Rote Liste 17.291 Tierarten kämpfen gegen das Aussterben

Es ist eine düstere Bilanz, die die Weltnaturschutzunion IUCN nun vorgelegt hat: 30 Prozent der Amphibien sind vom Aussterben bedroht, weitaus schlimmer steht es um die Pflanzenwelt. Das Ziel, die Zahl der bedrohten Tier- und Pflanzenarten bis 2010 deutlich zu senken, ist in weite Ferne gerückt.

AP / IUCN / Tim Laman

Es war einmal eine Kihansi-Gischtkröte. Sie lebte nur in einer Schlucht des Kihansi-Flusses in Tansania. Doch dann kam der Mensch und baute ein Kraftwerk. Damit er das Kraftwerk auch betreiben konnte, mussten bis zu 90 Prozent des Wassers umgeleitet werden. Immer weiter trocknete der Lebensraum der Kröte aus. Einst lebten dort mehr 17.000 Kihansi-Gischtkröten. Jetzt lebt dort keine mehr. Die Art ist ausgestorben.

Auf der aktuellen Roten Liste der International Union for Conservation of Nature (IUCN), die am Dienstag veröffentlicht wurde, heißt es: "Nectophrynoides asperginis: Extinct in the wild". Wer die Kröte heute noch lebend sehen will, muss in die USA reisen. Zwei Zoos - der Toledo Zoo in Ohio und die Wildlife Conservation Society in New York - züchten diese Amphibienart. Bereits im Jahr 2000 fürchtete die Regierung Tansanias um das Leben der Gischtkröte. Deshalb wurden einige hundert Tiere gesammelt und in die amerikanischen Zuchtstationen gebracht.

Amphibien, die zu Lande und zu Wasser leben, leiden immer mehr unter den Umweltveränderungen - vor allem durch den Menschen. Von den auf der Welt bekannten 6285 Amphibienarten sind 1895, also etwa ein Drittel, vom Aussterben bedroht. Für andere Tiergattungen und Pflanzenarten sieht es nicht besser aus: 21 Prozent der bekannten Säugetiere, zwölf Prozent der Vögel, 28 Prozent der Reptilien und 37 Prozent der Süßwasserfische sind akut gefährdet. Im Pflanzenreich sind es sogar 70 Prozent aller Arten, die bald nicht mehr existieren könnten.

Mehr als ein Drittel aller Arten ist bedroht

Zusammengenommen kämpfen nach Angaben der IUCN, die ihren Sitz in Gland in der Schweiz hat, 17.291 Tierarten gegen das Aussterben. Insgesamt 47.677 Tier- und Pflanzenarten hatte die Weltnaturschutzunion untersucht. Im Vergleich zu den letzten Erhebungen ist die Aussterberate damit erneut gestiegen. Im Juli 2009 hatte die IUCN weniger als 17.000 bedrohte Tierarten verzeichnet.

Das von der Uno für das kommende Jahr gesetzte Ziel, die Aussterberate deutlich zu senken, werde nicht erreicht, berichtet die Umweltorganisation. Die Rote Liste der IUCN gilt als weltweit gültiger Maßstab für die Artengefährdung. Für die IUCN-Expertin Jane Smart könne es keinen wissenschaftlichen Zweifel daran geben, dass die Bedrohung der Tier- und Pflanzenwelt weiter ansteigt.

Neu auf der Liste ist das mäuseartige Nagetier Voalavo (Voalavo antsahabensis), das auf Madagaskar lebt. Es ist in seinem Lebensraum durch Wild- und Feuerrodungen im Regenwald gefährdet. Bei den Reptilien sind 165 gefährdete Tiere neu auf die Rote Liste gekommen, darunter der Panay-Waran (Varanus mabitang), eine Echse von den Philippinen, die sich von Früchten ernährt. Sie wird zum Verzehr gejagt. Landwirtschaft und menschliche Siedlungen bedrohen ihren Lebensraum.

Es gibt viele Gründe, warum eine Art ausstirbt

Unter den Pflanzen sind insgesamt 8500 von 12.151 bekannten Arten als gefährdet gelistet. Für 114 kommt jede Hilfe zu spät - sie sind bereits verschwunden oder existieren nur noch in ganz geringer Zahl. Dazu gehört etwa das Ananasgewächs "Königin der Anden" (Puya raimondii). In dessen 80-jährigen Existenz erzeugt es nur einmal Samen.

"Meist ist es nicht ein einzelner Grund, der das Aussterben einer Art besiegelt", sagt Volker Homes. Er ist der Leiter des Artenschutzes beim World Wildlife Fund (WWF) Deutschland. Wenn das Verbreitungsgebiet ohnehin klein sei, etwa in entlegenen Berg- oder Inselregionen, könnten kleine Veränderungen oder eine Krankheit eine Art endgültig auslöschen. Bei den Fröschen etwa ist es ein Pilz, der zahlreichen Populationen weltweit zu schaffen macht. Er spielte auch beim Niedergang der lebendgebärenden Kihansi-Gischtkröte eine Rolle. Nachdem der Lebensraum der Tiere durch das Kraftwerk nach und nach ausgetrocknet war, raffte die mysteriöse Pilzkrankheit die übriggebliebenen Individuen dahin.

cib/dpa

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