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Satellitenbild der Woche: Die rote Flut

Der Giftschlamm-Unfall in einem Aluminiumwerk macht Ungarn zu schaffen. Bisher kehrte kaum jemand in das verwüstete Dorf Kolontár zurück. Ein Satellitenbild zeigt das Ausmaß der roten Schlammflut.

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NASA

Giftschlamm-Unfall in Ungarn: 40 Quadratkilometer wurden verseucht

Budapest/Zagreb - Die Bilder aus den Dörfern Kolontár und Devecser wirkten apokalyptisch: Bis zu zwei Meter hoch stürzte die Welle aus giftigem und ätzendem Rotschlamm aus einem Becken der Aluminiumfirma MAL. Neun Menschen starben, etwa 150 wurden verletzt.

Der Nasa-Satellit "Earth Observing-1" hat am 9. Oktober mit seinem "Advanced Land Imager"-Instrument das Ausmaß der Katastrophe dokumentiert. Die 750.000 Tonnen Rotschlamm verseuchten eine Fläche von 40 Quadratkilometern.

Eigentlich sollte das MAL-Werk am Freitag wieder den Betrieb aufnehmen. Das aber geschah dann doch nicht. "Mit dem Management des Unternehmens müssen noch weitere Daten abgeglichen werden", erklärte eine Sprecherin des ungarischen Katastrophenschutzes. Der Chef dieser Behörde, György Bakondi, war zu Wochenbeginn als Regierungskommissar für die unter staatliche Zwangsverwaltung gestellte MAL eingesetzt worden. Der ungarische Umweltstaatssekretär Zoltan Illes hatte dem Werk vor zehn Tagen die Betriebsgenehmigung entzogen.

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Aluminium-Abfall: Die rote Flut
Kroatische Behörden haben unterdessen eine erhöhte Aluminium-Menge in der Donau festgestellt. Analysen zwei Tage zuvor ergaben demnach eine Aluminium-Konzentration, die um das 4,5-Fache über dem üblichen Maximalwert lag. Bis Mittwoch sei der Wert auf das 2,1-Fache zurückgegangen. Das deute möglicherweise darauf hin, dass die Verschmutzung rasch weiter geschwemmt werde, erklärten die Behörden. Die Werte seien weder für Menschen noch für die Umwelt bedenklich.

Am Freitag erlaubte die ungarische Regierung den Bewohnern von Kolontár erstmals, in ihr Dorf zurückzukehren. Doch laut ungarischen Medien sollen nur wenige Menschen von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht haben.

Die Umweltorganisation Greenpeace kritisierte die jüngsten Behördenmaßnahmen als "verantwortungslos und übereilt". Die Regierung wolle das Unglückswerk wieder in Gang setzen und die Menschen in die Katastrophenzone zurückkehren lassen, ohne dass die Ursachen des Unfalls überhaupt geklärt worden seien, hieß es in einer Stellungnahme der Umweltschützer am Freitag.

mbe/dpa/dapd

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Rotschlamm

Rotschlamm entsteht als Abfallprodukt bei der Herstellung von Tonerde, aus der Aluminium gewonnen wird. Im ersten Schritt des "Bayer-Verfahrens" (benannt nach dem österreichischen Chemiker Carl Josef Bayer) wird das Erz Bauxit in Natronlauge gelöst, um Aluminiumoxide (Tonerde) zu gewinnen. Dabei entsteht der Rotschlamm, der die Abfallprodukte des Bauxits enthält: Eisenoxid, Schwermetalle und Reste der Lauge. Der große Eisenanteil im Rotschlamm sorgt für seine charakteristische, leuchtende Farbe. Erst in einem weiteren Verfahren entsteht aus dem Aluminiumoxid das Aluminium.

Der Rotschlamm ist vor allem wegen der Schwermetalle für Menschen und Umwelt gefährlich. Durch die Natronlauge hat er zudem einen hohen pH-Wert - bei Hautkontakt kann es dann zu Verätzungen kommen.

Mit mehrfachem Reinigen kann der pH-Wert auf ein ungefährliches Maß gesenkt werden. Erst dann darf der Rotschlamm in Deutschland als Abfall deponiert werden. Es ist ein übliches Verfahren, die rote Brühe in Auffangbecken zu leiten, wo sie dann zu einer ungefährlichen, tonartigen Masse trocknet.


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Chemieunfälle
November 2005: China
Nach einer Explosion in einem Chemiewerk im Nordosten Chinas verseucht ein 80 Kilometer langer Giftteppich den Songhua-Fluss, die Hauptwasserquelle für Millionen Menschen. Unter anderem müssen die Bewohner der Vier-Millionen-Stadt Harbin tagelang ohne frisches Wasser auskommen.
Januar 2000: Rumänien

Nach einem Dammbruch in einer Goldrecycling-Anlage im rumänischen Baia Mare wird cyanidhaltige Lauge freigesetzt. In den Flüssen Szamos und Theiß kommt es zum Fischsterben. Die Giftwelle erreicht auch Ungarn.

Nur sechs Wochen später bricht im rumänischen Borsa das Auffangbecken eines Bergwerkunternehmens. Eine Lauge mit Schwermetallen wie Blei, Kupfer und Zink verseucht die Flüsse Theiß und Donau auf weiten Strecken. In Rumänien und Ungarn sterben Hunderte Tonnen Fische.

Februar 1993: Deutschland
Bei einem Betriebsunfall im Stammwerk des Hoechst-Konzerns in Frankfurt am Main entweichen zehn Tonnen eines zum Teil giftigen Chemikaliengemischs und regnen auf die umliegenden Wohngebiete herab.
November 1986: Schweiz
Nach einem Feuer im Baseler Werk der Firma Sandoz fließt mit etwa 20 Tonnen Gift vermischtes Löschwasser in den Rhein und treibt mit der Strömung durch Deutschland. Hunderttausende Fische sterben. Entlang des gesamten Flusses wird die Trinkwasserentnahme für drei Wochen eingestellt.


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