen sich dicht unter der Wasseroberfläche. Abermillionen Fischleiber formieren sich bei der Wanderung zu scheinbar undurchdringlichen Körpern, die ihnen Schutz vor Angreifern bieten, vor einigen zumindest.

Denn Feinde wie Thunfische und Makrelen sind von dieser ungeheuren Auswahl an Sardinen regelrecht überfordert. Sie sind darauf programmiert, einzelne Fische zu jagen. Bei Schwärmen dieser Größe gibt es aber kaum Nachzügler oder Einzelne, die aus der Reihe tanzen. Die Sardinenmassen scheren gemeinsam aus, teilen sich in kleinere Schwärme auf und vereinigen sich wieder in perfektem Einklang. Das macht es für die Räuber schwierig, sich auf ein einzelnes Beutetier zu konzentrieren.

Von allen Seiten schlagen die Verfolger unerbittlich zu

Größere, intelligentere Räuber hingegen haben Taktiken entwickelt, um die Schwärme aufzuspalten, damit sie sich leichter bewältigen lassen. So kann man beobachten, wie Delfine zusammenarbeiten wie gut ausgebildete Schäferhunde, die sich einer Schafherde annehmen. Sie versuchen, von einem Schwarm kleinere Verbände abzutrennen, die nur noch einen Durchmesser von zehn Metern haben. Sobald sie nicht mehr im Schwarm geschützt sind, geraten die Sardinen in Panik. Die Delfine greifen sie nun von unten an und treiben sie in Richtung Wasseroberfläche, wo ihnen tauchende Möwen und Tölpel zusetzen und so verhindern, dass die Überlebenden wieder im Hauptschwarm Zuflucht finden. In solchen Momenten scheint das Meer kilometerweit weiß zu kochen vor lauter sich ins Wasser stürzenden Tölpeln und durch die Wogen schießenden Delfinen.

Wale und Haie mischen sich ebenfalls ins Geschehen ein. Sie lassen sich von der Schwarmtaktik der Sardinen weniger beirren, sondern schwimmen einfach mit aufgerissenen Mäulern dahin. Es ist ein Gemetzel, das mehrere Tage dauern kann. Von allen Seiten schlagen die Verfolger unerbittlich zu - und trotzdem schaffen es viele Millionen Sardinen bis in die Gewässer vor Mosambik, von wo sie dann ostwärts in den Indischen Ozean abdrehen und sich dort wahrscheinlich zerstreuen.

Die Riesenhaftigkeit der Sardinenschwärme zeugt davon, wie groß der Überlebensspielraum bemessen ist. Würde sich aus jedem Ei ein Fisch entwickeln und dieser wiederum überleben, könnte man von Mosambik nach Madagaskar trockenen Fußes über die Leiber einer festen Masse von Sardinen gehen. Dem ist nur deshalb nicht so, weil beinahe jährlich Jungfische und ausgewachsene Fische in Massen verschlungen werden.

Warum es in den vergangenen drei Jahrzehnten viermal, zuletzt 2003 und 2006, keine Sardinenwanderung gegeben hat, kann bis jetzt niemand mit Sicherheit sagen. Einer Theorie zufolge könnten die Sardinen in jenen Jahren aus unbekannten Gründen in viel tieferen Wasserschichten geschwommen sein. Dann hätte das Massaker außerhalb der Sichtweite von Seevögeln und Sporttauchern stattgefunden. Als weitere mögliche Ursache kommt eine Störung des Agulhasstroms, der mächtigen Meeresströmung im westlichen Indischen Ozean, durch die Erderwärmung infrage. Doch auch das ist reine Spekulation.

Seit Langem ist bekannt, dass Organismen sich anders verhalten, sobald sie Teil einer Gruppe werden. Vor allem die Frage, wie Fische es schaffen, ihre Position im Verhältnis zueinander zu behalten, während sie blitzschnell koordinierte Manöver ausführen, ist für Forscher interessant.

Wer schon einmal in den Tropen einen Schwarm von kleinen Fischen vor einem Riff beobachtet hat, kennt das Phänomen: Eine plötzliche Handbewegung genügt, und ein Schwarm stiebt auseinander, ohne dass die Fische miteinander kollidieren. Bald finden sie zu kleinen Gruppen zusammen, die sich dann wieder zum Schwarm vereinigen. Wie schaffen die Fische das? Wie können sie solch komplizierte Abläufe in perfektem Einklang vollführen, obwohl es keinen Anführer zu geben scheint?

