Wildtierplage in Karpaten Die Bären sind los

In Rumänien häufen sich Angriffe von Braunbären auf Menschen, Jäger fordern eine höhere Abschussquote. Für die Ursachen der Probleme mit den Bären ist vor allem der Mensch verantwortlich.

Sandor Muranyi

Fast eine Stunde ist verstrichen, und noch kein Bär hat sich blicken lassen. Sándor Olivér Murányi sitzt reglos auf dem Hochstand und schaut konzentriert durch den Sehschlitz. Dann hebt er plötzlich die Hand und flüstert: "Er ist da!"

Es vergehen zehn, fünfzehn Sekunden. Nichts ist zu sehen, nichts zu hören. Doch dann kommt er tatsächlich zwischen den Büschen hervor, langsam und misstrauisch, ein junger Bär. Mit einem über viele Jahre geschulten Blick hat Murányi ihn erkannt, bevor er richtig sichtbar war, an kaum wahrnehmbaren Bewegungen im Gestrüpp.

Auf der kleinen Waldlichtung scharrt der Bär nun mit seinen Tatzen nach Essbarem. Zwischendurch hebt er immer wieder den Kopf, nimmt Witterung auf, doch er bemerkt die Gäste nicht.

Murányi ist unterwegs in den Görgener Bergen in Ostsiebenbürgen, einem dicht bewaldeten und wenig besiedelten Teil der rumänischen Karpaten. Der 42-jährige Schriftsteller stammt aus dieser Gegend. Heute lebt er teils in der nahe gelegenen Kleinstadt Odorheiu, teils auf einer Donauinsel nahe Budapest.

Er ist Naturliebhaber und beobachtet seit vielen Jahren Bären in diesem Teil Siebenbürgens. Auch ein Buch hat er über sein Hobby geschrieben: "Der Bärenbetrachter" - in kleine Geschichten verpackte Reflexionen über das Verhältnis von Mensch und Natur und über die vom Menschen halb verklärten, halb gefürchteten Bären.

Fast täglich Medienberichte

Leute wie Murányi gibt es nicht allzu viele in dieser Gegend. Sie gelten als weltfremde Naturschwärmer - bestenfalls. In letzter Zeit macht sich über Tierschützer großer Ärger breit. Wegen "der Grünen" herrsche in Rumänien eine akute Bärenplage, behaupten viele Regional- und Kommunalpolitiker. Medien berichten derzeit fast täglich über Bärenattacken auf Menschen, auf Schafherden oder auf Bauernhöfe.

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Bären in Karpaten: Raubtierangriffe häufen sich

Tatsächlich lebt in den rumänischen Karpaten die größte Braunbärenpopulation Europas außerhalb Russlands. Nach Angaben des Umweltministeriums sollen es 6000 bis 6500 Tiere sein, die meisten davon in den siebenbürgischen Kreisen Mures, Harghita und Covasna. Dort melden Behörden auch eine starke Zunahme der Bärenangriffe. Im Kreis Harghita in Südostsiebenbürgen beispielsweise registrierte die Umweltbehörde APM im ersten Halbjahr 73 derartige Fälle, fast doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. In sieben Fällen erlitten Menschen bei Bärenattacken Verletzungen.

Das Problem ist nicht neu: Seit vielen Jahren berichten Medien regelmäßig über Zwischenfälle mit Bären. Auch Menschen starben schon durch Bärenattacken, zuletzt 2013 ein Schäfer im Kreis Harghita. Allerdings war die öffentliche Empörung über die Bärenplage nie so groß wie in den vergangenen Monaten.

Streit um Abschussquote

Dahinter stehen auch Lobbyinteressen: Ende letzten Jahres sprach das Umweltministerium ein vorläufiges Moratorium der Bärenjagd aus. Der Grund: Jagdverbände sollen die Zahl der Bärenpopulation in den letzten Jahren systematisch höher angegeben haben, um die jährliche Abschussquote von rund 500 Tieren aufrechtzuerhalten. Dagegen hatten Umweltschützer und Bürgeraktivisten protestiert.

