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Farbanalyse: Klimageheimnis auf alten Meisterwerken

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Vulkane machen Wetter: Gemalte Klimageschichte Fotos
AFP

Heller oder roter Sonnenuntergang - warum wechselten manche Landschaftsmaler innerhalb von nur wenigen Jahren von blassen zu prallen Farben? Die Analyse Hunderter Werke zeigt: Die alten Meister waren unwissentlich Chronisten des Klimas.

Hamburg - "Ich habe nicht gemalt, um verstanden zu werden", soll der britische Maler William Turner gesagt haben. "Ich wollte zeigen, wie eine Gegend aussah." Und das scheint dem Künstler besser gelungen zu sein, als er es vielleicht selbst je erhofft hatte. Farbanalysen zeigen, dass die Bilder von Turner und anderen Künstlern die Klimageschichte der Erde nachzeichnen.

Landschaftsmalereien aus den vergangenen fünf Jahrhunderten liefern ein Abbild der einstigen Luft, berichtet eine Gruppe um den Physiker Christos Zerefos vom National Observatory in Athen im Fachblatt "Atmospheric Chemistry and Physics". Sie verglichen die Entstehungszeiten Hunderter Werke mit Daten der rund 50 großen Vulkaneruptionen seit 1500. Das Ergebnis: Künstler waren - vermutlich unwissentlich - getreue Chronisten historischer Vulkanausbrüche.

Als beispielsweise Caspar David Friedrich in den Jahren 1815/1816 in Greifswald seine berühmte "Ansicht eines Hafens" malte, zeichnete er auch die Himmelsfärbung, die der Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 im fernen Indonesien bewirkt hatte. Die mächtige Eruption hatte die Luft weltweit verändert.

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Abermillionen Staubpartikel und Schwefeltröpfchen wurden in die Luft geschleudert und wirkten wie ein Sonnenschirm: Sie blockierten das Sonnenlicht, die Temperatur auf der Erde sank. Im Folgejahr, als "Jahr ohne Sommer" bekannt, schneite es im Juni an der Ostküste der USA. Europa erlebte einen außergewöhnlich kalten und regenreichen Sommer mit Missernten, hohen Getreidepreisen und Hungersnöten. Am 28. Juni 1816 notierte Goethe in sein Tagebuch: "Erster schöner Tag".

Christos Zerefos und seine Kollegen meinen nachweisen zu können, dass auf Friedrichs Bild kein gewöhnliches Abendrot zu sehen ist. Mit einem Fotoprogramm haben Zerefos und Kollegen digitale Kopien Hunderter Gemälde auf Farbkontraste und den jeweiligen Sonnenstand untersucht. Die dargestellte Tageszeit ermittelten die Physiker anhand geometrischer Berechnungen des Winkels, in dem das Sonnenlicht fällt. Bäume, Boote oder die Länge der gezeichneten Schatten dienten als Bezugsgrößen.

Dann kam die wichtigste Messung: der Farbkontrast anhand des Verhältnisses von roten und grünen Farbtönen. Das erstaunliche Ergebnis: Gemälde, die jeweils in den drei Folgejahren nach großen Vulkanausbrüchen entstanden, erscheinen bei gleichem Sonnenstand wesentlich röter.

Vulkanwolke über Greifswald

Auch das Gemälde "Schiffe im Hafen von Greifswald" von Caspar David Friedrich dokumentiert das Resultat: Ein tieforangefarbener Wolkenschleier hängt über der Landschaft. Das Werk entstand vermutlich drei Jahre nach der Tambora-Eruption. Je enger Kunstwerke und Vulkanausbrüche zeitlich zusammenlagen, desto stärker war die Verfärbung, berichten Zerefos und seine Kollegen. Und je partikelhaltiger die Luft, umso röter wirkt sie.

Der Farbkontrast auf den Bildern spiegelt mithin den jeweiligen Partikelgehalt der Atmosphäre wider. Anhand von Daten aus Eisbohrungen an den Polen lassen sich die Annahmen prüfen, sie dokumentieren den Staubgehalt früherer Zeiten: Im Schnee sind Luftbläschen gespeichert. Die Farben der alten Werke bestätigen nun, dass Klimaforscher die Veränderungen der Atmosphäre realistisch ermittelt hatten.

