Rohstoffe: Experten halten 100 Prozent Recycling für möglich

Von Christian Schwägerl

Deutschland importiert Rohstoffe in rauen Mengen, um sie dann zu verschwenden - zu diesem Schluss kommt ein von Kanzlerin Angela Merkel einberufenes Gremium. Die Experten empfehlen eine radikale Stärkung des Recyclings. Sogar ein abfallfreies Deutschland sei machbar.

Wertstoff-Aufbereitung (in Erfurt): Kann die Recyclingquote 100 Prozent erreichen? Zur Großansicht
dapd

Wertstoff-Aufbereitung (in Erfurt): Kann die Recyclingquote 100 Prozent erreichen?

Berlin - Rund 40 Tonnen Rohstoffe verbraucht der durchschnittliche Deutsche nach Angaben des Rats für Nachhaltige Entwicklung pro Jahr. Das sind 110 Kilogramm pro Tag. Der Hausmüll macht davon nur einen kleinen Teil aus. "Die riesigen Mengen kommen durch den Verbrauch an Rohstoffen zusammen, der bei der Produktion von Waren aller Art geschieht", sagt Hans-Peter Repnik, der Vorsitzende des von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einberufenen Gremiums.

Noch immer verwandelt sich ein erheblicher Teil dieser Rohstoffe nach Gebrauch in Abfall, wird entweder verbrannt, als Restmüll deponiert oder zur Entsorgung ins Ausland geschafft. Das möchten Repnik und die 14 anderen Mitglieder des Rats möglichst schnell ändern. Sie schlagen vor, "die konkrete Vision einer 100-prozentigen Kreislaufwirtschaft und des langfristigen Verzichts auf den Verbrauch endlicher, nicht erneuerbarer Rohstoffe zu verfolgen". So steht es in einem Bericht, der nun der Bundesregierung vorgelegt wurde.

"Nachdem Deutschland auf dem Weg ist, seine Energieversorgung zu 100 Prozent erneuerbar zu gestalten, sollte auch das Ziel angestrebt werden, unsere Rohstoffe zu 100 Prozent wiederzuverwerten", sagt Repnik.

Die Ratsmitglieder, darunter Eric Schweitzer, Vorstandsmitglied des Recyclingunternehmens Alba sowie Olaf Tschimpke, Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), haben in den vergangenen Monaten die Stoffströme betrachtet, die durch Deutschland fließen. Sie haben sich mit den Metallen und Seltenen Erden beschäftigt, die aus aller Welt über die Häfen ins Land gebracht werden, haben Produktionsprozesse analysieren lassen und untersucht, was genau mit Abfällen in Deutschland passiert.

"Deutschland wirft Ressourcen weg"

Ihr Fazit: Trotz vieler Erfolge im Recycling sei Deutschland nach wie vor eine "Verlustwirtschaft, die endliche Ressourcen wegwirft und den Reichtum an Ressourcen verringert". Als Beispiel führt Schweitzer Kunststoffe und Elektrogeräte an: Zwei Millionen Tonnen Plastik würden pro Jahr über den Hausmüll entsorgt und anschließend verbrannt, obwohl eine Tonne Plastikgranulat 400 bis 500 Euro koste. Bei den Elektrogeräten würden nur rund 40 Prozent überhaupt recyclet - der Rest lande in der Restmülltonne.

Das, so Schweitzer, sei Verschwendung pur. "Wir leisten uns einen Streit darüber, ob kommunale oder private Entsorger die Abfälle verwerten sollen, statt mehr darüber zu reden, wie wir zu umfassendem Recycling kommen."

Als Bedingung für eine echte Kreislaufwirtschaft sieht der Rat, dass Hersteller künftig eine umfassende Verantwortung für ihre Produkte übernehmen müssen. "Die Hersteller müssen umfassend dafür verantwortlich gemacht werden, dass ihre Produkte am Ende der Lebenszeit auch wiederverwertet werden", sagt Repnik.

