Satellitenbilder der Antarktis: Die wundersame Vermehrung der Kaiserpinguine

Von Christoph Seidler

Der Film "Die Reise der Pinguine" hat die majestätischen Kaiserpinguine weltbekannt gemacht. Eine neue Studie zeigt nun, dass es in der Antarktis doppelt so viele von ihnen gibt wie bisher angenommen. Satellitenbilder haben die Tiere überführt.

BAS

Temperaturen bis 60 Grad unter Null, das Zelt vom Schneesturm fortgerafft, die Zähne ausgefallen - für Apsley Cherry-Garrard war das mörderische Unterfangen nicht weniger als "die schlimmste Reise der Welt". So nannte der britische Polarforscher den Bericht über seine Extrem-Expedition im Jahr 1911. Auf der Ross-Insel war er mit seinen Kollegen Edward Wilson und Henry Bowers zur weltweit einzig bekannten Kolonie von Kaiserpinguinen vorgestoßen - und die brüten eben nur in der mörderischen Kälte des antarktischen Winters.

Das Dreiergrüppchen erreichte nur unter größten persönlichen Entbehrungen sein wissenschaftliches Ziel: Doch zum ersten Mal war es gelungen, fünf Eier der stattlichen Polartiere zu bergen. Die darin verborgenen Embryonen sollten beweisen, dass die vermeintlich primitiven Vögel - immerhin konnten sie nicht fliegen - direkt von den Reptilien abstammten. Diese evolutionsgeschichtliche Entwicklung sagte jedenfalls die damals populäre Biogenetische Grundregel des Zoologen Ernst Haeckel voraus.

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Kaiserpinguine: Inventur aus dem All
Mittlerweile verläuft die Polarforschung zum Glück etwas weniger entbehrungsreich. Mit moderner Technik ist es Wissenschaftlern nun gelungen, gleich mehrere unbekannte Kolonien von Kaiserpinguinen zu entdecken - und ganz nebenbei die Zahl der insgesamt in der Antarktis lebenden Tiere dieser Art deutlich nach oben zu korrigieren.

Ein internationales Forscherteam hat für die Inventur des Tierbestands erstmals hochauflösende Satellitenaufnahmen genutzt. Im Fachmagazin "PLoS One" berichten die Wissenschaftler um Peter Fretwell vom British Antarctic Survey (BAS) in Cambridge, dass sie auf Basis der im Jahr 2009 aufgenommenen Bilder nun von einer Gesamtpopulation von 595.000 Tieren ausgehen. Die aktuelle Schätzung, sie stammt vom Anfang der neunziger Jahre, hatte lediglich 270.000 bis 350.000 Kaiserpinguine in der Antarktis vermutet.

Tiere müssen von ihrem eigenen Kot unterschieden werden

Die mächtigen Vögel sind bekannt für ihre langen Wanderungen zwischen Brutplätzen im Inneren des eisigen Kontinents und den Jagdgebieten an seinem Rand. Bei der Brut hüten die Männchen das Ei, das auf ihren Füßen liegt. Sie müssen dabei lange Zeit fasten. Erst im Frühjahr werden sie von den Weibchen abgelöst, die bis dahin im Meer jagen waren. Mit speziellen Bewegungstricks gelingt es den Tieren, sich in der Gruppe warm zu halten - auch bei Extremtemperaturen und eisigen Stürmen.

Die Wissenschaftler hatten sich für die aktuelle Studie gut 40 kommerzielle Aufnahmen der Satelliten "Quickbird 2", "Ikonos" und "Worldview 2" angesehen. Den Zugang zu dem normalerweise sehr teuren Datenmaterial hatten die US-Forscher im Team über die National Science Foundation besorgt. Die hochauflösenden Fotos waren zum Teil extra für die Suche nach den Tieren angefertigt worden.

"Auf manchen Bildern kann man einzelne Pinguine sehen, auf anderen nur Haufen. Und da wird es dann kompliziert", sagt BAS-Forscher Phil Trathan, einer der Co-Autoren der Studie, SPIEGEL ONLINE. Nicht nur einzelne Tiere in einer Gruppe zu erkennen war eine Herausforderung. Auch Steine, Schatten, Eisblöcke und - ganz profan - Pinguinkot bei der Zählung auszusortieren, war alles andere als einfach. Bei früheren Studien hatte man - weil die Auflösung zum Erkennen der einzelnen Tiere nicht ausreichte - noch gezielt nach den Exkrementen gesucht. Diesmal störten sie aber.

Schwarzweiß- und Farbaufnahmen kombiniert

Die Forscher behalfen sich mit moderner Bildbearbeitung. Sie kombinierten jeweils ein hoch aufgelöstes Schwarzweißbild, das einen großen Wellelängenbereich umfasste, mit einer weniger detaillierten Farbaufnahme. Das Ergebnis ist ein Bild mit einer sogenannten Panbildschärfung. Und die ermöglicht genaueres Nachzählen der Tiere.

Doch ganz allein vom Schreibtisch aus ließ sich die Pinguininventur dann selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht erledigen: Von Flugzeugen und, ganz klassisch, zu Fuß mussten die Wissenschaftler bei Stichproben die Genauigkeit ihrer Zählungen nachprüfen. Nun sind sie mit dem Ergebnis zufrieden. Die Inventur soll als Vergleichsmaßstab dienen, um das Schicksal der Kaiserpinguine in den kommenden Jahren verfolgen zu können. "Weil wir die Verifikation nun hinter uns haben, können wir bei Aktualisierungen in Zukunft schneller sein", stellt Phil Trathan in Aussicht.

