Rohstoffe in Deutschland Schatzsucher heben das Rheingold

Richard Wagner hat das Rheingold weltbekannt gemacht, doch was nur wenige wissen: Das Edelmetall lässt sich tatsächlich aus dem Fluss holen - mit einem recht simplen Trick. Ein Besuch bei Deutschlands einzigem offiziellen Goldproduzenten.

Christoph Seidler

Von , Rheinzabern


Einen Augenblick lang scheint das Wasser zu kochen, dann taucht das Oberteil des riesigen Greifers aus dem graugrünen See auf. Stahlseile, jedes so dick wie zwei Finger einer Männerhand, reißen das glänzende Ungetüm nach oben. "Da sind locker 20 Tonnen drin", ruft mir Horst Wayand durch den Lärm zu. Ausgestattet mit Schwimmweste und Schutzhelm stehen wir auf dem riesigen, leicht schaukelnden Schwimmbagger des Kieswerks in Rheinzabern.

500.000 bis 600.000 Tonnen Kies und Sand liefert das Werk jedes Jahr aus, vor allem für die Zementindustrie. Doch seit einigen Jahren stellen die Pfälzer auch noch ein exotischeres Produkt her: Holcim in Rheinzabern ist Deutschlands einziger offizieller Goldproduzent. Ausgestattet mit einer Lizenz des Oberbergamtes Saarland/Rheinland-Pfalz darf die Firma auf einer Fläche von 91 Hektar nach Gold schürfen, für nicht weniger als 50 Jahre.

Das Edelmetall liegt als sogenanntes Schwemm-oder Seifengold versteckt in Sanden und Kiesen, die der nahe Rhein einst hierhergebracht hat. Denn wo heute der Holcim-Schwimmbagger durch seinen selbst geschaffenen Kiessee schippert, zog einst der Fluss seine Bahnen. Und wo das Wasser nur langsam dahinfloss, setzte sich nach und nach das Gold ab. Durch ein vergleichsweise simples Verfahren lässt es sich heute im Kieswerk als wertvolles Beiprodukt aus dem Sand gewinnen.

Alles beginnt damit, dass der 13 Tonnen schwere Greifer des Baggers tief unter der Oberfläche des Kieswerksees im pfälzischen Untergrund wühlt. Wayand kann durch einen einfachen Blick erkennen, ob sich die Suche nach dem Edelmetall heute lohnt - schließlich sind die verschiedenen Schichten am Seegrund ganz unterschiedlich stark mit den feinsten Metallflittern durchsetzt.: "Hier sieht man schon, dass Gold drin ist", frohlockt Wayand nun.

Zentrifuge wirbelt Sand mit der 92fachen Erdbeschleunigung herum

Auf dem Werksgelände führt er mich durch die Anlage, die sie hier zur Abtrennung des Goldes aus dem Kies gebaut haben. Dazu gehört zum Beispiel eine Zentrifuge, die den Rheinzaberner Sand mit dem 92-fachen der Erdbeschleunigung herumwirbelt, wie eine riesige Wäscheschleuder. Es geht darum, die schweren Goldteilchen von den leichteren Sandpartikeln zu trennen. Den gleichen Zweck verfolgen auch die Waschrinnen weiter unten in der Konstruktion. Die Rinnen sind mit Kunstrasen ausgelegt, wie man ihn in jedem Baumarkt bekommt. Die feinen Kunststoffhärchen des Geflechts halten das Gold zurück, während der Sand weiterschwimmt.

Die Anlage liefert ein dunkel schimmerndes Pulver. Wayand und seine Leute geben es auf zwei elektrische Rütteltische, die in ihrem früheren Leben einmal bei der Trennung von Metallen aus kleingehäckseltem Elektroschrott zum Einsatz gekommen sind. Auf diesen Anlagen lässt sich das Gold in einem zweistufigen Verfahren abtrennen, Quarzsand und Schwerminerale werden aussortiert. Doch das reicht immer noch nicht, um reines Gold zu gewinnen.

Bevor das Edelmetall in den Schmelzofen wandern kann, wird es mit 10.000 Umdrehungen in der Minute gehörig durchgequirlt. Das Gemisch aus Gold und den verbliebenen Reststoffen wird, versetzt mit zwei Ölen, über deren genaue Zusammensetzung Wayand nichts sagen will, durch eine umgebaute Fräsmaschine zum Schäumen gebracht. Die eigentlich schweren Goldpartikel landen dabei im Schaum, wie der Schmutz von unserer Haut im Dreckrand der Badewanne landet. Wenn man diesen Schaum dann trocknet, erhält man ein glänzendes Pulver - und das ist Gold, das nun tatsächlich eingeschmolzen werden kann.

