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Gentechnisch veränderter Weizen: Das Korn des Anstoßes

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In Großbritannien läuft ein Freilandversuch mit gentechnisch verändertem Weizen. Eine Protestgruppe hat angekündigt, das Feld zu zerstören, das Datum ist schon bekannt. Die Wissenschaftler bitten um ein offenes Gespräch. Der Fall zeigt das Dilemma der Pflanzen-Gentechnik in Europa.

Großbritannien: Kampf ums Weizenfeld Fotos
DPA

Am 27. Mai soll Schluss sein mit dem Feldexperiment. Jedenfalls, wenn es nach dem Willen der Gruppe "Take the Flour back" geht. Die Aktivisten protestieren gegen einen Versuch von Rothamsted Research, einer Forschungseinrichtung nördlich von London. Sie haben angedroht, dort einen Freilandversuch zu zerstören.

Die Rothamsted-Wissenschaftler haben acht je sechs mal sechs Meter große Felder mit gentechnisch verändertem Weizen bepflanzt. Das Getreide produziert einen Duftstoff, der Blattläuse vertreibt. So könnten künftig Insektenschutzmittel gespart werden, falls das Konzept aufgeht, meinen die Forscher. "Wir wollen eine nachhaltige Landwirtschaft fördern", sagt Gudbjorg Inga Aradottir, die am Projekt beteiligt ist. "Die Insekten werden nur vertrieben, nicht getötet." Die Substanz produzieren Hunderte verschiedener Pflanzen. "Es ist eine absolut ungiftige Angelegenheit."

Die Protestgruppe sieht das anders. Gentechnik hätte bisher nie dazu geführt, dass weniger Pestizide eingesetzt werden. Es sei sogar zu befürchten, dass man am Ende mehr Pflanzenschutzmittel denn je benötige. Sie meinen, die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt seien nicht abzuschätzen. Einige ihrer Argumente:

  • Es drohe eine Auskreuzung des Weizens mit Pflanzen jenseits des Versuchsfelds und bei einer späteren Markteinführung eine Vermischung von gentechnisch verändertem und konventionellem Getreide.
  • Tatsächlich ist - als Marker - ein Gen für eine Antibiotikaresistenz in den Weizen eingebaut. Es könnte im Freiland auf Bodenbakterien übertragen werden, so die Befürchtung.
  • Landwirten würden wirtschaftliche Schäden drohen, wenn ihr Getreide mit gentechnisch verändertem Weizen verunreinigt werde, denn die Verbraucher wollen kein Gen-Food.

Kurzum: Die Mehrheit sei gegen gentechnisch veränderte Pflanzen. Und daher sei der Versuch, der ohnehin ein Problem lösen wolle, das gar nicht existiert (da die Weizenerträge in Großbritannien in Ordnung seien), nichts als eine Gefahr. Bevor die Pollen des gentechnisch veränderten Getreides ausfliegen könnten, wollen die Aktivisten daher nicht nur protestieren, sondern in letzter Konsequenz das Feld zerstören.

Feindbild Monsanto

Es stimmt, dass gerade in Europa gentechnisch veränderte Pflanzen von vielen Verbrauchern abgelehnt werden. Vorteile für den Verbraucher sind erst einmal nicht erkennbar - wer merkt schon, ob der Landwirt mehr oder weniger Pestizide versprüht? Dazu kommt das Auftreten des Großkonzerns Monsanto, das den gesamten Forschungszweig überschattet.

Eine Auswirkung zeigte sich vor kurzem: BASF verlagerte seine Forschung zur Pflanzen-Biotechnologie von Deutschland in die USA - weil die Akzeptanz in weiten Teilen Europas fehle.

Die Stimmung spiegelt sich beim aktuellen Vorfall in Großbritannien wider: Denn im Grunde ist es kurios, dass die Gegner des Versuchs anmahnen, der gentechnisch veränderte Weizen sei nicht gut genug erforscht - und dann ein Experiment zerstören wollen, mit dem eben genau dies geändert werden soll. Unterm Strich scheint es den Aktivisten weniger um die bessere Erforschung des Weizens zu gehen, vielmehr sehen sie den Freilandversuch als eine Art Büchse der Pandora. Und ist die erst einmal geöffnet, ist alles zu spät.

Zumindest ein Feindbild der Gentechnikgegner scheint Rothamsted dabei so gar nicht zu bedienen: Es handelt sich nicht um einen Großkonzern, sondern um eine öffentliche Einrichtung. "Wir werden von der Öffentlichkeit finanziert. Wir machen das nicht, um später an einem Patent zu verdienen", sagt Aradottir. Aber das will Take the Flour back nicht glauben.

Die beteiligten Forscher reagierten auf die Ankündigung - mit Briefen an die Aktivisten und einem Video. Sie schlagen darin ein Gespräch vor. Und bitten, ihre Forschung nicht zu zerstören. Inzwischen gibt es auch eine Online-Petition mit mehreren tausend Unterzeichnern.

