Russland und Kanada: Eisschmelze öffnet Arktis für die Schifffahrt

Von Christoph Seidler

Polare Schifffahrt: Abkürzung durch die Arktis Fotos
AP

Es ist eine ganz besondere Konstellation, wie Satellitenbilder beweisen: Zwei legendäre polare Schifffahrtsrouten sind gleichzeitig offen - der Nördliche Seeweg vor Russlands Küste und die Nordwestpassage im kanadischen Inselarchipel. Kapitäne wagen sich nun in die schmelzende Arktis vor.

Berlin - Es wird ein Fotofinish. Irgendwann in der zweiten Septemberhälfte werden Polarforscher wissen, ob das Eis der Arktis in diesem Sommer noch stärker geschrumpft ist als im Rekordjahr 2007. Damals lag die Ausdehnung bei 4,2 Millionen Quadratkilometern, dem niedrigsten Wert seit Start der Satellitenmessungen. Aktuelle Datenauswertungen der Universität Bremen und des National Snow and Ice Data Center in Boulder (US-Bundesstaat Colorado) zeigen, dass die aktuellen Werte ähnlich niedrig sind wie damals.

Auch das deutsche Forschungsschiff "Polarstern" berichtet dieser Tage vom Nordpol über dünnes, junges und instabiles Eis. Für die internationale Schifffahrt eröffnet die große Schmelze in der Arktis neue Perspektiven - unabhängig davon, ob der Negativrekord bei der Eisausdehnung tatsächlich kassiert wird. Denn bereits jetzt sind zwei legendäre polare Schifffahrtsrouten gleichzeitig offen: der Nördliche Seeweg vor Russlands Küste und die Nordwestpassage im kanadischen Inselarchipel. Das berichtet die Europäische Weltraumbehörde Esa und bezieht sich auf Bilder ihres Satelliten "Envisat".

"Das ist weiträumig eisfrei", bestätigt auch Georg Heygster von der Universität Bremen. Zusammen mit Kollegen generiert der Forscher Eiskarten auf Basis der Daten des Nasa-Satelliten "Aqua". Sie zeigen, dass die Nordwestpassage seit dem 23. August durchgängig passierbar ist. "Das besondere in diesem Jahr ist, dass auch der Parry-Channel offen ist", sagt Heygster.

Im Prinzip gibt es mehrere Wege, auf denen sich Schiffe durch die Nordwest-Passage winden können. Die südliche Route ist weniger eisgefährdet - aber für Kapitäne wegen Untiefen und zahllosen Inseln ungefähr so angenehm zu navigieren wie eine verkehrsberuhigte Zone in einem Wohngebiet für Lastwagenfahrer. Der deutlich breitere Parry-Channel ist dagegen so etwas wie eine maritime Autobahn. "Das ist viel unproblematischer zu fahren", sagt Forscher Heygster.

Frankreichs Ex-Premier liest Kanada die Leviten

Ein Blick auf die andere Seite der Arktis zeigt: Vom Nördlichen Seeweg vor der russischen Küste ist das Eis sogar Ende Juli schon verschwunden. Doch während dort bereits - wie in den vergangenen Jahren - mehrere Schiffe ihre Bahnen ziehen, ist es in der kanadischen Arktis wie gewohnt weitestgehend ruhig. Frachtschiffverkehr gibt es hier kaum. Nur die "Camilla Desgagnés" schipperte im Jahr 2008 - die südliche Route war damals eisfrei - Versorgungsgüter für Kanadas Inuit-Siedlungen durch die Passage.

Die Nordwest-Passage ist als Abkürzung zwischen Europa und Asien durchaus interessant, doch nennenswerter Schiffsverkehr findet kaum statt. Für die sich öffnenden Wasser fehlen technische Infrastruktur und detaillierte Navigationskarten. Der französische Arktisbotschafter Michel Rocard - ja, so etwas gibt es - erklärte unlängst, dass Kanada wohl "zu klein" sei, um für all das zu bezahlen. Ottawa habe es aufgegeben, sich um größere Teile des arktischen Schiffsverkehrs in 25 oder 30 Jahren zu bemühen. Stattdessen würden die Russen ihren Nördlichen Seeweg fit für den Schiffsverkehr der Zukunft machen.

