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14. März 2011, 18:16 Uhr

Risiko Wetter

Wind bläst radioaktive Wolke nach Tokio

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Bislang wurde Tokio von dem Atomunfall weitgehend verschont - jetzt könnte sich das ändern: Der Wind dreht auf Nordost. Meteorologen glauben, dass er die Radioaktivität aus dem AKW Fukushima am Dienstag in die Millionenstadt trägt. Wie hoch wird die Strahlenbelastung sein?

Es ist Frühjahr in Japan, normalerweise eine Zeit für Westwind. Doch derzeit scheint nichts normal zu sein in Japan. In der Nacht zum Dienstag wird der Wind den Prognosen zufolge auf Nordost drehen - und immer noch besteht die Gefahr einer Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima.

Eine aktuelle Modellrechnung der Wiener Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) zeigt, dass die Luftströmungen freiwerdende Radioaktivität aus dem AKW südwestwärts treiben werden - genau auf das 240 Kilometer entfernte Tokio zu. Erst nachdem die Wolke die Hauptstadt und ihre 35 Millionen Einwohner überquert hat, wird sie den Berechnungen zufolge einen Bogen nach Osten schlagen und aufs Meer hinauswehen - siehe Grafik:

In den vergangenen Tagen haben die Ingenieure in dem havarierten AKW mehrfach radioaktiven Dampf aus den Reaktordruckbehältern abgelassen, um Schlimmeres zu verhindern. Inzwischen hat Japan hat die Internationale Atomenergiebehörde IAEA über den "direkten" Austritt von Radioaktivität in die Atmosphäre informiert, wie die IAEA am Dienstag mitteilte. Die Belastung rund um das beschädigte Atomkraftwerk Fukushima im Nordosten Japans betrage bis zu 400 Millisievert pro Stunde, teilte die Behörde mit.

Bisher wehte der Wind die strahlende Wolke aufs offene Meer. Das ändert sich nun, wie Windprognosen mehrerer Wetterdienste besagen. Wer glaubt, mehr Pech könne niemand haben, sieht sich getäuscht - die Natur hält noch zwei weitere Hiobsbotschaften für Tokio bereit:

Regen bereitet Meteorologen Sorgen

Ähnlicher Meinung ist der Meteorologe Jörg Kachelmann, der intensiv Twitter-Nachrichten über die Lage in Japan und einen Strömungsfilm über die dortigen Windverhältnisse veröffentlicht hat (siehe linke Spalte). Auch beim Deutschen Wetterdienst ist man besorgt. Der Dienstag könnte wettermäßig ein "kritischer Tag" werden, sagte DWD-Meteorologe Martin Jonas. In der Nacht zum Dienstag und im Laufe des Tages drehe der Wind aus West in nördliche bis nordöstliche Richtung. Der Nordwind könnte radioaktive Substanzen vom Atomkraftwerk Fukushima nach Tokio transportieren.

Die Messungen vom Dienstag scheinen die Befürchtungen zu bestätigen: Bereits rund 100 Kilometer nördlich der Hauptstadt Tokio war die Strahlenbelastung bis zu zehnmal höher als normal, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die örtlichen Behörden.

Laut Wotawa ist in jedem Fall davon auszugehen, dass bei dem Unfall freigesetzte Nuklide - vor allem Cäsium-137, Jod-131 und Xenon-133 - die Metropole erreichen werden. Jod-131 strahlt stärker als Cäsium-137, hat aber auch eine kürzere Halbwertszeit: Nach rund acht Tagen ist die Hälfte zerfallen. Allerdings kann sich das strahlende Jod bei Menschen in der Schilddrüse anreichern und dort mittelfristig zu Krebs führen. Jod-Tabletten bieten deshalb einen gewissen Schutz: Je mehr nicht-radioaktives Jod sich in den Schilddrüsen befindet, desto weniger Platz haben die schädlichen Isotope.

Cäsium-137 hält dagegen wesentlich länger vor: Es hat eine Halbwertszeit von mehr als 30 Jahren. Deshalb sorgen sich Meteorologen besonders über den für Tokio prognostizierten Regen: Sollten größere Mengen an Cäsium herüberwehen, würde der Niederschlag das Cäsium in die Stadt spülen. "Im schlimmsten Fall müssten Teile der Metropole dekontaminiert werden", sagt Wotawa. "Das hat es bei einer 35-Millionen-Stadt noch nie gegeben." Mit der Situation im ukrainischen Prypjat sei das nicht annähernd zu vergleichen. Prypjat hatte einst rund 50.000 Einwohner und ist heute eine Geisterstadt - sie wurde 1986 nach der Tschernobyl-Katastrophe aufgegeben.

