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Saatguttresor in Permafrost: Arktisberg zu warm für Pflanzen-Arche-Noah

Von , Longyearbyen

Global Seed Vault in Longyearbyen: "Sicher, dass Spitzbergen der richtige Platz war" Zur Großansicht
REUTERS

Global Seed Vault in Longyearbyen: "Sicher, dass Spitzbergen der richtige Platz war"

Er sollte ein Bauwerk für die Ewigkeit sein, Millionen Pflanzensamen für schlimmste Notfälle konservieren - doch jetzt hält der globale Saatguttresor auf Spitzbergen nicht einmal den ersten Polarsommer durch. Der Permafrostboden ist zu warm, Bauarbeiter müssen nachbessern.

Die dunkle Schotterpiste vom Flughafen Longyearbyen führt bergan, da taucht sie plötzlich auf, die moderne Arche Noah der Pflanzenwelt. Graue Betonwände auf halber Höhe eines Berges, ein Bunker mit mächtigem Eingang: Hier auf Spitzbergen steht der Global Seed Vault (GSV), der globale Saatguttresor.

Doch gerade erst eröffnet, macht der Rettungsbunker Probleme - man sieht es auf den ersten Blick. Bauleute haben am Eingang große Mengen Erde und Schotter des umliegendes Berges entfernt. Ein Stück der stählernen Außenhaut des Zugangstunnels liegt frei. Weiter oben steht ein orangegelber Kunststoffzaun, der vor Steinschlägen schützen soll.

Der GSV ist ein ambitioniertes Projekt. Er soll der Menschheit selbst nach den schlimmsten vorstellbaren Katastrophen einen Neuanfang ermöglichen. Ob Klimawandel, Kriege oder Epidemien, von hier kann gefrorene Saat tief aus dem Berg zurück ans Tageslicht geholt werden - um die Erde zu rekultivieren. Um Leben zum Blühen zu bringen.

Wäre da nicht die Hitze.

Sechs Meter Stahlummantelung müssen ausgetauscht werden

Zwar liegen rechts und oberhalb des Einganges auch jetzt noch kleinere Schneefelder. Doch in den Sommermonaten erwärmt sich die Flanke des Berges, der den Saatguttresor beherbergt, offenbar weit stärker als vorhergesehen.

Der antauende Permafrostboden setzt der Stabilität des Bunkers zu. Der Permafrostboden rund um den Saatguttresor ist im Sommer ins Rutschen gekommen und hat einige Stellen des Baus zu stark belastet. Daher rühren auch die Probleme am Eingangstunnel. "Einige Stahlteile im vorderen Bereich der Tunnelröhre haben sich verformt", sagt Dag Brox vom staatlichen norwegischen Baubetrieb Statsbygg. Inzwischen wurde der komplette vordere Bereich der Stahlröhre freigelegt.

Insgesamt sechs Meter der Stahlummantelung werde man in diesem Monat austauschen müssen, sagt Brox. Dann werde man auch das jetzt entfernte Erdreich wieder neu auffüllen. Bis dahin müssen Träger im Inneren des Tunnels die verbogene Tunnelwand stützen.

"Nicht selten, dass das im ersten Jahr nach dem Bau passiert"

Schuld an den Widrigkeiten ist offenbar der Bunker selbst. Weil der Boden beim Bau im vergangenen Jahr schon an der Oberfläche gefroren war, konnte sich nach den Arbeiten kein stabiler Permafrost mehr ausbreiten, sagen die Experten. Genau das wäre aber für die Konstruktion nötig gewesen. "Es ist nicht selten, dass so etwas im ersten Jahr nach dem Bau passiert", sagt Brox.

Der aktuellen Belegungsstatistik zufolge liegen im frostigen Lager derzeit Saatgutproben aus knapp zwei Dutzend Quellen rund um den Globus. Das deutsche Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) aus Sachsen-Anhalt hat immerhin 30 Kisten mit genau 8.835.500 Samen ins arktische Eis geschickt. Wie stark gefährden die jetzigen Probleme derlei kostbare Ware?

Klar ist: Die Edelstahltür am Eingang mit ihren zwei Schlössern ist gut gesichert, sie wird für gewöhnlich nur bei Saatgutlieferungen geöffnet. Und selbst die wenigen Besucher dürfen bestenfalls in den Tunnel - nie aber in die Lager am Ende der gut hundert Meter tief in den Berg gegrabenen Anlage. Sogar, als sich unlängst eine Delegation mit Medienmogul Ted Turner, Ex-US-Präsident Jimmy Carter, Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright und Google-Gründer Larry Page ein Bild machen wollte, war an der Tür des eigentlichen Saatgutlagers Schluss.

"Der Berg wird ziemlich kalt bleiben"

Diese rigide Politik zeigt, dass sich die Betreiber keinen Vorwürfen aussetzen wollen, lax mit dem Saatguterbe der Menschheit umzugehen. Sie sehen keinen Grund zur Beunruhigung: "Ich bin mir sicher, dass Spitzbergen der richtige Platz war", sagt Cary Fowler, Chef des Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt (Global Crop Diversity Trust). Die Organisation managt von ihrem Hauptsitz in Rom aus die Geschicke des Saatguttresors.

Wieso wurde der Saatguttresor überhaupt in der Arktis gebaut, die durch den Klimawandel so gefährdet ist? Fowler sieht in Spitzbergen entscheidende Vorteile: Abgeschieden und doch gut erreichbar sei die Gegend, ausgestattet mit einer eigenen Stromversorgung und lokalem Brennstoff - Kohle. Doch was ist mit der ständig wärmer werdenden Umgebung? Die optimale Lagertemperatur für die Samen liege zwischen minus 18 und minus 20 Grad, sagt Fowler. Es gebe keinen Platz auf der ganzen Erde, an dem es durchgängig exakt so kalt sei. Man müsse also immer ein Kühlsystem einsetzen.

"Der Berg wird ziemlich kalt bleiben", sagt Fowler, "an der Stelle, an der wir die Samen lagern, gehen Projektionen selbst noch in 200 Jahren von Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aus - im schlimmsten aller möglichen Klimawandelszenarien."

Man könne sich also in aller Ruhe auf den langsamen Temperaturanstieg vorbereiten. Notfalls müsse man das Kühlsystem eben in Zukunft etwas öfter anwerfen.

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