Dass der Ex-Premier Rocard diese Dinge an Bord des kanadischen Eisbrechers "Amundsen" sagte, machte seine Gastgeber wenig glücklich. Doch tatsächlich scheint man sich in Russland weit mehr als in Kanada für die Idee von zunehmender Schifffahrt in der Arktis zu begeistern. So berichten kanadische Medien, dass sich die Fertigstellung einer Marinebasis beim verlassenen Arktis-Örtchen Nanisivik auf das Jahr 2016 verzögern dürfte - dabei sollte sie ursprünglich bereits seit 2008 zumindest teilweise betriebsbereit sein. Auch der geplante Eisbrecher "John G. Diefenbaker" dürfte kaum vor Ende des Jahrzehnts zu seiner ersten Fahrt aufbrechen. Wenn überhaupt.

Russland will dagegen gleich sechs neue Eisbrecher kaufen, darunter drei atomgetriebene. Außerdem sollen mehrere neue Seenotrettungsstationen an der gottverlassenen sibirischen Küste entstehen, nachdem sich die Anrainerstaaten der Arktis im Mai auf ein Abkommen zur Seenotrettung geeinigt hatten. Und Ende September laden die Russen zu einer großen Konferenz nach Archangelsk am Nordmeer - bei der es vor allem um arktische Schifffahrt gehen soll.

Supertanker auf dem Weg nach Südostasien

Bereits eine ganze Reihe von Kapitänen hat die Abkürzung vor Sibiriens Küste bereits genutzt - darunter im vergangenen Jahr auch der Erzfrachter "MV Nordic Barents". Der zog voll beladen von Norwegen nach China durch, ohne überhaupt einen russischen Hafen anzulaufen. Doch die 280 Meter lange "Wladimir Tichonow" ist der wohl eindrucksvollste Beleg dafür, was auf der Nordroute schon jetzt möglich ist. Der russische Supertanker machte sich vor wenigen Tagen von Murmansk auf Richtung Osten - beladen mit 120.000 Tonnen Gaskondensat für Südostasien.

Die zwei Atomeisbrecher sollen dem schwimmenden Rekordhalter - es ist der größte Tanker auf dieser Strecke - den Weg bahnen. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie nur als Staffage dienen. So wie es in vergangenen Jahren bei anderen Fahrten schon war. "Völlig unproblematisch", nennt Georg Heygster die aktuelle Eissituation vor der russischen Küste. Wladimir Arutyunyan von der Eisbrecherfirma Rosatomflot sieht das ähnlich. Es gebe "überhaupt kein" dickes Eis entlang der Route.

Dabei soll die "Wladimir Tichonow" sogar nördlich der Neusibirischen Inseln vorbeiziehen - also noch näher am Pol als die meisten Schiffe vor ihr. Trotzdem will die Crew des Riesentankers mit durchschnittlich 13 bis 14 Knoten durch die Arktis rauschen - und die Passage in acht bis neun Tagen hinter sich lassen. Erst im Juli hatte der Tanker "STI Heritage" mit acht Tagen einen Geschwindigkeitsrekord auf der Strecke aufgestellt. Er hatte ebenfalls Gaskondensat an Bord, das nach Thailand geliefert wurde.

Natürlich: Die Arktis-Strecken werden auch in Zukunft nur für einen Bruchteil der weltweiten Schifffahrt interessant sein. So glaubt etwa Kristin Bartenstein von der Université de Laval in Kanada, dass die Erfolgsaussichten der Polarroute tendenziell überschätzt werden. Containerschiffe mit ihren strengen Fahrplänen würden die Strecken wohl gar nicht befahren - weil Wetterkapriolen für Verzögerungen sorgen könnten. Andere Schiffe brauchen mehr Sprit, weil die eisverstärkten Rümpfe mehr Antriebsenergie fressen. Dazu kommen die Kosten für begleitende Eisbrecher.

