Knochensplitter

Säugetiere Der Kampf um den Stammbaum

Haramiyida-Fossilien: Unsere (entfernte) Verwandtschaft? Fotos
Zhao Chuang

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Es wirkt irritierend, ist aber höchst wissenschaftlich: Im Fachblatt "Nature" stellen Forscherteams zwei Säugetier-Stammbäume vor, die sich widersprechen. Die Debatte soll eine der wichtigsten Fragen beantworten: Wo kommen wir her?

Es gibt Nachrichten, bei denen Gegner der Evolutionslehre die Sektkorken knallen lassen. Zum Beispiel, wenn Forscher anhand ähnlicher Funde zu völlig unterschiedlichen Erklärungen kommen. Besonders Kreationisten, auch in Europa leider auf dem Vormarsch, leiten daraus gerne ab, Wissenschaft habe keine zuverlässigen Wahrheiten zu bieten, denen man glauben könne.

Stimmt, das entspricht auch nicht ihrem Wesen: Wissenschaft schafft Wissen - und auf dem Weg dorthin arbeitet sie mit Hypothesen und Theorien, die sich entweder bewähren oder auch nicht. Das gilt auch für die Paläontologie, die sich darum bemüht, die Stammbäume des Lebens zu entschlüsseln. Das klappt nicht immer widerspruchsfrei.

Aktuell demonstrieren das zwei konkurrierende Forschergruppen im Fachmagazin "Nature": Auf der Basis vergleichbarer Funde liefern sie eine Neuinterpretation der Frühphase des Stammbaums der Säugetiere. Und damit auch der Herkunft des Menschen. Beide untersuchten Fossilien, die in der gleichen Felsformation gefunden wurden, als eng verwandt gelten und zeitlich nicht weit voneinander getrennt lebten.

Die Fossilien stammen aus der Gruppe der Haramiyida, einer rätselhaften Tiergruppe kleiner Pflanzen- oder Allesfresser, die von vielen Paläontologen bereits den Säugetieren zugeordnet wird - aber eben nicht von allen. Sie hatten ihren Ursprung in der Trias und lebten bis weit in den Jura hinein - was die Zeitspanne, in der die Säuger sich entwickelten, auf jeden Fall abdeckt.

These A: Ursprung der Säuger vor 215 Millionen Jahren

Die chinesischen Paläontologen um Xiaoting Zheng befassen sich in ihrer Studie mit einem Fossil der Art Aboroharamiya. Sie deuten die Art als eng mit den Säugetieren verwandte Baumbewohner. Obwohl bestimmte Merkmale noch "primitiv" ausgeprägt seien, führt Zheng die Analyse von Mittelohraufbau, Kiefer und Zähnen dazu, das Tier der Kronengruppe der Säuger zuzuordnen.

Seine Studie impliziert damit, dass der Ursprung der Säugetiere viel früher anzusetzen sei, als dies bisher Lehrmeinung ist - vor circa 215 Millionen Jahren. Gestützt wird Zhengs Annahme durch Genanalysen. Sie würde unter anderem die relativ große Artenvielfalt Mitte des Jura erklären.

These B: Ursprung der Säuger vor 175 Millionen Jahren

Wenn hingegen die Gruppe um Chang-Fu Zhou richtig läge, wäre es - von einem noch unbekannten Säugetier-Ahnen ausgehend - vor circa 175 Millionen Jahren plötzlich zur Entstehung der Säugetiere und zu einer explosionsartigen Vermehrung ihrer Artenzahl gekommen. Die Forscher leiten dieses Ergebnis vom Megaconus ab, den sie ebenfalls den Haramiyida zurechnen. Sie erkennen in ihm säugetierähnliche Merkmale, deuten diese aber teils als zu primitiv, um Megaconus der Kronengruppe der Säuger zurechnen zu können.

