Neubewertung von Fossilfunden: Sandstürme schliffen Frühmenschen-Zähne ab

Fossile Zähne sollen Informationen darüber liefern, wie sich die Vorfahren des Menschen vor Millionen von Jahren ernährten. Doch manche Studien lieferten kontroverse Ergebnisse. Ein Forscherteam hat diesen Widerspruch nun aufgelöst.

"Nussknacker-Mensch" P. bosei: Bevorzugte er nun harte oder weiche Nahrung? Zur Großansicht
dapd

"Nussknacker-Mensch" P. bosei: Bevorzugte er nun harte oder weiche Nahrung?

Kratzer auf fossilen Zähnen ermöglichen Rückschlüsse auf den Speiseplan von Säugetieren, einschließlich der Vorfahren des Menschen. Ein internationales Forscherteam hat nun im "Journal of the Royal Society Interface" Daten veröffentlicht, die helfen sollen diese mikroskopisch kleinen Spuren besser einzuordnen.

Um die Art der Ernährung unserer Vorfahren rekonstruieren zu können, untersuchen Anthropologen neben den Kieferknochen und bestimmten Zahnmerkmalen schon seit vielen Jahren auch die Kratzspuren im Zahnschmelz. Dabei kam es in der Vergangenheit immer wieder zu kontroversen Ergebnissen, schreiben die Forscher.

Peter Lucas von der Kuwait University und seine Kollegen nennen den Fall der Hominiden-Art Paranthropus boisei als Beispiel: Die Analyse der Knochen deutete eher auf eine Ernährung mit festen und harten Bestandteilen hin; die Art wurde auch als Nussknacker-Mensch bezeichnet. Die Kratzspuren auf dem Zahnschmelz wiesen hingegen eher auf eine Ernährung mit weichen pflanzlichen Bestandteilen.

Die nun gewonnenen Erkenntnisse könnten helfen dieses wissenschaftliche Dilemma zu lösen. Um die strukturellen Veränderungen auf den fossilen Zähnen besser zu verstehen, zerkratzten die Wissenschaftler mit unterschiedlichen Materialien die Oberfläche eines Primatenzahns im Labor. Im Anschluss schauten sich die Forscher den bearbeiteten Zahn unterm Rasterelektronenmikroskop an. Bei ihren Versuchen setzten sie Stoffe ein, die in der Nahrung vorkommen, aber auch Quarzsand.

Kleine Löcher im Schmelz

Für alle untersuchten Materialien konnten die Forscher charakteristische Muster nachweisen. Weichere Stoffe rufen demnach U-förmige Spuren und kleine Mulden hervor, ohne jedoch Stücke vom Zahnschmelz zu lösen. Ein Beispiel dafür sind Phytolithen - Ablagerungen von Silikaten, die Pflanzen mit dem Grundwasser aufnehmen und in ihren Zellen einlagern.

Im Gegensatz dazu erzeugt Quarzsand Kratzer und kleine Löcher mit groben Kanten und ist sogar in der Lage, mikroskopisch kleine Stücke vom Zahnschmelz zu lösen. Hauptverantwortlich für die Abnutzung von Zahnschmelz sei demnach Quarzsand, folgern die Wissenschaftler.

Pflanzenfresser, die mit ihrer Nahrung auch Sand aufgenommen haben, könnten somit an ihren Zähnen Abnutzungserscheinungen aufweisen, die bislang eher mit harter und fester Nahrung in Verbindung gebracht wurden. Auch bei unseren Vorfahren in Ostafrika, die häufig Staubstürmen ausgesetzt waren, könnten die Sandpartikel zu einer starken Abnutzung der Zähne geführt haben, heißt es in dem Fachblatt.

wbr/dpa

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