Konkret schwebt dem Gremium folgendes vor:

  • Eine Recycling-Pflicht für die Hersteller würde dazu führen, dass Produkte von vornherein anders konzipiert würden - also nicht als Wegwerfartikel, sondern langlebiger, besser reparierbar und einfacher wiederverwertbar.
  • Produkte könnten von Verbrauchern nur noch gemietet werden, das Eigentum an den Materialien bliebe beim Hersteller.
  • Es müsste neue Wege geben, Produkte, die wertvolle Rohstoffe wie Edelmetalle und Seltene Erden enthalten, effizienter einzusammeln als bisher.
  • Es sollte stärkere Anreize dafür geben, neue, wiederverwertbare Materialien und Recyclingtechnologien zu entwickeln.

Laut Repnik ist die Rohstoffpolitik der Bundesregierung bisher zu einseitig: "Das Bundeswirtschaftsministerium kümmert sich darum, dass wir effizient Rohstoffe aus dem Ausland beschaffen können, hat aber keine Strategie für die Rohstoffe, die wir schon im Land haben", sagt der frühere CDU-Politiker, der von 1980 bis 2005 Bundestagsabgeordneter war.

Für die Zukunft sei es aber entscheidend, Produkte wie Autos, Elektrogeräte und Kunststoffe als Rohstofflager anzusehen und zu nutzen. "Wir haben das Potential dazu, Rohstoffland zu werden", sagt Repnik. Das Ziel, zu einer Recyclingquote von 100 Prozent zu kommen, klinge heute noch visionär, sei aber machbar.