Zhou und seine Mitautoren sehen in dem Tier also eher eine Art Cousin x-ten Grades. Er stehe zeitlich und evolutionär vor oder neben, aber nicht hinter dem mysteriösen gemeinsamen Vorfahren aller heute lebenden Säuger. Auf dieser Grundlage datieren sie die Entstehung der Kronengruppe der Säuger auf den mittleren Jura - 40 Millionen Jahre später als das Team um Xiaoting Zheng.

Wie kann so etwas sein?

In der Erdgeschichte gab es Zeiten, aus denen ein dichter fossiler Befund erhalten blieb, und andere, für die das nicht gilt. Säugetier-Fossilien findet man häufig ab Mitte des Jura, aus davor liegenden Zeiten gibt es dagegen nur sehr fragmentarische Funde. Geht man noch weiter zurück, wird der fossile Befund wieder dichter. Strittig und bisher weitgehend ungeklärt ist ausgerechnet das Zeitfenster, in dem wir den "Stammvater" der Säugetiere vermuten.

So viel weiß man bisher: Als gesichert gilt, dass Säugetiere schon im Jura (200 - 150 Millionen Jahre) weit verbreitet in zahlreichen Arten vorkamen. Die Paläontologie identifiziert Arten dieser Zeit als Mitglieder der Kronengruppe der Säuger, die also einen gemeinsamen Vorfahren mit den heute lebenden Säugetieren teilten. Dieser gemeinsame Vorfahr ist noch unbekannt.

Wo auch immer man die Haramiyida im Stammbaum der Säuger ansiedelt, sie stünden immer nah am "Ursprung", nah am rätselhaften gemeinsamen Vorfahren. Die Frage der konkreten Einordnung in den Stammbaum ist deshalb relevant, weil sich an ihr entscheidet, wo in der Zeit die Entwicklung der Säugetiere anzusetzen ist.

Was heißt das alles?

Es ist offensichtlich, dass nicht beide Gruppen mit ihrer Interpretation des Säuger-Stammbaums recht haben können. Zhou verfügt über das vollständigere Fossil. Beide Gruppen gründen ihre Schlüsse jedoch auf Knochen des Schädels, der in beiden Fällen nur fragmentarisch erhalten ist.

Richard L. Cifelli vom Oklahoma Museum of Natural History weist in einer einordnenden Überleitung zwischen den widersprüchlichen Studien zudem darauf hin, dass beide Beiträge Fragen offen lassen und jeweils wieder neue aufwerfen. Das klingt nicht danach, dass der eine oder andere nun den Säuger-Stammbaum in Stein gemeißelt hätte.

Man kann so etwas unbefriedigend finden oder zu unpräzise. Das aber verkennt die Natur von Wissenschaft: Weder Zheng noch Zhou verkünden in ihren Studien letzte Wahrheiten, sondern auf neuen Detail-Erkenntnissen beruhende Thesen. Beide Studien tragen so zu einem Diskurs bei, der irgendwann zu einem Ergebnis kommen wird.

Insofern ist diese öffentlich gemachte Widersprüchlichkeit zutiefst wissenschaftlich - sie ist "science in the making". Im Gegensatz zu Religionen behauptet Wissenschaft nicht, Wahrheiten zu kennen, sondern zu suchen. Um die zu finden und die Widersprüche zu versöhnen, schreibt Cifelli, wird man am Ende wohl weitere, bessere Funde brauchen.

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18 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
EvilGenius 08.08.2013
obi wan 08.08.2013
hansulrich47 08.08.2013
pjcomment 08.08.2013
Layer_8 08.08.2013
trohl 08.08.2013
michaelkaloff 08.08.2013
a.b. surd 08.08.2013
a.b. surd 08.08.2013
tybnc 08.08.2013
mideal 08.08.2013
mideal 08.08.2013
juttakristina 08.08.2013
_thilo_ 08.08.2013
lavama 09.08.2013
juttakristina 10.08.2013
sok1950 11.08.2013
MoorGraf 11.08.2013
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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wach hält.
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