Biotope Deutsche Wiesen und Weiden sind in Gefahr

Knapp zwei Drittel der Biotop-Typen in Deutschland sind gefährdet, berichtet das Bundesamt für Naturschutz. Schuld ist oft die Landwirtschaft. Es gibt aber auch positive Entwicklungen.

Uferschnepfe auf einer Feuchtwiese in Niedersachsen
imago/ blickwinkel

Uferschnepfe auf einer Feuchtwiese in Niedersachsen


Wiesen und Weiden in Deutschland sind zunehmend bedroht. Das geht aus Informationen des Bundesamts für Naturschutz (BfN) hervor, die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am Mittwoch vorstellte. Demnach besteht für knapp zwei Drittel der 863 in Deutschland vorkommenden Lebensraum-Arten eine "angespannte Gefährdungslage", verursacht unter anderem durch intensive Landwirtschaft.

Hendricks sprach mit Blick auf die Rote Liste von einem "Alarmsignal". Der Zustand von Wiesen und Weiden werde vor allem wegen der Intensivierung der Landwirtschaft immer schlechter, erklärte sie.

Besonders deutlich verschlechtert hat sich die Lage den BfN-Daten nach beim Grünland, aber auch Streuobstwiesen stehen vermehrt unter Druck. Beate Jessel, Präsidentin des BfN, verwies darauf, dass beim Grünland schon Lebensräume "mittlerer Nutzung" wie die artenreichen Mähwiesen in die höchste Gefährdungskategorie fielen.

"Die Folgen dieser Entwicklung spiegeln sich auch im dramatischen Rückgang von Lebewesen der Agrarlandschaft wider, beispielsweise bei den Feldvögeln wie Feldlerche, Braunkehlchen oder Kiebitz und auch bei den Insekten", erklärte Jessel.

Kläranlagen entlasten Flüsse und Bäche

Es gibt aber auch positive Entwicklungen. Stabilisiert hat sich etwa die Entwicklung bei vielen Waldbiotopen. Dies hängt etwa mit einer nachhaltigeren Bewirtschaftung insbesondere in den öffentlichen Wäldern zusammen. Auch Biotope an Küsten sowie an zahlreichen Flüssen und Bächen erholen sich.

"Mit besseren Kläranlagen und Renaturierungsprojekten haben wir es zum Beispiel geschafft, dass es vielen Flüssen und Bächen wieder besser geht", erklärte Hendricks. Nun komme es "darauf an, dass auch die Agrarpolitik ihre Verantwortung für den Naturschutz wahrnimmt." Für das Grundwasser gilt der Positivtrend aufgrund der hohen Stickstoffbelastung durch Dünger allerdings nicht, auch viele stehende Gewässer sind weiterhin belastet.

Umweltschützer kritisieren Umweltpolitik

"Viele Seen und Flüsse sind durch den hohen Nitratgehalt und durch Pestizide belastet und damit weit entfernt von einem guten Zustand", sagte der Vorsitzende des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger. "Für die schlechte Qualität vieler Gewässer sind die Intensivtierhaltung und eine auf Gewinnmaximierung bedachte Agrarindustrie verantwortlich."

Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) habe "der Agrarindustrie Vorrang vorm Erhalt kleiner und mittlerer bäuerlicher Betriebe gegeben und so maßgeblich dazu beigetragen, dass heute im ländlichen Raum Mais- und Rapsmonokulturen dominieren". Zudem sei der Umbau Deutschlands zur "Fleischfabrik" in den vergangenen Jahren stark vorangetrieben worden.

Auch Diana Pretzell, Leiterin Naturschutz in Deutschland bei der Umweltstiftung WWF, übte Kritik. "Die ständige Intensivierung der Landwirtschaft ist ein echter Biotop-Killer", sagte sie. "Weiden, Wiesen und Äcker verändern sich dramatisch, werden von überdüngten, gleichförmigen Monokulturen verdrängt." Die klassischen Wald- und Wiesenvögel, Schmetterlinge und Feldhamster verschwänden gemeinsam mit ihren Lebensräumen. "Es droht eine stumme, monotone Kulturlandschaft."

Die neue Rote Liste gefährdeter Biotop-Typen dient als Handbuch für Naturschutz-Pläne in Deutschland. Die neue Liste aktualisiert die Fassung von 2006. Es gibt viele verschiedene Lebensraum-Arten in Deutschland, etwa 46 Typen fließende Gewässer und 20 Typen von Äckern und Ackerbrachen.

jme/AFP/dpa

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