Erdgipfel Rio+20 Nicht jammern! Tun!

Der internationale Klimaschutz ist gescheitert, jetzt bleibt nur noch der Pakt mit der Wirtschaft. Green Economy ist die neue Nachhaltigkeit, sie steht im Mittelpunkt der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro. Doch taugen Starbucks, Shell und Nestlé als Erdenretter?

Plastikflaschen-Kunstwerk zum Erdgipfel Rio+20: Green Economy ist neue Nachhaltigkeit
REUTERS

Plastikflaschen-Kunstwerk zum Erdgipfel Rio+20: Green Economy ist neue Nachhaltigkeit

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Es war absehbar: Der Erdgipfel "Rio 20+" scheint gescheitert, bevor er überhaupt richtig begonnen hat. Am Dienstagabend haben die Delegationen der Uno-Partnerländer in den Vorverhandlungen von Rio+20 einen halbgaren Abschlusstext verabschiedet, der das Papier nicht wert ist, auf das er gedruckt werden wird. Mehr als 100 Staats- und Regierungschefs werden in den kommenden Tagen zum Zuckerhut reisen und uns langweilen mit drögen Absichtserklärungen und flauen Diskussionen. Sie werden reden und reden - und uns alle maßlos enttäuschen.

Und das ist auch gut so.

Der internationale staatliche Natur- und Klimaschutz ist grandios gescheitert. Es wäre fahrlässig, weiter auf ihn zu setzen. Diese Erkenntnis muss als Chance begriffen werden. 20 Jahre nach dem ersten Erdgipfel in Rio de Janeiro ist kaum eines der seinerzeit verhandelten Probleme gelöst. Helfen kann jetzt nur ein vermeintlich faustischer Pakt. Die "Green Economy" wird im Mittelpunkt der Diskussion in Rio stehen, nach der Nachhaltigkeit das neue Schlagwort der Erdretter. Die Wirtschaft soll es richten.

"Unternehmen haben die Fähigkeit, die Dinge vor Ort zu bewegen; sie verfügen über die Mittel und haben ein klares Eigeninteresse", sagt Carlos Manuel Rodríguez von der Umweltorganisation Conservation International. Jene, die sich um die Zukunft der Welt sorgen, tun gut daran, sich an Nestlé, Shell oder Starbucks zu wenden.

Der ökonomische Wert des Korallenriffs

Der Pakt erfordert Opfer: Die Umweltschützer müssen ideologischen Ballast abwerfen. Die Firmenchefs andererseits müssen verstehen, dass Gewinne für die Anteilseigner nicht Verluste für Natur und Gesellschaft bedeuten dürfen. Um das zu schaffen, müssen sich Umweltschützer und Unternehmer auf eine gemeinsame Sprache einigen. Dieser Versuch wird unternommen. Es gehe darum, die "Ökosystem-Dienstleistungen" zu quantifizieren, erläutert der Ökonom Pavan Sukhdev, einer der Visionäre der Öko-Wirtschaft.

Wie groß ist der Verlust an Natur und Lebensqualität tatsächlich, den der Kauf eines Handys oder eines T-Shirts verursacht? Vordenker wie Sukhdev glauben daran. Ihre Rechenmodelle sind bereits im Einsatz. Gerade erst haben zehn afrikanische Länder in der Gaborone-Deklaration angekündigt, den ökonomischen Wert ihrer Wälder, Korallenriffe oder Savannen künftig in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einzubeziehen.

Wie das geht, hat im vergangenen Jahr als eines der ersten Unternehmen weltweit der Sportartikelhersteller Puma vorgeführt. Die Firma stellte eine "ökologische Gewinn- und Verlustrechnung" auf. 145 Millionen Euro an "externen Effekten" auf Landschaft, Wasserhaushalt und Luftqualität haben Puma und seine Zulieferer demnach 2010 gehabt.