Wie viel Gold sie so aus dem Rhein gewinnen, das wollen die Holcim-Leute nicht sagen. Einige Kilogramm Gold kommen pro Jahr aber auf jeden Fall zusammen, so viel ist sicher. Zum Vergleich: China, noch vor Südafrika der weltgrößte Goldproduzent, hat im Jahr 2011 knapp 361 Tonnen des Edelmetalls hergestellt. Die deutsche Goldproduktion ist also im internationalen Maßstab irrelevant. Andererseits belegt das Beispiel Rheinzabern eindrücklich, dass sich Rohstoffe manchmal auch an Stellen finden, wo kaum jemand sie heute vermuten würde.

Dabei kannten schon die Kelten vor rund 2000 Jahren die wundersame Fracht des Rheins, desgleichen die Römer: Und auch in den Jahrhunderten nach der Zeitenwende war die heute so gut wie vergessene Goldgewinnung aus dem Fluss ein einträgliches Geschäft, vor allem in Baden und der Pfalz. Als allerdings der Rhein Mitte des 19. Jahrhunderts begradigt wurde, war es mit der Goldsuche an seinen Ufern vorbei. Staustufen verhinderten, dass der Rhein weiter Gesteinsbrösel aus dem Süden nach Norden trug.

Wagner machte das Rheingold weltbekannt

Wer über das Gold aus dem Rhein spricht, kommt an einem großen Mythos nicht vorbei: Es geht um das Nibelungenlied, eine Heldengeschichte, die - obwohl heute vor allem durch die Wagner-Opern bekannt - seit dem Mittelalter existiert. Die ausgesprochen blutige Saga, manchen gilt sie als deutsches Nationalepos, erzählt vom Schicksal des Königssohns Siegfried aus dem niederrheinischen Xanten und seinem erfolgreichen Werben um die hübsche Kriemhild von Worms. Der Fiesling Hagen von Tronje, ein Rüpel im Dienst der Burgunderkönige, metzelt Siegfried - wegen seines riesigen Goldschatzes.

Diesen Nibelungenhort lagerte Hagen nach seiner Bluttat zwischen, so heißt es jedenfalls, irgendwo im Rhein bei Worms. Dort soll er bis heute liegen, 144 Wagenladungen voll Gold. Und egal wie groß oder klein diese Wagen auch gewesen sein mögen: Das ist eine ganze Menge. Der unvorstellbar große - und trotz aller teils mit Hightech ausgestatteten Suchexpeditionen bis heute verschollene - Schatz hat den Mythos vom Rheingold begründet.

Die Kieswerker von Rheinzabern werben damit, dass ihr Gold besonders umweltfreundlich hergestellt wurde. Sie setzen nur auf physikalische Prozesse, um das Edelmetall aus dem Sand zu bekommen. Deswegen vermarkten sie ihr 22-karätiges Produkt auch als Ökogold und lassen sich etwa das Doppelte des aktuellen Goldpreises dafür bezahlen.

Auch manch anderes Kieswerk mag mittlerweile im Goldgeschäft sein. Der Vorteil liegt auf der Hand: Mit nur geringen Modifikationen im Produktionsablauf lässt sich im Idealfall ein gutes Zubrot verdienen. Klar, man muss große Mengen an Sand und Kies umsetzen, um an das Edelmetall zu kommen. Aber das tun viele Kieswerke ohnehin.

Und der Rhein ist längst nicht der einzige deutsche Fluss, den Geologen für interessant halten. Das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie in Sachsen geht zum Beispiel davon aus, dass auch Kiesgruben an der Elbe in die Goldproduktion einsteigen könnten: In einer Tonne Sand dürften sich nach Expertenschätzungen zwischen zehn und 30 Milligramm Gold verbergen. "Das klingt nach wenig, aber wenn man bedenkt, dass viele Tagebaue pro Jahr mehr als eine Million Tonnen Kies fördern, sprechen wir schon von zehn bis 30 Kilogramm Gold, die pro Jahr mitverarbeitet werden", sagt der Freiberger Lagerstättenkundler Jens Gutzmer.

Außer den Sachsen hat bisher noch kein Bundesland systematisch die Kieswerke auf eine mögliche Goldproduktion hin untersucht. Das könnte sich ändern. "Würden alle Tagebaue an Gold führenden Flüssen in Deutschland das Edelmetall aus dem Kies holen, könnten sie so insgesamt eine Tonne Gold pro Jahr fördern", glaubt Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.


Dieser Text ist ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Deutschlands verborgene Rohstoffe" von Christoph Seidler, das am 27. August im Hanser-Verlag erscheint.

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