Ausgegraben

Archäologie Das Rätsel der blutroten Steinwaffen von Helgoland

Archäologen rätseln über blutrote Steinwerkzeuge von der Insel Helgoland. Der älteste Fund ist 12.000 Jahre alt - entdeckt wurde er mehr als 300 Kilometer von der Nordseeinsel entfernt.

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Fundort Cuxhaven: Zwei Sicheln, ein Dolch, ein Beil aus rotem Helgoländer Flintstein
Daniel Nösler/ Landkreis Stade

Fundort Cuxhaven: Zwei Sicheln, ein Dolch, ein Beil aus rotem Helgoländer Flintstein


Zur Herstellung von Steinwerkzeugen und Waffen schätzten unsere Vorfahren roten Flint von der Insel Helgoland. Um ihn von der Insel zu holen, riskierten sie ihr Leben. War es wegen der roten Farbe - oder weil er aus einem versunkenen Paradies stammte?

Helgoland hat etwas, das es an kaum einem anderen Ort dieser Erde gibt: roten Feuerstein. Gemeint ist nicht der rote Sandstein aus dem der Inselsockel besteht, sondern markante, rostrote Steine: Sie verdanken sich einer Totwasserzone, die dort vor etwa 90 Millionen Jahren schwappte: In sauerstoffarmem Wasser lagerte sich viel Eisenoxid ab - und das färbte die Kieselsäure, aus der später der Feuerstein entstand, rot.

Nun hatten Menschen schon immer eine Schwäche für hübsche Steine - und zwar nicht nur Frauen, sondern durchaus auch Männer. Entsprechend begehrt waren die roten Steine von Helgoland für Werkzeuge und Waffen aller Art: Sicheln, Beile oder Dolche.

Daniel Nösler, Landkreisarchäologe von Stade, dreht ein Beil aus rotem Helgoländer Flint in den Händen. "Diese Form mit den geschwungenen Schmalseiten ist typisch für die frühen Kupferbeile, die gegen Ende des Neolithikums aufkamen", sagt er und zeigt auf die Klinge. "Wahrscheinlich wollte hier jemand die Beile aus dem damals neuen und noch sehr seltenen Material Kupfer imitieren. Und nicht nur die Form, auch die Farbe sollte stimmen: rot."

Das Ende von Doggerland

Das Beil stammt jedoch nicht von Helgoland, sondern wurde auf dem Wehrberg bei Duhnen in der Nähe der Stadt Cuxhaven gefunden. Von der Elbmündung, an der Cuxhaven liegt, sind es bis Helgoland 62 Kilometer. Wer vom Festland aus auf die Insel will, muss sehr viel Wasser überqueren - ohne Sichtkontakt zu markanten Landpunkten. "Wie die Menschen das allerdings in der Jungsteinzeit gemacht haben, wissen wir nicht", gibt Nösler zu, "oder wie die Schiffe gebaut waren, auf denen sie die See überquert haben."

Es gab allerdings auch eine Zeit, zu der Helgoland noch zu Fuß erreichbar war, denn während der letzten Eiszeit war sehr viel Wasser in den Gletschern gebunden und der Meeresspiegel lag dadurch rund 110 Meter tiefer als heute. Einst lag zwischen England, den Niederlanden, Deutschland und Dänemark das Doggerland, eine idyllische Landschaft.

Der endgültige Untergang kam in Form gigantischer Tsunamiwellen. Doggerland war nicht mehr. Nur die Spitze des einzigen Felsengebirges, das es in Doggerland gegeben hatte, ragte noch aus dem Wasser. "Wir haben schon roten Flint auf dem heutigen Festland aus der Zeit vor dem Untergang Doggerlands gefunden", erzählt Nösler. "Der älteste Fund ist über 12.000 Jahre alt und stammt aus Volkmarshausen im Landkreis Göttingen - 330 Kilometer von Helgoland entfernt."

Schon im Spätpaläolithikum war der rote Flint also so begehrt, dass die Menschen ihn über sehr weite Strecken transportierten. Dann kam die Flut. Und danach muss jemand herausgefunden haben, dass die höchste Bergspitze noch als einsame Insel aus dem Wasser ragt. Und jemand muss gewusst haben, dass es eben jene Klippe ist, auf der man diesen roten Flint findet.

Sicheln und Dolche

"Wie auch immer es zustande kam - die Menschen waren in der Lage, regelmäßige Expeditionen über die weite Wasserfläche nach Helgoland zu starten und von dort den begehrten roten Flint zu holen."

Gegen Ende der Jungsteinzeit und zu Beginn der Bronzezeit wurde die weite Reise über offenes Wasser ein richtig lukratives Geschäft. Nun brachten die Seefahrer nicht nur roten Flint von der Insel mit, sondern auch den grauen Plattenflint. "Der ist zwar unscheinbarer", sagt Nösler und nimmt eine hellgraue Sichel in die Hand, "aber als Material hervorragend für die Herstellung scharfer Sicheln und Dolche geeignet."

Das Stück stammt ebenfalls aus der Nähe von Cuxhaven. Die Schneide glänzt wie frisch poliert. "Die wurde sehr viel benutzt", erklärt Nösler. "Der sogenannte Sichelglanz entsteht durch die Kieselsäure im Getreide, wenn die Klinge häufig damit in Kontakt kommt."

Die meisten Werkzeuge aus Helgoländer Flint wurden am Ende ihrer Nutzungszeit nicht einfach weggeworfen - sondern sorgfältig deponiert. Viele wurden an Salzquellen, Flussmündungen, Opfer- oder Kultplätzen gefunden. Auch das Beil vom Wehrberg lag an so einem besonderen Ort. "Die relativ markante Anhöhe war sogar bis in die Gegenwart ein Standort für Seezeichen", sagt Nösler. Und in vorgeschichtlicher Zeit begrub man hier oben die Toten.

Was aber genau schätze man so sehr an dem roten Helgoländer Flint? "Darüber können wir nur spekulieren", gibt Nösler zu. "Vielleicht erinnerte die rote Farbe an Blut." Oder aber es war die besondere Herkunft aus dem versunkenen Doggerland - von den blutroten Felsen, die als letztes Überbleibsel des ehemaligen Paradieses noch aus dem Meer ragen.

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14 Leserkommentare
ackergold 21.05.2015
spon-facebook-10000001759 21.05.2015
fama7 21.05.2015
harmlos01 21.05.2015
exkeks 21.05.2015
ackergold 21.05.2015
fama7 21.05.2015
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cindy2009 21.05.2015
Tiananmen 21.05.2015
Oberleerer 21.05.2015
Tiananmen 22.05.2015
MatthiasPetersbach 22.05.2015
rudy532 23.05.2015

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