Offen ist, wie stark die radioaktive Belastung in Tokio wird. Das hängt davon ab, was noch aus dem beschädigten Kraftwerk ins Freie gelangt - und die Geschehnisse vom Dienstag tragen nicht zur Beruhigung bei. Bei einer erneuten Explosion im Kernkraftwerk wurde nach Regierungsangaben erstmals eine innere Schutzhülle eines Reaktorblocks beschädigt. Die AKW-Betreibergesellschaft Tepco sprach von einer "sehr schlimmen" Lage. Die Strahlung in der Umgebung steige dramatisch.

Bereits am Montag hatte die US-Marine den Hilfseinsatz ihrer Schiffe vor der japanischen Küste am Montag wegen einer leichten Verstrahlung ausgesetzt. Die "New York Times" hatte unter Berufung auf US-Regierungskreise geschrieben, der Flugzeugträger USS "Ronald Reagan" sei durch die radioaktive Wolke gefahren. Mehrere Crewmitglieder hätten binnen einer Stunde eine Monatsdosis Strahlung abbekommen.

Droht ein zweites Tschernobyl?

Zwar haben deutsche Physiker bei einer Tagung in Dresden betont, dass eine nukleare Katastrophe von den Ausmaßen des Tschernobyl-Unglücks in Japan nicht mehr zu erwarten sei, da die dortigen Reaktoren bereits am Freitag abgeschaltet wurden und entsprechend stark abgekühlt seien. Auch Yukiya Amano, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, äußerte sich am Montag zuversichtlich: "Die Reaktorkammern haben gehalten, die Freisetzung von Radioaktivität ist begrenzt." Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht nur geringe Gefahren für die Bevölkerung. "Von dem, was wir zurzeit über die Höhe der radioaktiven Strahlung wissen, ist das Gesundheitsrisiko für Japan minimal", sagte WHO-Sprecher Gregory Hartl.

Andere Experten geben sich dagegen weniger gelassen. Die meisten halten es inzwischen für ausgemacht, dass es in den Reaktoren von Fukushima zumindest teilweise zur Kernschmelze gekommen ist. 20 bis 40 Tonnen radioaktive Brennstoffe könnten betroffen seien, wobei die in Meiler 3 verwendeten Mischoxid-Brennstäbe auch das hochgiftige Plutonium enthalten.

Die Brennstäbe in Reaktorblock 2 liegen nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo sogar komplett trocken ( mehr im Liveticker hier). Zuvor war am Montag versucht worden, den absinkenden Stand der Kühlflüssigkeit mit Meerwasser aufzufüllen, um eine weitergehende Kernschmelze zu verhindern. "Solange die Kerntemperatur im Reaktordruckbehälter nicht gesenkt werden kann, drohen die Brennstäbe zu schmelzen", so Burnie. "Wenn diese glühend heiße plutoniumhaltige Suppe etwa durch eine Explosion in die Umwelt gelangt, haben wir die totale Katastrophe."

Die japanische Regierung hält sich mit Angaben bedeckt. Ein Sprecher betonte nach der zweiten Explosion am Montag, die Gefahr, dass sich radioaktive Substanzen massenhaft verbreiteten, sei gering. Doch der deutsche Reaktorexperte Lothar Hahn sagte, aus technischer Sicht gebe es kaum noch Möglichkeiten, die Geschehnisse in dem Atommeiler zu beeinflussen. In einzelnen Teilen des Kraftwerks habe die Kernschmelze bereits eingesetzt. "Das scheint gesichert und das wird auch nicht mehr bestritten", erklärte der frühere Geschäftsführer der Kölner Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit am Montag bei einer Anhörung der Grünen-Fraktion in Berlin.

Der Atomexperte Wolfgang Renneberg beklagte, die Brennstäbe in einem der Blöcke in Fukushima hätten zwischenzeitlich blank gelegen. "Das bedeutet, dass dort unweigerlich eine Kernschmelze eintreten wird", sagte der frühere Leiter der Abteilung für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium. Es gebe in Japan eine "Situation, die schon eine Katastrophe ist, aber noch viel größer werden kann".

Mit Material von dpa und dapd

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