Auf Druck von Jägern, Bauern und Lokalbürgermeistern gab die Umweltministerin Gratiela Gavrilescu im August zunächst nach und genehmigte den Abschuss von 140 Problembären, daneben von 80 Problemwölfen. Vor Kurzem machte sie allerdings einen Teilrückzieher - zunächst solle versucht werden, die Tiere umzusiedeln, ein Abschuss könne nur das letzte Mittel sein.

Die Hauptursache für die Bärenattacken, so eine schriftliche Stellungnahme aus dem Bukarester Umweltministerium auf Anfrage des SPIEGEL, sei das "von der Norm abweichende Verhalten" einzelner Problemtiere.

Ágoston Pál kann darüber nur den Kopf schütteln. "Die haben keine Ahnung", ereifert er sich. Der 51-Jährige ist Förster und Wildhüter - wie schon sein Vater und Großvater. In der Nähe des siebenbürgischen Städtchens Salzberg (Praid) verwaltet er für einen Jagdverein ein mehrere Hundert Hektar großes Wildtier- und Jagdgehege.

Konflikte mit Schäfern und Früchtesammlern

Ursache der Bärenangriffe sei vor allem, dass ihr Lebensraum immer kleiner werde, sagt Pál. In den letzten zwei Jahrzehnten seien Karpatenwälder massiv abgeholzt worden, in ihrem Lebensraum würden die Bären zunehmend gestört.

Tatsächlich sind viele Opfer von Bärenangriffen Schäfer oder Sammler von Pilzen und Waldfrüchten. Dabei geht es um ein flächendeckendes Problem: Die meisten Schäfer ziehen mit ihren Herden den Sommer über durch die Berge, da sie Weideland in tiefer gelegenen Gebieten nicht benutzen dürfen. Die Pilz- und Waldfrüchtesammler wiederum sind fast ausschließlich arme Roma, die keine anderen Einkommensquellen haben und die Wälder überall systematisch nach Pilzen und Früchten durchkämmen - und dabei die Bären aufscheuchen.

Sandor Marányi

Auch der Offroad-Tourismus mit Quads und Geländemotorrädern nimmt zu, vielfach liegt Müll herum, der die Tiere anlockt, außerdem bauen immer mehr Menschen in einst wenig berührten Karpatengegenden Wochenendhäuser.

Ágoston Pál kritisiert auch manche seiner Kollegen - sie würden lukrative, aber unverantwortliche Geschäfte mit Bärenbeobachtung machen. "Die hängen Schokolade an Bäume und karren dann lärmende Touristengruppen an, die beobachten, wie die Tiere hochklettern", sagt Pál. "Kein Wunder, dass die Bären sich irgendwann nicht mehr normal benehmen."

Auf Distanz

Der Schriftsteller Murányi verfolgt die derzeitige Bärendebatte in Rumänien mit Sorge. "Wenn der Konflikt zwischen Mensch und Bär erst einmal richtig hochkocht, dann hat auf jeden Fall der Bär das Nachsehen", sagt er. "Natürlich gibt es Probleme mit Bären, aber wenn man nach den Ursachen fragt, landet man zu 99 Prozent beim Menschen."

Murányi geht meistens allein in die Wälder, meistens ohne Kamera, und immer hält er mindestens einige Dutzend Meter Distanz zu den Tieren. Er möchte Bären natürlich beobachten, sie nicht stören und keine Begegnungen erzwingen.

Nur einmal wich er von diesem Grundsatz ab. Es war vor fünf Jahren im Herbst: Ein junger Bär zeigt sich ungewöhnlich zutraulich, als Murányi ihn fotografierte. Irgendwann konnte er sich ihm nähern und sogar mit ihm spielen. Einige Monate lang ging das so. Dann verschwand der Bär. Murányi sah ihn nicht wieder.

"Eigentlich ist so etwas kein richtiges Verhalten, und ich würde es auch nicht zur Nachahmung empfehlen", sagt Murányi. "Aber dieses eine Mal hat es sich so ergeben." Er grinst. "Damals war ich ein Bärenflüsterer."

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