"Rock Fossils"-Ausstellung Diese Kreaturen heißen wie Heavy-Metal-Stars

Paläontologen haben eine besondere Schwäche für Heavy Metal. Eine Ausstellung zeigt fossile Ringelwürmer, Raubsaurier, Urzeit-Seeigel - und alle tragen Namen von Rockstars. Bühne frei!

Aus Bern berichtet

Markus Becker

Trophäen, die Musiker auf der Bühne überreicht bekommen, heißen Grammy oder Echo. Die Schweizer Band Eluveitie bekommt an diesem Abend einen fossilen Seeigel. Und nicht einmal ein Original, sondern nur einen Abdruck. Kein Moderator im Glitzersakko gratuliert. Stattdessen drückt ein Mann mit schwarzgrauem Zottelbart, langem, leicht strähnigen Haar und schwarzem T-Shirt dem Eluveitie-Frontmann Christian "Chrigel" Glanzmann eine Kiste mit Glasdeckel in die Hand. Glanzmann grinst etwas verlegen. Allerdings: Der Seeigel unter dem Glas trägt jetzt den Namen der Schweizer Folk-Metal-Band.

Paracidaris eluveitie. Ein 160 Millionen Jahre alter Stachelhäuter. Die Menge im Saal tobt.

Der Bärtige - es ist der Paläontologe Bernhard Hostettler - ist sichtlich gerührt. "Kommt nicht oft vor, dass Paläontologen mit einem Fossil auf der Bühne stehen und bejubelt werden", wird er später sagen.

Die merkwürdige Szene spielte sich am Mittwochabend im Naturhistorischen Museum in Bern ab - einem eher unüblichen Ort für den Auftritt einer Metal-Band. Eluveitie, die derzeit international wohl erfolgreichste Schweizer Rockband, spielte nach der Seeigel-Übergabe vor rund 300 Fans, flankiert von zwei lebensgroßen, wenn auch leblosen Giraffen und einem gigantischen Walskelett. Willkommen in der "Rock Fossils"-Ausstellung, die nach der Premiere in Dänemark nun erstmals außerhalb Skandinaviens gastiert.

Ein Raubsaurier namens Mark Knopfler

Die Metal-Paläontologie-Schau ist nur auf den ersten Blick skurril. Ein genaueres Hinsehen lässt erahnen, dass es eine nicht unbedeutende Zahl von Paläontologen mit einem Faible für harte Gitarrenriffs gibt. Die Zunft der Vergangenheitsforscher - ein Hort langhaariger Dosenbiertrinker, die den Kopf zu infernalischem Lärm schütteln?

Derartige Klischees sind so alt wie das Genre selbst. Zwar scheint sich mehr als 40 Jahre nach den Anfängen des Heavy Metal langsam herumzusprechen, dass dieses vielschichtige Musik-Phänomen nicht nur Bierdimpfel anzieht, die sich einmal im Jahr im Schlamm von Wacken wälzen. Dass aber manche daraus eine Wissenschaft machen, dürfte weniger bekannt sein.

Die "Rock Fossils"-Schau zeigt 36 Fossilien und teils spektakuläre Modelle längst ausgestorbener Kreaturen. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind nach Stars der Rockmusik benannt. Auf einem Flightcase - einer Transportkiste, wie sie für Konzerttechnik verwendet wird - etwa steht ein kleiner Raubsaurier namens Masiakasaurus knopfleri, benannt nach dem Gitarristen Mark Knopfler.

Nebenan kauert ein Trilobit auf dem Boden, gute zwei Meter lang, weich und mit Leder überzogen. Man fragt sich, was der 1979 an einer Heroin-Überdosis gestorbene Punkrocker Sid Vicious davon gehalten hätte, dass Metal-Fans einen Urzeit-Gliederfüßer namens Arcticalymene viciousi dereinst in einer Paläontologie-Ausstellung als Sitzmöbel benutzen würden.

Harte Forschung, hart vertont

Außerdem zeigt die "Rock Fossils"-Ausstellung, dass nicht nur die Musik in die Forschung kommen muss. "Man kann den Spieß auch umdrehen", sagt Achim Reisdorf, wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung. Sein Rezept: harte Forschung hart vertonen.