Rio hinterfragt die Definition von Wohlstand

Damit lässt sich arbeiten, sagt der Puma-Verwaltungsratsvorsitzende Jochen Zeitz: "Jetzt erst wissen wir, wo wir tatsächlich Auswirkungen haben." Nun kann Zeitz losziehen und den ökologischen Fußabdruck seiner Schuhe etwa durch Verwendung anderer Materialien oder Austausch von Zulieferern gezielt verringern. Umwelt- und Klimaschützer müssen solche Pioniertaten unterstützen. Partnerschaften mit der Wirtschaft sind unumgänglich.

Denn im Kern geht es in Rio um die Definition von Wohlstand. Seit Jahrzehnten wird Wohlstand nach den Kriterien der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, etwa im Bruttoinlandsprodukt gemessen. Die Metrik ging indes noch von unbegrenzten Ressourcen aus. Es ist überfällig, in die Rechnung auch das soziale, das intellektuelle und vor allem das natürliche Kapital eines Landes einzubeziehen.

Intakte Umwelt als Wirtschaftsplus

Die Occupy-Bewegung zeigt, dass die Verbraucher unzufrieden damit sind, wie die Welt wirtschaftet. Um diesen Unmut in positive Energie zu verwandeln, gilt es, eine Psychologie der Ohnmacht durch eine Psychologie der Machbarkeit zu ersetzen. Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht nach Rio fährt ist daher um so enttäuschender. Trotz stotternder Energiewende: International geht Deutschland mit gutem Beispiel voran. Merkel könnte ein Zeichen setzen.

Firmenlenker mit Weitsicht wissen längst, dass sie ihren Laden ohne intakte Umwelt in zwanzig Jahren dicht machen können. "Sie werden es sein, die in Rio am meisten auf neue Regeln drängen werden", glaubt Gerard Bos von der International Union for Conservation of Nature (IUCN). Die Wirtschaft braucht Planungssicherheit. Ihr ist daran gelegen, sich langfristig und nachhaltig den Zugang zu Ressourcen zu sichern. Oftmals haben gerade privatwirtschaftliche Firmen jene langfristigen Zeithorizonte, die der Natur- und Klimaschutz braucht - anders als die Politiker, deren nächster Wahltermin immer schon kurz bevorsteht.

Gewiss, es bleibt eine Gratwanderung. Der World Wide Fund for Nature (WWF) ist jüngst für seine Industrienähe kritisiert worden. Vielleicht haben es die Pandaschützer mit der Kooperation etwas übertrieben. Doch es gibt auch viele Beispiele fruchtbarer Zusammenarbeit.

Der Zweck heiligt die Mittel

Die IUCN etwa ist mit der Firma Holcim im Gespräch, einem der größten Zementhersteller der Welt. Holcim versucht, die Umweltverträglichkeit seiner Bergwerke zu erhöhen. Die Firma tut das aus Eigennutz. Kann sie nachweisen, nachhaltig zu arbeiten, wird es leichter, an neue Lizenzen zu kommen. Doch nun haben die Umweltschützer zumindest einen Fuß in der Tür. Auch bei den Kaffeeröstern von Nespresso gehen IUCN-Umweltschützer ein und aus, um beispielsweise das Verpackungsrecycling zu verbessern.

Nespresso verkauft Kaffee in Miniportionen, die zu allem Überfluss einzeln in energieaufwendig produziertes Aluminium verpackt sind. Dem traditionellen Umweltschützer treibt so etwas die Zornesröte ins Gesicht. "Greenwashing" heißt es schnell. Doch müssen wir noch Zeit damit verschwenden, die Motive der Firmen zu hinterfragen?

Sobald es Erfolge gibt, heiligt der Zweck die Mittel. "Nicht jammern! Tun!" möchte man den Umweltschützern vor allem in den Industrieländern zurufen. Das Genörgel im Vorfeld der Rio+20-Konferenz ist unerträglich und wird keinen Wald vor der Rodung und keine bedrohte Art vor der Ausrottung retten.

Die Umweltschützer müssen verstehen, dass sieben Milliarden Menschen nicht allein mit Wal-Tourismus und Öko-Tomaten überleben können. Nachhaltigkeit darf kein Luxuskonzept bleiben und nicht das Ressort der Baum-Streichler und Großstadt-Ökos. Die Diskussion müsse "umweltschutz-befreit" werden, damit nicht nur die üblichen Verdächtigen zuhören, sagt André Corrêa do Lago, Anführer der brasilianischen Delegation bei der Rio+20-Konferenz.