Das Schicksal der Kaiserpinguine gilt als ungewiss - auch wenn sie derzeit nicht akut gefährdet sind. Forscher um Stéphanie Jenouvrier von der amerikanischen Woods Hole Oceanographic Institution hatten aber im Jahr 2009 prognostiziert, dass die Tiere bis zum Ende dieses Jahrhunderts vom Aussterben bedroht sein könnten.

Als Hauptproblem gilt, dass sie für die Nahrungssuche auf die Jagd von der Packeisgrenze angewiesen sind. Und dass das Schelfeis stellenweise mit spektakulärer Geschwindigkeit verschwindet, haben gerade erst wieder Bilder des Esa-Satelliten "Envisat" gezeigt. Wenn das Eis - wohl auch durch polare Stürme - früher aufbricht oder stellenweise ganz verschwindet, könnte das für die Pinguine zum Problem werden. Im vergangenen Jahr hatte Phil Trathan mit Kollegen vom ersten aktenkundigen Verschwinden einer Kaiserpinguin-Kolonie vor der Westantarktischen Halbinsel berichtet. Die neuen Zahlen werden nun helfen, das Schicksal der majestätischen Tiere besser zu verfolgen.

Was die Expedition von Apsley Cherry-Garrard aus dem Jahr 1911 angeht: Nachdem die ausgezehrten Polarfahrer erst einmal zwei der Pinguineier fallen gelassen hatten, gelangten drei intakte Exemplare tatsächlich nach England. Doch das auch nur, weil Cherry-Garrard nicht wie seine beiden Kollegen den glücklosen Robert Falcon Scott zum Südpol begleitete - ihr spektakuläres Scheitern bezahlten die Abenteurer bekanntlich mit dem Leben.

Cherry-Garrard schrieb seine Memoiren - und wartete 23 Jahre darauf, dass die wissenschaftliche Publikation zu seinen mühevoll beschafften Pinguineiern erschien. Zu diesem Zeitpunkt war Haeckels Grundregel weitgehend diskreditiert. Die Schalen der drei Eier liegen bis heute in einem Archivschrank des Natural History Museum in London. Wissenschaftlich war die "schlimmste Reise der Welt" also mehr oder weniger nutzlos - auch wenn die Kaiserpinguine bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben.

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1. Das Eis schmilzt
daskänguru 13.04.2012
Zitat von sysopDer Film "Die Reise der Pinguine" hat die majestätischen Kaiserpinguine weltbekannt gemacht. Eine neue Studie zeigt nun, dass es in der Antarktis doppelt so viele von ihnen gibt wie bisher angenommen. Satellitenbilder haben die Tiere überführt. Satellitenbilder der Antarktis: Die wundersame Vermehrung der*Kaiserpinguine - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,826958,00.html)
Wegen den Pinguinen schmilzt das ganze Eis. Jetzt haben wir die Verursacher. Überall Pinguinekot der wird von der Sonne erwärmt das ganze Eis schmilzt. Und auf dem anderen Pol sin natürlich die Eisbären. Nix CO2 nix Methan die blöden Tiere und ihr Kot sind schuld.
2.
jenli 14.04.2012
Zitat von sysopDer Film "Die Reise der Pinguine" hat die majestätischen Kaiserpinguine weltbekannt gemacht. Eine neue Studie zeigt nun, dass es in der Antarktis doppelt so viele von ihnen gibt wie bisher angenommen. Satellitenbilder haben die Tiere überführt. Satellitenbilder der Antarktis: Die wundersame Vermehrung der*Kaiserpinguine - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,826958,00.html)
"Financial Times Deutschland, Januar 2009: In der Antarktis schmilzt das einst ewige Eis immer schneller - mit dramatischen Folgen für die Tiere, die dort leben. Kaiserpinguine könnten schon bald vom Aussterben bedroht sein. Grund: Sie können sich den Veränderungen nicht schnell genug anpassen. ORF April 2012: Die Zahl der Kaiserpinguine in der Antarktis liegt etwa doppelt so hoch wie bisher gedacht ..." Quelle: Klimawandel immer ... - Klimablog (http://klimablog.blog.de/2012/04/14/klimawandel-immer-13503603/) 2009/2012 - inzwischen mal wieder was dazu gelernt. Symptomatisch für die fatale Katastrophenseligkeit der Klimawandelhysteriker.
3. ...
strayboy 14.04.2012
Zitat von jenli"Financial Times Deutschland, Januar 2009: In der Antarktis schmilzt das einst ewige Eis immer schneller - mit dramatischen Folgen für die Tiere, die dort leben. Kaiserpinguine könnten schon bald vom Aussterben bedroht sein. Grund: Sie können sich den Veränderungen nicht schnell genug anpassen. ORF April 2012: Die Zahl der Kaiserpinguine in der Antarktis liegt etwa doppelt so hoch wie bisher gedacht ..." Quelle: Klimawandel immer ... - Klimablog (http://klimablog.blog.de/2012/04/14/klimawandel-immer-13503603/) 2009/2012 - inzwischen mal wieder was dazu gelernt. Symptomatisch für die fatale Katastrophenseligkeit der Klimawandelhysteriker.
Und woher nehmen sie die Sicherheit Entwarnung zu geben? Vielleiht gab es vor 20 Jahren eine Million Kaiserpinguine? Genau wie bei Eisbären gibt es erst seit juengster Vergangenheit die Methoden, um relativ genaue Populationsschätzungen durchzufuehren. Und Schlaumeier wie sie, die weder frueher noch heute irgendetwas besser wussten oder wissen, spielen sich gross auf. Es bleibt trotz korrigierter Zahlen - uebrigens auch wieder ein Zeichen dafuer, dass die Selbstkorrekturmechanismen der Wissenschaft funktionieren (wurde diese Forschung in etwa unterdrueckt oder verschwiegen?) - dabei, dass der Lebensraum der Kaiserpinguine fortschreitend kleiner wird.
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