There is a creature without passion and without logic
It lives to kill
A mindless eating machine
It will attack and devour anything
It is as if God created the Devil
And gave him jaws

Diese Worte stammen eigentlich aus dem Trailer von "Jaws", der als "Der Weiße Hai" deutschen Kinobesuchern den Badeurlaub von 1975 vermiest hat. Doch das, wofür der Vers jetzt recycelt wurde, ist kaum weniger furchterregend: Er ist die Ouvertüre zu einem Techno-Metal-Song namens "Deep Time Predator" - die Vertonung eines Fachartikels über einen fossilen Ringelwurm aus der Gruppe der Vielborster.

Kein Geringerer als Tomas "Tompa" Lindberg, Frontmann der Band At the Gates, besingt darin mit tiefdüsterer Stimme ein Urviech, das nach der dänischen Metal-Legende King Diamond benannt ist. In einer weiteren Version rezitiert Lindberg gar die Zusammenfassung des Forschungsartikels, durch den die Fachwelt von Kingnites diamondi erfuhr. Auf diese Weise sind im Rahmen des Projekts "Science Slam Sience Explorers" bereits mehrere Schallplatten entstanden.

Warzen wie Lemmy

Kingnites diamondi steht jetzt ebenfalls im Naturhistorischen Museum in Bern. Zigfach vergrößert reckt er seine Beißwerkzeuge (die in natura nur fünf Millimeter klein waren) dem Betrachter entgegen, als wollte er sagen: Ich mag vor 420 Millionen Jahren ausgestorben sein, doch versteinert lebe ich ewig. Rock never dies.

Wer schon Kingnites diamondi für unappetitlich hält, sollte erst einen Blick auf seinen Ausstellungsnachbarn werfen: Kalloprion kilmisteri. Tentakelartige Gebilde stehen wie krauses Haar von seinem nacktfleischigen Körper ab, der aufgerissene Rachen erinnert an mehrere Horrorfilm-Aliens zugleich. Das Highlight aber ist sein Rücken - übersät mit dicken Warzen. Das erinnert ans Gesicht seines Namensgebers Lemmy Kilmister, seines Zeichens Sänger und Bassist von Motörhead.

Derartige Späße bereiten Mats Eriksson, der die beiden Ringelwürmer entdeckt und ihnen ihre Namen verpasst hat, sichtlich Vergnügen. "Wie viel fantasie in diesen Modell steckt, muss natürlich unter uns bleiben", murmelt der schwedische Paläontologe im Verschwörerton. Denn alles, was er etwa von Kingnites diamondi in einem Sandsteinblock gefunden hat, waren die beiden fünf Millimeter kleinen Beißwerkzeuge. Das restliche Aussehen des etwa 30 Zentimeter hohen Modells basiert auf plausiblen Vermutungen, die auf paläontologischem Wissen und der Anatomie moderner Tieren gründen.

"Manche Charakteristika hat es sehr wahrscheinlich gegeben", sagt Eriksson, "bei anderen sind wir uns nicht so sicher. Und die Warzen waren wohl eher nicht da." Das gleiche gelte übrigens für das King-Diamond-Logo aus Pigmenten, das auf dem Rücken der Kingnites-diamondi-Replika prangt. Aber King Diamond selbst, der höchstpersönlich zur ersten "Rock Fossils"-Ausstellung im dänischen Faxe gekommen war, soll ganz aus dem Häuschen gewesen sein.

Kann man verstehen. Die Modelle des Dänen Esben Horn wirken so lebensecht, als wollten sie jede Sekunde aus ihrer Glaskiste fliehen. Um dann einmal mehr alles anzugreifen und zu verspeisen - als ob Gott den Teufel erfunden und ihm Fresswerkzeuge gegeben hätte.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Markus Becker ist Ressortleiter Wissenschaft bei SPIEGEL ONLINE. Er hat außerdem in 20 Jahren als Metal-Musiker rund 150 Mal auf kleinen und großen Bühnen gestanden und zu Songtexten im Hardrock und Heavy Metal geforscht.

E-Mail: Markus_Becker@spiegel.de

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
kuchengespenst 19.03.2015
1. Metal-Stars
Mark Knopfler und Sid Vicious sind also Metal-Stars? Wieder was gelernt.
Motorkopf 19.03.2015
2. Jepp
Zitat von kuchengespenstMark Knopfler und Sid Vicious sind also Metal-Stars? Wieder was gelernt.
da sollte man die Musikgrenze irgendwo bei "Rock" ziehen... Aber ich dachte immer Lemmy IST ein Dinosaurier :-)Wer in diesem Alter so viele Biologische Katastrophen in Form von Drogen überlebt hat, den muss Mutter Natur besonders ausgestattet haben. Normal ist der zum Glück nicht!
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