Warten auf den 27. Mai

Aradottir weist darauf hin, dass das Versuchsergebnis offen ist. Die Forscher hoffen, dass der Weizen im Testfeld den gewünschten Effekt zeigt, der in früheren Laborexperimenten auftrat, sowie nützliche Insekten wie Marienkäfer nicht beeinträchtigt. Doch das ist nicht garantiert. Deshalb muss das Experiment weiterlaufen.

Die Umwelt sei durch das Experiment keineswegs in Gefahr. Ein Sicherheitsbereich um den Weizen hält die Pollen auf. Auskreuzung unter diesen Bedingungen nicht möglich, versichert sie. Auch andere Befürchtungen könnten die Forscher ausräumen, sagt sie. Aradottir hofft, dass sich die Gruppe von ihrer Aktion abbringen lässt.

Doch es scheint eher - nach einem weiteren Briefwechsel - die Ruhe vor dem Sturm eingekehrt zu sein.

In einer Mail bestätigt Take the Flour back: "Wenn der Feldversuch mit gentechnisch verändertem Weizen nicht sofort eingestellt wird, wird der Aktionstag am 27. Mai stattfinden." Ob die Forscher irgendwelche Argumente vorbringen könnten, die sie vom Gegenteil überzeugen? Fehlanzeige.

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1.
Jens Schuetz 15.05.2012
Zitat von sysopdapdIn Großbritannien läuft ein Freilandversuch mit gentechnisch verändertem Weizen. Eine Protestgruppe hat angekündigt das Feld zerstören, das Datum ist schon bekannt. Die Wissenschaftler bitten um ein offenes Gespräch. Der Fall zeigt das Dilemma der Pflanzen-Gentechnik in Europa. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,833206,00.html
Mal sehen was unsere Verschwoerungtheoretiker schreiben werden. Nach deren Logik muesste eine Insektenschutzmittelmafia hinter den Protesten stecken, da diese durch die neue Getreideart am meissten zu verlieren haette.
2. Triticale statt Weizen
schilperoord 15.05.2012
Probleme mit den Blattläusen (Viruskrankheiten) gibt es seit der Intensivierung des Getreidebaus mit Hilfe von Kunstdünger. Nachhaltig wäre die Steigerung der Bodenfruchtbarkeit, dann reduziert sich das Problem mit den Blattläusen.
3. Gentechnisch veränderter Weizen oder Pestiziden
Zhaneetta 15.05.2012
Deutschland wundert mich mehr und mehr. von Fukushima nicht getroffen aber - sofort Schluss mit Atom Energie. Champion von Verbrauch von industrielle produzierte Fleisch und gleichzeitig gegen gentechnisch veränderte Pflanzen. Obwohl (Laut american Acadimy of sciences) die brauchen kaum Pestizide. In 16 Jahr hundert das war wiederstand gegen Kartoffel. Langsam vorbei – das gleiche wird passieren mit GM Pflanzen
4. .
markus_wienken 15.05.2012
Zitat von sysopdapdIn Großbritannien läuft ein Freilandversuch mit gentechnisch verändertem Weizen. Eine Protestgruppe hat angekündigt das Feld zerstören, das Datum ist schon bekannt. Die Wissenschaftler bitten um ein offenes Gespräch. Der Fall zeigt das Dilemma der Pflanzen-Gentechnik in Europa. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,833206,00.html
Warum hat man es überhaupt öffentlich gemacht? Bzw. hätte man auch ein "normales" Feld als gentechnisch verändertes Feld ausgeben können und das eigentliche veränderte Feld unbeaufsichtigt woanders plazieren können... Und wenn sich die Gentechnikgegner durchsetzen wird halt woanders geforscht, entwickelt und Geld verdient. Aufhalten kann man neue Entwicklungen eh nicht.
5. Verschwörung
taggert 15.05.2012
Also ich bin auch überhaupt kein Fan von der Geschichte! Öffentlich finanziert, oder nicht... Bevor es da keine 99,9% Garantien und Entschädigungen im Falle von Langzeit Nebenwirkungen / Schäden gibt, hat das Zeug - meiner Meinung nach - weder was auf dem Teller, noch in der Freien Natur, zu suchen. Sicher ist die (Grundlagen-) Forschung in dem Bereich sehr wichtig. Das sehe ich durchaus ein... ... aber muss es auf offenem Feld in der freien Natur sein? Also heutzutage ich würde freiwillig niemals Gen- Food kaufen oder konsumieren! Sicherlich habe auch ich es bestimmt schon irgendwo untergeschoben bekommen, obwohl nicht gesondert gekennzeichnet... aber so lange ich noch "offensichtlich" die Wahl habe, warte ich erst mal schön ein paar Jahrzehnte ab, was mit denen Passiert die es regelmäßig konsumieren... Sofern in den Ländern die es legalisiert haben, überhaupt irgend welche Langzeit Konsum / Gesundheitsstudien im Bezug auf Gen- Food - außerhalb der Industrie -unternommen werden. Und was von privat finanzierten Studien der Produzenten zu halten ist, sollte man spätestens seit diversen Tabak-Studien wissen. Also ich für meinen Teil, halte diverse globale Konzerne (wie auch Monsato) für das pure Böse!
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