Spektakuläres Naturphänomen Das steckt hinter dem riesigen Riss in Afrika

Über Hunderte Meter hat sich ein Spalt im Boden Kenias geöffnet - und Teile einer Fernstraße verschluckt. Ist hier tatsächlich das Auseinanderbrechen des afrikanischen Kontinents zu sehen?

REUTERS

Ein Interview von


Seit Tagen gehen die Bilder durch die Weltmedien: Nahe der Ortschaft Suswa in Kenia hat sich die Erde aufgetan. Ein Hunderte Meter langer Riss zieht sich durch die Landschaft. Er ist teils 15 Meter tief und 20 Meter breit. Auch eine Fernstraße wurde beschädigt und konnte erst nach aufwendiger Reparatur wieder geöffnet werden.

Doch stimmen Schlagzeilen wie "Hier zerreißt Afrika" wirklich? Oder gibt es womöglich eine alternative Erklärung des Phänomens? Wir haben mit einem Geologen über die Sache gesprochen.

Zur Person
    Thomas Himmelsbach, 59, ist Professor für angewandte Geologie mit Schwerpunkt Hydrogeologie. Er lehrt am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und ist Leiter der Abteilung Grundwasser bei der Bundesgesellschaft für Geowissenschaften und Rohstoffe. Er hat schon selbst an Grabenbrüchen in Afrika geforscht und sucht dort nach verstecktem Grundwasser.

SPIEGEL ONLINE: Was ist da los in Suswa, reißt Afrika wirklich auseinander?

Himmelsbach: Suswa liegt im Bereich des großen Afrikanischen Grabenbruchs. Der zeichnet sich durch tektonische Verwerfungen aus, die sich über große Distanzen verfolgen lassen. Dort hat sich aktuell nun eine große Erdspalte geöffnet. Und zumindest indirekt dürfte das tatsächlich mit dem Auseinanderbrechen des afrikanischen Kontinents zu tun haben.

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Rift Valley in Kenia: Wenn sich die Erde öffnet

SPIEGEL ONLINE: Was passiert da genau?

Himmelsbach: Das Grabenbruchsystem beginnt im Nordosten Afrikas, in der Afarsenke zwischen Äthiopien, Eritrea, Dschibuti und Somalia. Dort öffnet sich, erdgeschichtlich gesehen, gerade ein neuer Ozean. Ausgehend vom Roten Meer reicht schon ein Zweig in eine wüstenhafte Senke, die teils mehr als 100 Meter unter dem Meeresspiegel liegt.

SPIEGEL ONLINE: Aber was hat das mit dem 1600 Kilometer entfernten Senkungsgebiet in Kenia zu tun?

Himmelsbach: Indirekt eine Menge. Denn von dort oben im Norden zieht sich das Grabenbruchsystem durch Kenia und Tansania bis in den Süden nach Mosambik. Entlang des Risses dürfte sich wohl zunächst im Norden ein Ozeanarm bilden und sich in geologischen Zeiträumen ein Teil von Afrika abtrennen.

SPIEGEL ONLINE: Und im Graben dazwischen verschwinden jetzt schon Straßenstücke und Äcker?

Himmelsbach: Nicht direkt. Dafür bewegen sich die Erdplatten viel zu langsam. Auf den ersten Blick ist der Boden des 60 Kilometer breiten Tals flach wie ein Kuchenblech und besteht aus einer dicken Schicht abgelagerter Sedimente. Unterhalb dieser lockeren Sedimente bricht der harte Felsuntergrund infolge der tektonischen Spannungen auseinander. Die Platte bricht aber nicht in einem Stück, sondern die einzelnen Schollen kippen gegeneinander. Außerdem gibt es Risse und Brüche quer zur eigentlichen Bruchachse.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist es, was auf den Bildern aus Suswa zu sehen ist?

Himmelsbach: Nein, durch diese Bewegungen entstehen im Untergrund Hohlräume in denen sich sandige Sedimente ansammeln. Was man auf den Bildern aus Kenia sieht, hat auch damit zu tun, dass dort durch fließendes Grundwasser infolge starker Regenereignisse große Mengen an Sedimenten weggewaschen wurden. Durch diese sogenannte Subrosion entstanden die sichtbaren Risse an der Oberfläche. Und trotzdem hat die Sache mit dem Auseinanderdriften der Erdplatten im Rift Valley zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Das Rift Valley ist geologisch sehr aktiv. Was birgt das für Gefahren?

Himmelsbach: Auf jeden Fall sind die plötzlich auftretenden Risse gefährlich für Straßen und Bahnstrecken. Auch der Vulkanismus ist stark. Andererseits ist das Gebiet tektonisch gut überwacht, es gibt ein weltweites Netz von Messstationen. Auch bei uns, bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), gibt es einen Kontrollraum, in dem sich die Kollegen jederzeit die Daten aus dem Rift Valley auf den Bildschirm holen können. Bei größeren Bewegungen wären die Menschen hoffentlich gewarnt. Hierfür sorgen aber auch die lokalen geophysikalischen Dienste.

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Rift Valley in Kenia: Wenn sich die Erde öffnet

SPIEGEL ONLINE: Und über das Teilen von Afrika sind sich alle Geoforscher einig? Falls ja, wann ist die Trennung abgeschlossen?

Himmelsbach: Es spricht momentan vieles dafür, dass es weitergeht. Aber es kann auch sein, dass eine solche erdgeschichtliche Entwicklung wieder zum Stillstand kommt. Es gibt Grabenbrüche, die nicht weitergelaufen sind, wie etwa der Rheingraben. Im östlichen Afrika geht es jedenfalls um lange, geologische Zeiträume. Das wären wohl zwischen 20 und 60 Millionen Jahre.