Heute weiß man: Schwarmverhalten ist zwar bei vielen Fischarten angeboren, dennoch müssen technische Feinheiten erst einmal erlernt werden. So kann man immer wieder beobachten, wie Jungfische üben, paarweise nebeneinander zu schwimmen und dabei immer den gleichen Abstand zu wahren.

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1. Warum nur ?
HappyLuckyStrike 02.07.2011
Zitat von sysop...doch in letzter Zeit werden die Fischschwärme kleiner. Forscher rätseln, warum. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,771631,00.html
Die Sardinen sind auch nicht mehr, was sie waren - andererseits fällt menschliche Einflußnahme, wie sich ja das Forum generell einig ist, prinzipbedingt aus (weil, das KANN nicht sein) : Da vermute ich dann mal, daß einfach die Moral der Fische unter kosmisher Strahlung gelitten hat.
2. Sardinen...
eknoes 02.07.2011
Zitat von sysopEs ist ein gewaltiges Naturereignis: Jährlich tauchen vor der Küste Südafrikas riesige Mengen Sardinen auf*- ein Festessen für viele Meeresbewohner. Doch in letzter Zeit werden die Fischschwärme kleiner. Forscher rätseln, warum. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,771631,00.html
Vor ein paar Jahren brachte die BBC, wenn ich micht recht erinnere, auf 3SAT, einen fantastischen Bericht über den überpropotionalen Rückgang etlicher Pinguin-Arten. Forschergruppen hatten im Abstand von 3-5 Jahren über 20 Jahre nicht nur die Populationen von etwa 20 verschiedenen Arten mit der jew. letzten Zählung verglichen, sondern versuchten auch, den Gründen für deren Dezimierung auf den Grund zu kommen. Dabei stellten sie bei zeitgleichen Messungen ein Ansteigen der Wassertemperatur des antarktischen Meeres um um ein halbes Grad Celsius fest. Das wiederum hatte zur Folge, dass der Krill dramatisch, und zwar z.T. um 60% zurückgegangen war. Da der Krill aber das erste Glied in der Meeresnahrungskette ist, und u. a. unverzichtbar für Pinguine, war man sich sicher, den Grund für deren Rückgang gefunden zu haben. Manche der Populationen waren innerhalb von drei Jahren von annähernd 1 Million Tiere auf erschreckende 20.000 Exemplare geschrumpf. Ein derartig erschreckender Rückgang einer Population kann leicht bedeuten, dass diese sich davon nicht mehr erholt, weil diese Tiere unterhalb einer zum überleben wichtigen "pro Kopf Zahl" mit Unfruchtbarkeit reagieren. Für die Sardinen bedeutet der Krill mehr noch als für die Pinguine, die sich ihrerseits auch von eben diesen Sardinen ernähren, die Überlebensgarantie. Weniger Krill, weniger Sardinen, weniger Pinguine. Ein halbes Grad Celsius, und doch eine solch einschneidende Reaktion der Meeresfauna. Anlässlich des aktuellen Themas erinnerte ich mich wieder an diesen BBC-Beitrag und bringe die Ergebnisse von damals auch mit dem Sardinen-Rückgang in Verbindung. Als Grund für den Wassertemperaturanstieg machten übrigens seinerzeit ausnamslos alle der hochkarätigen Wissenschaftler den Klimawandel verantwortlich...
3.
snickerman 02.07.2011
Die Erkenntnisse der Schwarmforscher mögen ja in Vielem auf den Menschen übertragbar sein, aber in einem Punkt widerspreche ich: Ob einer, zwei oder fünf bei "Rot" über die Ampel gehen, is mir egal, ich bleibe, bis es entweder grün wird oder ich nach einigen Minuten annehmen muss, dass die Ampelschaltung kaputt ist bzw. der Drücker, falls vorhanden.
4. Warum keine Sardinen mehr?
Kalle Bond 02.07.2011
Vor der westafrikanischen Küste fischen vielleicht alle möglichen Länder a bisserl zu viel. Mehr fischen als Nachwuchs = Reduktion. Hatten wir doch schon mal vor Neufundland. Grüße Kalle Bond
5. welch verwunderliche Überraschung
berpoc 02.07.2011
Unser Lebensstil entspricht der Ertragsfähigkeit von 3,5 bis 5 Planeten Erde, je nachdem wo man im Westen lebt. Die Grenzen sind erreicht und nun wird es eben richtig ernst. Besser früher, als zu spät. Ich bin schon gespannt, wann diejenigen, die heute noch alles negieren sagen werden: "Das haben wir ja gar nicht gewußt". Denen möchte ich sagen: "Dieses Argument zieht nicht mehr seit 1945", und hinzufügen: "Zieht Euch warm an, wenn die Massen über Euch und alles andere herfallen werden, weil alles den Bach runtergegangen sein wird".
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mare
Die Zeitschrift der Meere
Heft No. 86, Juni/Juli 2011