Doch Firmen wie der russische Gashersteller Novatek, der die "Wladimir Tichonow" auf die Reise geschickt hat, haben Großes mit dem Nördlichen Seeweg vor. Die Firma will allein dieses Jahr 420.000 Tonnen Gaskondensat durch die Arktis schicken - sechs Mal so viel wie vergangenes Jahr.

Und währenddessen macht sich im Hafen von Murmansk der Erzfrachter "Sanko Odyssey" abfahrbereit. Er soll Ende des Monats 72.000 Tonnen Erz durch die Arktis schippern. Die Japaner haben den Nördlichen Seeweg nämlich auch entdeckt.

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1. Die Kanadier wissen schon,
Gandhi 26.08.2011
Zitat von sysopSatellitenbilder beweisen, dass zwei legendäre polare Schifffahrtsrouten gleichzeitig offen sind: der Nördliche Seeweg vor Russlands Küste und die Nordwestpassage im kanadischen Inselarchipel. Schiffskapitäne wagen sich längst in die schmelzende Arktis vor - und stellen neue Rekorde auf. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,782657,00.html
warum sie nichts tun, um die Nordwestpassage attraktiv zu machen. Abgesehen mal davon, dass sie diesen Seeweg als innerkanadisch betrachten (die USA sehen in ihm 'natuerlich' einen internationalen Wasserweg), sehen sie wohl auch keinen Grund, warum sie die zwangslaeufige Gewaesserverschmutzung auch noch foerdern sollten.
2. Juhu!
Mondaugen 26.08.2011
Nordostpassage und Nordwestpassage gleichzeitig frei, das hätte sich der alte Nansen mit seiner "Fram" wohl nicht träumen lassen. Die Entdeckung der Wege wäre ohne das lästige Sich-einfrieren-lassen doch viel einfacher gewesen!
3. Wie kann man nur...
teekaysevenfive 26.08.2011
...eine Etwicklung die maßgeblich vom Klimawandel beeinflusnst und daher eben für den Menschen, aber insbesondere für Tiere wie den Eisbären, keinesfalls wünschenswerte Entwicklung als positiv darstellen und die Arktis Schifffahrt vollkommen unreflektiert und kritiklos als Zukunft des Seetransportes preisen? Hier sollte ein technikverliebter Redakteur nachdenken, bevor er schreibt und bitte alle Umstände einer solchen Entwicklung beleuchten.
4. Blut für Öl?
hadroncollider 26.08.2011
Ich hab's jetzt nicht nachgelesen, aber was schreiben die Klimazweifel-Deppen denn jetzt hier im Forum? Dass die Bilder in den Kulissen Hollywoods entstanden sind - wie bei der Mondlandung -, damit die USA Eiswürfel an die Dritte Welt liefern und sich mit Öl bezahlen lassen können?
5. Bin ich ein Klimazweifler?
Pyrrhus 26.08.2011
Zitat von hadroncolliderIch hab's jetzt nicht nachgelesen, aber was schreiben die Klimazweifel-Deppen denn jetzt hier im Forum? Dass die Bilder in den Kulissen Hollywoods entstanden sind - wie bei der Mondlandung -, damit die USA Eiswürfel an die Dritte Welt liefern und sich mit Öl bezahlen lassen können?
a) Es ist Sommer auf der Nordhalbkugel. b) Am Klima zweifele ich nicht. c) Ich zweifele auch nicht daran, dass es in den letzten 150 Jahren wärmer geworden ist (i.e. Klimaerwärmung). d) Trotzdem kann ich daran zweifeln, dass der Ausstoß menschgemachten CO2s dafür ursächlich (!) oder alleinverantwortlich ist. e) Und ganz sicher halte ich die aktuelle Politik, die einzig und allein auf die Reduzierung von CO2-Emissionen angelegt ist, für wenig hilfreich. Das Geld wäre besser im Küstenschutz angelegt.
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