Mitarbeit: Christoph Seidler



insgesamt 6 Beiträge
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vorhin 14.04.2018
1. Instandsetzung
Die „aufwendige Reparatur“ des Risses bei Suswa (eigentlich viel eher bei Mai Mahiu) stellte sich so dar, dass dieser mit Schotter verfüllt und anschließend planiert wurde – nichts Dauerhaftes, aber immerhin sehr zügig. Davon können die schlaglochgeplagten Einwohner von Nairobi nur träumen.
olli08 14.04.2018
2. Terraforming
Nur mal ganz unverbindlich gefragt, sozusagen als "brainstorming": Welche Auswirkungen auf das lokale Klima, auf lokale Siedlungs- und Landwirtschaftsflächen und auf den weltweiten Meeresspiegel wären zu erwarten, wenn man die "wüstenhafte Senke" (siehe Artikel) über einen Stichkanal mit dem Ozean verbinden würde?
corny2 15.04.2018
3. Geothermie-Nutzung RULES!!
Ich sehe den Riss nicht als Problem, sondern als Naturphänomen mit UNGLAUBLICH VIELEN wirtschaftlichen Möglichkeiten! Die Nutzung von geothermischer Energie in Gebieten, in denen sich Platten aufeinander zu bewegen, ist riskant, weil dadurch das Erdbebenrisiko steigt. In Gegenden, wo sich die Platten voneinander weg bewegen, wie bei dem Ostafrikanischen Graben in Afrika/Kenia oder in Island, wird das Erdbebenrisiko durch Geothermie-Nutzung jedoch NICHT gesteigert! Deshalb ist der Ostafrikanische Graben PERFEKT geeignet, um Geothermie-Kraftwerke zu bauen! Geothermie ist die perfekte Energiequelle, weil sie 1. in menschlichen Maßstäben unerschöpflich, 2. klimafreundlich (CO2-Ausstoß: 0,0); 3. grundlastfähig ist und 4. eine LOKALE (nationale) wirtschaftliche Entwicklung erzwingt und nicht ausgebeutet/exportiert werden kann in andere Länder! Außerdem kann das warme Wasser von Geothermie-Kraftwerken direkt in Privathaushalten und Unternehmen genutzt werden; es muss kein elektrischer Strom dafür verschwendet werden (elektrische Energie ist eine "hochwertigere" Energieform als thermische Energie). Liebe Kenianer: Strengt euch an und baut ganz viele Geothermie-Kraftwerke! Die Erstinvestitionen sind zwar sehr hoch, dafür lohnt es sich aber langfristig!
Sissy.Voss 15.04.2018
4. Gute Idee
Zitat von corny2Ich sehe den Riss nicht als Problem, sondern als Naturphänomen mit UNGLAUBLICH VIELEN wirtschaftlichen Möglichkeiten! Die Nutzung von geothermischer Energie in Gebieten, in denen sich Platten aufeinander zu bewegen, ist riskant, weil dadurch das Erdbebenrisiko steigt. In Gegenden, wo sich die Platten voneinander weg bewegen, wie bei dem Ostafrikanischen Graben in Afrika/Kenia oder in Island, wird das Erdbebenrisiko durch Geothermie-Nutzung jedoch NICHT gesteigert! Deshalb ist der Ostafrikanische Graben PERFEKT geeignet, um Geothermie-Kraftwerke zu bauen! Geothermie ist die perfekte Energiequelle, weil sie 1. in menschlichen Maßstäben unerschöpflich, 2. klimafreundlich (CO2-Ausstoß: 0,0); 3. grundlastfähig ist und 4. eine LOKALE (nationale) wirtschaftliche Entwicklung erzwingt und nicht ausgebeutet/exportiert werden kann in andere Länder! Außerdem kann das warme Wasser von Geothermie-Kraftwerken direkt in Privathaushalten und Unternehmen genutzt werden; es muss kein elektrischer Strom dafür verschwendet werden (elektrische Energie ist eine "hochwertigere" Energieform als thermische Energie). Liebe Kenianer: Strengt euch an und baut ganz viele Geothermie-Kraftwerke! Die Erstinvestitionen sind zwar sehr hoch, dafür lohnt es sich aber langfristig!
Gute Idee. Warum nicht technologisch aufwändige Geothermie-Kraftwerke bauen, wenn man die Sonnenenergie problemlos an der Erdoberfläche absammeln kann. Wegen dem unbeständig-regnerischen Wetter in Kenia? Macht Sinn ;- )
corny2 15.04.2018
5. @Sissy.Voss
Solarpanels sind technisch aufwändiger als Geothermie-Kraftwerke! Wissen Sie, wie viel Halbleitertechnologie in einem Solarpanel steckt? Man braucht viele Reinstraumlabore dafür! Dagegen ist "ein tiefes Loch bohren, Wasser hinunterpumpen, eine Turbine mit dem Wasserdampf betreiben", ziemlich banal und low-level. Solarenenergie wird nie genügend Strom bereitstellen können für Industrie, weil die Herstellung von Solarpaneelen einfach viel zu teuer und energieaufwändig ist. Außerdem müssen Solarpanels importiert werden, d.h. man macht sich abhängig. Wichtig ist doch aber, dass die afrikanischen Staaten unabhängig werden und Alleinstellungsmerkmale entwickeln, um Firmen anzulocken! Die Sonne alleine reicht dafür nicht aus, die gibt es auch in Kalifornien oder am Mittelmeer. Geothermie-Kraftwerke sind im Vergleich zu flächendeckenden Solarpanels pro installierten kW immer noch viel billiger. Außerdem können Solarpaneele nachts keinen Strom bereitstellen (der müsste gespeichert werden), Geothermie-Kraftwerke sind dagegen grundlastfähig.
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