Rußwolken Die unterschätzten Klimakiller

Die Rolle von Ruß bei der Erderwärmung wird unterschätzt, sagen Klimaforscher. Im Himalaya zum Beispiel sind die Dreckwolken verheerender für Schnee und Eis als das viel gescholtene CO2. Dabei könnte die Menschheit beim Ruß schnell handeln - und Zeit im Kampf gegen den Treibhauseffekt gewinnen.

Brandrodung in Brasilien (1998): Einfluss von Ruß auf Treibhauseffekt unterschätzt
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Brandrodung in Brasilien (1998): Einfluss von Ruß auf Treibhauseffekt unterschätzt

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Es ist eine seltsame Melange, die über unseren Köpfen wabert: Neben den bekannten Atmosphärengasen wie Stickstoff, Sauerstoff, Argon oder Kohlendioxid schwirren zum Beispiel riesige Mengen mineralischen Staubs um die Erde. Neben diesen Schwebstoffen, die von Sandstürmen in den Wüstenregionen des Planeten aufgewirbelt werden, fliegen auch größere Mengen Biomaterial durch die Luft: zerbröselte Pflanzenreste, Bakterien und so weiter.

Eine weitere wichtige Quelle atmosphärischer Verschmutzung sind gigantische Rußwolken, die unter anderem durch Autoverkehr, Brandrodungen sowie Kohle- und Holzheizungen entstehen. Die US-Forscher Veerabhadran Ramanathan und Greg Carmichael haben diese gigantischen Partikelwolken nun einmal näher unter die Lupe genommen - und zeichnen im Fachmagazin "Nature Geoscience" im wahrsten Sinne des Wortes ein düsteres Bild der Lage.

Der Einfluss von Aerosolen, also flüssigen sowie festen Teilchen in der Luft, auf den Klimawandel gilt bisher als nur unzureichend untersucht. Der letzte Bericht des Uno-Weltklimarates IPCC spricht von einer "Schlüsselunsicherheit". Zumindest für den Kohlenstoffstaub beginnen die Dinge nun aber etwas klarer zu werden: "Der Einfluss der Rußwolken auf den Treibhauseffekt wurde bisher unterschätzt", sagt Greg Carmichael im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Denn offenbar sind die finsteren Wolken nach den Kohlendioxidemissionen der zweitwichtigste menschliche Beitrag zum Treibhauseffekt.

"Berechnungen für den oberen Atmosphärenrand sind neu"

Dabei galten Aerosole lange Zeit als doppelte Dämpfer der Erderwärmung. Das Ganze, so glaubte man, funktioniere ungefähr so: Zum einen reflektieren die flirrenden Flieger selbst Sonnenlicht, das auf diese Weise nicht die Erde erreicht, zum anderen sorgen sie für verstärkte Wolkenbildung - und damit für noch mehr Kühlung. Doch während bei Sulfataerosolen diese Wirkung auch weiter angenommen wird, sieht die Bilanz der schwebenden Rußteilchen weit schlechter aus: Sie heizen sich - und damit die Atmosphäre - unter Sonneneinstrahlung auf. So verstärken sie hoch über der Erde den Treibhauseffekt, auch wenn sie am Boden durchaus kühlende Wirkung entwickeln können.

"Diese Berechnungen für den oberen Rand der Atmosphäre sind neu", kommentiert Klimaforscher Christoph Kottmeier von der Universität Karlsruhe im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Ergebnisse. Erst langsam lerne die Wissenschaft, die komplexe Rolle der Aerosole in der Lufthülle der Erde zu beziffern. Ramanathan und Carmichael hätten dafür einen wichtigen Beitrag geleistet. Nach ihren Berechnungen entwickelt der Ruß am oberen Rand der Atmosphäre eine beträchtliche Treibhauswirkung: Sie liegt nach ihren Berechnungen in der Größenordnung der Werte von Gasen wie Kohlendioxid - konkret nennen die Forscher die Zahl von 60 Prozent.

Besonders besorgniserregend fällt die Analyse für die Himalaya-Region aus. Hier könnten die Rußwolken entscheidend zum Abschmelzen von Gletschern und Schneefeldern beitragen - mit noch schlimmeren Ergebnissen als Kohlendioxid. "Das liegt daran, dass das Gebiet so hoch gelegen ist. Die Gegend befindet sich in dem Teil der Atmosphäre, in dem sich die Rußteilchen durch das Sonnenlicht aufheizen", sagt der Karlsruher Forscher Kottmeier.

Doch nicht nur im Himalaya bereiten die braun-schwarzen Wolken den Forschern Sorgen. Die Liste der rußschwangeren Regionen der Erde ist lang: die Ganges-Ebene, Ostchina, Südostasien mit Indonesien, das südliche Afrika sowie weite Teile Zentral- und Südamerikas.

Ramanathan und Carmichael fordern, den Kampf gegen den Ruß verstärkt auf die Klimaschutz-Agenda zu setzen. Durch klimaschonende Technologien wie Solarenergie oder Biogas ließen sich zum Beispiel in Asien beträchtliche Erfolge erzielen. Besonders attraktiv dabei: Der Kampf gegen den Ruß entlastet das Erdklima verblüffend schnell. Während Treibhausgase zum Teil mehr als 100 Jahre lang in der Atmosphäre umherspuken, werden die kleinen Kohlenstoffteilchen nach nur zwei Wochen vom Regen ausgewaschen. "Was wir im Bezug auf Ruß unternehmen, hilft uns sofort", sagt Greg Carmichael fast beschwörend. "So können wir uns mehr Zeit kaufen, um etwas gegen das Kohlendioxid zu tun." Denn das Treibhausgas bleibe weiterhin das globale Hauptproblem beim Klimaschutz.

Immerhin, so hofft Carmichael, könnten internationale Vereinbarungen beim Ruß schneller zu erreichen sein als beim Kohlendioxid: Weil alle Länder der Welt auf einen ähnlichen Rußausstoß pro Kopf kämen, sei es vielleicht einfacher, auf internationaler Ebene auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.



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