Das Konzept der "Green Economy" ist kein Allheilmittel. Doch es ist ein Ansatz, der realistisch erscheint. Das allein ist schon viel wert.

Die Outdoor-Ausrüstungsfirma Patagonia hat im vergangenen November eine ganzseitige Anzeige in der "New York Times" veröffentlicht. "Kauft diese Jacke nicht" war dort über dem Foto einer Patagonia-Jacke zu lesen. Im Kleingedruckten erläuterte das Unternehmen, welche Umweltauswirkungen die Herstellung des Kleidungsstücks hat, und riet dazu, Second-Hand zu kaufen oder alte Jacken zumindest nicht wegzuschmeißen, sondern zurückzugeben.

Man kann das für einen besonders perfiden Marketingtrick halten, der genau auf die umweltbewusste Zielgruppe der Outdoor-Firma zugeschnitten war. Man kann jedoch auch sagen: Danke für die Aufklärung - und für den Versuch, die Welt nachhaltiger zu gestalten.

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
micha2012 20.06.2012
1. Sind wir Masochisten?
"Sie werden reden und reden - und uns alle maßlos enttäuschen. Und das ist auch gut so." Demnächst steht hier dann wohl auch. "Sie haben es zugelassen, dass 90% der Erde verstrahlt, vergiftet, verbrannt und für die Menschen unbewohnbar geworden sind. Und das ist gut so" Ach, jetzt geht es mir sooo viel besser, wo ich weiß, dass meine Enttäuschung etwas gutes ist.
systembolaget 20.06.2012
2. Die Industrie betreibt nur profitgesteuerte...
...Augenwischerei, bekannt auch als "greenwashing". Und die Konsumenten kaufen sich, ähnlich dem Ablaßhandel der kath. Kirche, mit ein paar Solarzellen oder Bio-Nahrung (je nach Finanzkraft) von ihrer ganz persönlichen Verantwortung frei. Am besten bringt es Katrin Hartmann in ihrem Buch "Ende der Märchenstunde" auf den Punkt. Sic transit gloria mundi...
Ben Major 20.06.2012
3. Glauben
Zitat von micha2012"Sie werden reden und reden - und uns alle maßlos enttäuschen. Und das ist auch gut so." Demnächst steht hier dann wohl auch. "Sie haben es zugelassen, dass 90% der Erde verstrahlt, vergiftet, verbrannt und für die Menschen unbewohnbar geworden sind. Und das ist gut so" Ach, jetzt geht es mir sooo viel besser, wo ich weiß, dass meine Enttäuschung etwas gutes ist.
Wenn Sie glauben, das Klimaschutz Umweltschutz ist, dann haben Sie noch nicht mitbekommen, das die Industrie die Umweltorganisationen gekauft hat um mittels Klimaschutz an Subventionen zu kommen. Klimaschutz ist heute das Gegenteil von Umweltschutz, leider. Deswegen ist es gut wenn in Rio nichts raus kommt, vielleicht könnten wir dann Geld und Zeit wieder dem Umweltschutz widmen.
Firewing6 20.06.2012
4. NGOs abschaffen
Die "Klimaschutz Industrie" ist das Haupthindernis auf dem Weg zu einer neuen globalen Allianz. Ich verweise dazu auf einen SPIEGEL Bericht vor ein paar Wochen. Diese Lobby-Riesen vertreten doch nur noch ihre übergewichtigen Mitarbeiterstrukturen, für deren Unterhalt Spenden benötigt werden.
schna´sel 20.06.2012
5. genau so wird es kommen
Dieser Pakt ist nicht nur vermeintlich faustisch, er ist ganz und gar teuflisch. Was nicht bedeutet, dass es nicht so kommen wird. Da die Ökonomie jedes Detail unserer eingebildeten Freiheit bestimmt braucht es auch gar keine besondere journalistische Unterstützung, damit sich dieser Plan umsetzt.
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