Rücktritt des Uno-Klimachefs Der Steuermann geht von Bord

Nach dem Chaosgipfel von Kopenhagen stehen die Verhandlungen über ein neues Klimaabkommen am Scheideweg - da wirft Uno-Klimachef Yvo de Boer die Brocken hin. Jetzt muss Uno-Chef Ban Ki Moon einen passenden Nachfolger suchen, der auch vor Mammutaufgaben keine Angst hat.

Von

De Boer (am 19.Dezember 2009 in Kopenhagen): "Mehrjährige Mammutaufgabe"
REUTERS

De Boer (am 19.Dezember 2009 in Kopenhagen): "Mehrjährige Mammutaufgabe"


Das wichtigste gleich vorab: Der Rücktritt von Yvo de Boer als Chef des Uno-Klimasekretariats hat nichts mit der Affäre um geklaute Klimaforscher-E-Mails zu tun und auch nicht mit Detailfehlern im letzten Bericht des Weltklimarates. Der Niederländer geht, weil der Klimagipfel von Kopenhagen nicht den vom ihm erhofften Erfolg gebracht hat - auch wenn er das so direkt nicht sagen möchte. Die mühevollen Verhandlungen der kommenden Jahre jedenfalls, die soll dann doch lieber jemand anderes übernehmen. Theoretisch könnte das eine Chance sein, praktisch wird es vielleicht zum Problem.

"Kopenhagen war nicht, was ich mir erhofft hatte", sagte de Boer unmittelbar nach der Verkündung seines Rücktritts - um dann gleich, ganz Diplomat, nachzuschieben, der Gipfel habe eine "solide Grundlage für die erhoffte globale Antwort" auf den Klimawandel gebracht.

Tatsächlich hatte der 55-Jährige bei dem Mammuttreffen in der dänischen Hauptstadt nur eine Nebenrolle spielen können. Beim Massenauflauf der Staats- und Regierungschefs war sein Verhandlungsgeschick kaum gefragt. Die Entscheidung, ob sich etwas bewegen würde, lag bei den Mächtigen dieser Welt. Doch die entschieden, dass sich de facto nichts bewegt.

Spätestens seit dem weitgehend gescheiterten Gipfel muss sich die Uno fragen lassen, inwieweit sie überhaupt als Forum zum weltweiten Klimaschutz taugt. De Boer, der in den Monaten vor dem Treffen in zahllosen Vier-Augen-Gesprächen, Diskusssionsrunden und Pressekonferenzen für ein umfassendes Klimaabkommen geworben hatte, kann das nicht recht gewesen sein. "Er hatte Kopenhagen als Krönung seiner Karriere betrachtet", sagt der Klimaexperte Christoph Bals von Germanwatch SPIEGEL ONLINE.

"Seine Offenheit hat den Verhandlungsprozess belebt"

"Wenn Sie jemanden haben wollen, der in Bonn sitzt und den Mund hält, dann bin ich nicht der Richtige für diesen Job", hatte de Boer den damaligen Uno-Chef Kofi Annan vor seiner Ernennung gewarnt. Annan wollte nicht - und der Niederländer konnte das Amt auf eine ganz eigene Weise führen. Mal zeterte er, mal zeigte er Gefühle - immer im Dienst der Sache, wie Beobachter des Klimaprozesses einhellig loben. Der Diplomatensohn versuchte mit Nachdruck, die Interessen von Industrie- und Entwicklungsländern gleichermaßen zu vertreten.

Beinahe vier Jahre führte de Boer das Uno-Klimasekretariat in Bonn. Ganz überraschend kommt seine Ankündigung deswegen nicht, bestenfalls der genaue Zeitpunkt. Im September wäre der Vertrag des studierten Sozialarbeiters ausgelaufen. Wenn er gewollt hätte, wäre eine Verlängerung sicher kein Problem gewesen. Doch de Boer hatte zuvor bereits durchblicken lassen, dass er den Job nicht ewig machen wolle. In Zukunft will er bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG arbeiten und an einigen Universitäten lehren.

De Boer hinterlässt große Fußstapfen. "Seine unverblümte Art mag ihm immer wieder Kritik eingetragen haben, aber seine Offenheit hat den Verhandlungsprozess belebt", sagt etwa die Grüne Europaabgeordnete Rebecca Harms. "Yvo der Boer war ein Steuermann des Klimaprozesses. So jemand braucht es auch weiterhin", sagt Martin Kaiser von Greenpeace im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Barbara Lueg vom WWF fordert, "dass ein geordneter Übergang auf den Weg gebracht wird, um die Klimaverhandlungen in 2010 zum Erfolg führen." Das dürfte allerdings ein frommer Wunsch sein. Der Klimagipfel in Cancun wird am Jahresende genug damit zu tun haben, die Scherben von Kopenhagen aufzukehren.

"Zwischen den Interessen der Industrie- und Schwellenländern vermitteln"

Der neue Uno-Umweltchef müsse "zwischen den Interessen der Industrie- und Schwellenländer vermitteln", meint der Greenpeace-Mann Kaiser. Eine "mehrjährige Mammutaufgabe" gelte es dabei zu bewältigen. Dass ein Deutscher den Niederländer beerben könnte, gilt unter Insidern als wenig wahrscheinlich. Das Uno-Klimasekretariat sitzt in Bonn - und bei der Weltorganisation ist es nicht üblich, dass der Chef einer Organisation aus dem jeweiligen Gastland kommt. Nach drei Uno-Klimachefs aus dem Norden, dürften viele Staaten des Südens nun außerdem darauf drängen, einen Vertreter aus ihren Reihen auf den Chefsessel an den Rhein zu hieven.

De Boer sagt, er habe den Weg rechtzeitig vor Cancun freimachen wollen, damit sich seine Nachfolgerin oder sein Nachfolger noch vernünftig einarbeiten könne. "Der Zeitpunkt war richtig gewählt", sagt Kaiser. Doch wer soll den Job nun übernehmen? Die Entscheidung darüber liegt beim Uno-Generalsekretär. Und Ban Ki Moon hat zwar erklärt, den Klimaschutz zu seinem wichtigsten Anliegen zu machen, doch dabei bisher nicht viel bewegt. Eigentlich gar nichts.

Wer hörte, wie Ban nach der letzten, dramatischen Gipfelnacht in Kopenhagen die Lage beschrieb, der musste sich fragen, ob der Südkoreaner unter Realitätsverlust litt: so lobte er die "Einigung von Kopenhagen". Seine wichtigsten Grundforderungen an das Ergebnis seien erfüllt, sagte der Uno-Chef. Nun muss der farblose Südkoreaner einen geeigneten Kandidaten finden. Einfach wird das nicht.

Immerhin, einige trauen ihm einen Erfolg trotzdem zu. Ban sei zumindest nicht beratungsresistent und habe bis zu de Boers Abschied im Sommer genügend Vorlaufzeit. Doch eine Gefahr bleibt, wie Christoph Bals beschreibt: "Es gibt das Risiko, dass sich die Staaten auf einen blassen Kompromisskandidaten einigen."

Mit Material von AP und dpa



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.