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insgesamt 96 Beiträge
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1. Ja,
xyp 01.06.2011
auf geht's, weg von diesem ganzen Verschwendungswahn.
2. Meinung
meinmein 01.06.2011
Elektrogeräte mieten statt kaufen - das hatten wir schon bei der Post, der Vorläufer der Telekom. Da durfte man kein eigenes Gerät anschließen, sondern mußte eines von der Post mieten und hatte so nach nur 10 Jahren ca. das 120fache des Einkaufspreises bezahlt und man mußte es trotzdem nach Beendigung des Vertrages zurückgeben. Ein glänzendes Geschäft, die Kühlschrankhersteller würden sicher sofort für diese Art Recycling stimmen.
3. .
**Kiki** 01.06.2011
Wie soll das mit der Recyclingpflicht eigentlich funktionieren, wenn davon nur deutsche Hersteller betroffen sind? Oder in welcher Form gedenkt man ausländische Hersteller dabei einzubeziehen? Und wie hoch ist eigentlich der Anteil an Wertstoffen, die von ausländischen Herstellern produziert werden? Wer gilt z. B. in folgendem Fall als Hersteller: Der Hersteller des Elektrogeräts oder seiner Bauteile? Ich bin sehr dafür, das Recycling zu verbessern, aber mir scheint, die Wertstoffe dafür den langen Marsch durch die Produktionskette bis zum Anfang wiederantreten zu lassen, ist keine so richtig durchdachte Idee. Könnte man sich zudem netterweise endlich einmal darum bemühen, eine Lösung zu finden, die ohne die üblichen Brachial-Zwangsmaßnahmen zu bewerkstelligen ist? Die gehen ja doch jedes Mal schief, siehe Dosenpfand. Wird nicht mit Altpapier gutes Geld verdient, jedenfalls dann, wenn wir gerade nicht Wirtschaftskrise haben? Wieso sollte das beim Wertstoffrecycling dann eigentlich nicht auch funktionieren? Wertstoffe müßten doch eigentlich auch was wert sein ...
4. Marktmechanismen
poliflor 01.06.2011
Zitat von meinmeinEin glänzendes Geschäft, die Kühlschrankhersteller würden sicher sofort für diese Art Recycling stimmen.
Mit dem kleinen Unterschied, dass es kein Kühlschrankherstellermonopol gibt. Da sollte dann idealerweise die Preisbildung über die normalen Mechanismen eines freien Marktes laufen.
5. Kein passender Vergleich
trafozsatsfm 01.06.2011
Zitat von meinmeinElektrogeräte mieten statt kaufen - das hatten wir schon bei der Post, der Vorläufer der Telekom. Da durfte man kein eigenes Gerät anschließen, sondern mußte eines von der Post mieten und hatte so nach nur 10 Jahren ca. das 120fache des Einkaufspreises bezahlt und man mußte es trotzdem nach Beendigung des Vertrages zurückgeben. Ein glänzendes Geschäft, die Kühlschrankhersteller würden sicher sofort für diese Art Recycling stimmen.
Das ist aber nur gescheitert (aus Verbrauchersicht), weil die Post damals ein Monopolist war, und es deshalb keinen Wettbewerb darum gab, wer die billigsten Geräte anbieten konnte. Auf einem Markt mit zahlreichen konkurrierenden Anbietern dürfte das kein Problem sein.
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Das Abfallgesetz
EU-Abfallrahmenrichtlinie
Die Abfallrahmenrichtlinie bildet die Basis für das Abfallrecht in der Europäischen Union. Die aktuelle Richtlinie muss von den EU-Mitgliedstaaten bis zum 12. Dezember 2010 in nationales Recht umgesetzt werden. So lange gilt parallel noch die alte Abfallrahmenrichtlinie 2006/12/EG. Ziel der Richtlinie ist es, die Abfallvermeidung und das Recycling in Europa zu fördern und einheitliche Standards in der Abfallwirtschaft zu schaffen.
Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz
Das deutsche Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz in erster Fassung von 1994 regelt die Entsorgung, Verwertung und Beseitigung von Abfällen. Ein wesentlicher Punkt ist die Produktverantwortung, nach welcher die Hersteller dazu verpflichtet sind, dafür zu sorgen, dass ihre Produkte nach der Verwendung schadlos entsorgt werden können. Ziel des Kreislaufwirtschaftsgesetzes ist es, Ressourcen möglichst zu schonen. Dabei gilt für die Umweltpolitik folgende Abfallhierarchie: Vermeidung vor Verminderung vor Verwertung vor Beseitigung.
Novellierung des Gesetzes
Eine Novellierung der alten Fassung steht bald an. Bis zum 12. Dezember 2010 muss das Gesetz an die neue EG-Abfallrahmenrichtlinie (Richtlinie 2008/98/EG) angepasst werden. Das neue Gesetz wird "Kreislaufwirtschaftsgesetz" (KrWG) heißen. Ein vorläufiger Gesetzentwurf wurde im Februar vorgelegt. Er hält sich sehr genau an die EU-Vorgaben, was besonders von Umweltschützern kritisch aufgenommen wurde. Wesentlich für das neue Gesetz ist eine fünfstufige Abfallhierarchie: Vermeidung vor Wiederverwendung vor Recycling vor sonstiger Verwertung (z.B. energetisch) vor Beseitigung. Neu an dem Gesetzentwurf ist allerdings, dass er den Weg für die spätere Einführung einer Wertstofftonne für Leichtverpackungen und stoffgleiche andere Abfälle ebnet. Ab 2015 soll außerdem eine flächendeckende Getrenntsammlung von Bioabfällen erfolgen.
Verpackungsverordnung
Die erste Version der deutsche Verpackungsverordnung (VerpackV) wurde 1991 beschlossen. Sie ist wiederholt novelliert und an die EU-Maßgaben angepasst worden. Die Verpackungsverordnung zählt zum sogennanten "untergesetzlichen" Regelwerk des Abfall- und Kreislaufgesetzes. Sie konkretisiert das Gesetz in Bezug auf die Verwertung von Verpackungen. Ziel ist es, die Umweltbelastungen aus Verpackungsabfällen zu verringern und ihre Wiederverwendung oder Verwertung zu fördern. Im Januar 2009 trat die fünfte Novelle der Verpackungsverordnung in Kraft. Alle Verpackungen, die zum privaten Endverbraucher gelangen, müssen seither bei den dualen Systemen angemeldet werden.