Turners Gemälde "The Lake, Petworth, Sunset" von 1828 etwa erscheint blass, sein Bild "Sunset" von 1833 hingegen leuchtet rotorange. Zwar hatten Kunstexperten längst gezeigt, dass nur wenige Maler die Mischung ihrer Farben drastisch variierten. Die Erklärung für Turners Farbwechsel liefern aber die Physiker. Der philippinische Vulkan Babuyan Claro war 1831 ausgebrochen; seine Aschewolken veränderten das Licht.

Experiment im Mittelmeer

Auch der dramatische Sonnenuntergang auf dem Gemälde "Sir Neil O'Neill" des englischen Porträtmalers John Michael Wright folgte keinem künstlerischen Modetrend, sondern war Folge zweier Vulkanausbrüche in Indonesien im Jahr 1680.

Und der tieforangefarbene Sonnenuntergang auf dem Ölgemälde "Mrs. Daniel Denison Rogers Abigail Bromfield" von John Singleton Copley zeigt Spuren der Aschewolke des isländischen Vulkans Laki, der 1783 ausbrach und für eine dramatische Klimaveränderung in Europa sorgte. Die folgenden Ernteausfälle und Hungersnöte sollen zum Ausbruch der Französischen Revolution beigetragen haben.

Ihre Rechnungen testeten Zerefos und seine Kollegen mit einem Experiment. Sie ließen einen Maler auf der griechischen Insel Hydra die Mittelmeerlandschaft zeichnen. Was der Künstler nicht wusste: Er malte seine Bilder vor und nach dem Durchzug einer mächtigen Staubwolke, die aus der Sahara übers Mittelmeer zog.

Die Werke hätten ihre historischen Analysen bestätigt, schreiben die Forscher: Tatsächlich habe der Maler während der Staubtage zu kräftigen Farben gegriffen, während er zuvor einen blasseren Horizont abbildete.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Wow ist das interessant !
200MOTELS 24.03.2014
Auf manchen Kunstwerken kann man sogar erkennen ob es Tag oder Nachf war !
2. Interesanter Beitrag!
Tevje 24.03.2014
Allerdings sind das noch keine Klimaveränderungen, das ist alles nur schlechtes Wetter - unter 10 Jahren... Gut, dass wir jetzt eine modern Landwirtschaft haben, die solche Perioden überwinden kann, ohne das Hungersnöte ausbrechen.
3. ja unvorstellbar
brehn 24.03.2014
Also wirklich aber auch...der Maler hat ntürlich mit der Farbwahl immer etwas ganz besonderes mitzuteilen, was es gilt, in an den Haaren herbeigezognen Interpretationen zu Analysieren. Wie kann man nur auf die Idee kommen der Maler hätte einfach nur das gemalt was er gesehen hat...unglaublich ;)
4. Zukünftig zeugen vielleicht die Logs der Photovoltaik vom Untergang der Deutschen
Privatier 24.03.2014
Zitat von sysopAFPHeller oder roter Sonnenuntergang - warum wechselten manche Landschaftsmaler innerhalb von nur wenigen Jahren von blassen zu prallen Farben? Die Analyse Hunderter Werke zeigt: Die alten Meister waren unwissentlich Chronisten des Klimas. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/rote-farben-auf-bildern-klima-auf-alten-werken-caspar-david-friedrich-a-960131.html
Kraft- und energielos erfroren - nach wenigen vulkanischen Wintern in Folge. Übelst auf dem falschen Fuß erwischt. Auf ihrem nationalen Irrweg, alles auf die Karte "Schönwetterstromerzeugung" zu setzen, MfG
5. Prima Klima !
Deep_Thought_42 24.03.2014
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass bei dieser Untersuchung -aus welchen Gründen auch immer- eine extrem selektive Überinterpretation stattfand. Erstens, darauf hat Forist "Tevje" (Beitrag 2) schon hingewiesen, fallen Schwankungen von wenigen Jahren noch unter den Begriff "Wetter". Auf einer Atlantiküberquerung per Segeljacht, wo jeder Sonnenuntergang nicht nur durch den "Sundowner" zum Ereignis wird, konnte ich jede Menge höchst unterschiedlicher Sonnenuntergänge sozusagen im Tageswechsel erleben, rote, gelbe, wolkenverhangene etc.. Und stellen Sie sich vor, alle Sonnenuntergänge fanden in westlicher (rechtweisender) Peilung statt !
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