Inhalt

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Zum Autor
James Hamilton-Paterson, Jahrgang 1941, britischer Journalist, Lyriker, Sachbuchautor und Romancier mit Wohnsitz in Oberösterreich, verspürt schon lange eine gewisse Faszination für das Wort "Sardine", weil es sich von "Sardinien" ableitet. Dort hat Hamilton-Paterson in den 1980er Jahren für einige Zeit gelebt - und fand es richtig schön.
Wie Fangquoten bestimmt werden
Was ist eine Fischfangquote?
Unter einer Fangquote versteht man eine festgesetzte Menge an Fischen oder anderem Meeresgetier, die in einem bestimmten Gebiet während eines festgesetzten Zeitraumes gefangen werden darf.
Wer legt die Fangmengen in Europa fest?
Für Europa erhebt der International Council for the Exploration of the Sea (ICES), eine zwischenstaatliche wissenschaftliche Organisation mit Sitz in Dänemark, wie es um die Bestände der einzelnen Fischsorten bestellt ist. Es wird anhand von Stichproben analysiert, wie sich Populationen entwickeln und wie viele Jungfische nachkommen. Auf Basis dieser Daten gibt der ICES Empfehlungen heraus, wie viel Fisch gefangen werden kann, ohne Raubbau an der Natur zu treiben. Über die Fangmengen, die sogenannten TACs (Total Allowable Catch) entscheiden aber die Agrarminister der Länder. Gingen diese früher oft über die wissenschaftlichen Empfehlungen hinaus, orientieren sich die Minister mittlerweile deutlich stärker daran, was der ICES rät.
Was bedeutet das für die einzelnen Länder?
Sind die jährlichen Höchstfangmengen einmal festgelegt, ergibt sich daraus die Fangmenge pro Land. Welchen Anteil an der Gesamtmenge eines Fisches ein einzelnes Land fangen darf, richtet sich nach einem Quotensystem. Dies stammt noch aus den achtziger Jahren. Es wurde damals auf Basis historischer Fangzahlen vereinbart und gilt weitgehend noch heute.
Wer legt fest, welche Mengen welcher Fischer fangen darf?
Wie die Gesamtmenge unter den Fischern eines Landes aufgeteilt wird, ist europaweit sehr unterschiedlich. Während einige Länder die Rechte nach bestimmten Quotensystemen auf die Fischer aufteilen, werden anderswo Fischereirechte auf dem freien Markt gehandelt. In Deutschland regelt die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) die Verteilung der Fangrechte. Dabei orientiert sie sich an vergangenen Fangmengen der einzelnen Akteure. Wie auch immer die Länder die Verteilung regeln: Letztlich sind sie dafür verantwortlich, dass ihre Fischer die ihnen zugesprochenen Fangmengen nicht überschreiten.
Wie wird kontrolliert?
Die Art der Kontrolle ist europaweit sehr unterschiedlich. So gibt es beispielsweise Schiffe, die ihren Fang freiwillig per Kamera dokumentieren. Anderswo müssen Fischer Logbücher führen. Größere Schiffe sind zum Teil an Überwachungssysteme angeschlossen, mittels derer kontrolliert werden kann, wo sie sich aufhalten. Hilfestellung bei der Überwachung soll den Mitgliedsländern die Europäische Fischereiaufsichtsagentur (CFCA) im spanischen Vigo leisten.
Gibt es trotzdem Streit?
Auch wenn die Fangquoten innerhalb der EU feststehen: Da Fische sich nicht an Grenzen halten, sind oft auch die Interessen anderer Staaten berührt. Aufgrund klimatischer Veränderungen befanden sich beispielsweise vor kurzem deutlich mehr Makrelen vor Island als noch in den Jahren davor, woraufhin die krisengebeutelte Isländische Regierung die Fangmenge massiv anhob. Die Schotten und Iren, die sich weiter an die innerhalb der EU vereinbarten Quantitäten halten mussten, hatten das Nachsehen.