Satellitendaten Extremhitze bereitete Grundlage für Waldbrände

Wie kam es zur Katastrophe in Russland? Wissenschaftler diskutieren derzeit die Ursachen für die rund 26.000 Waldbrände: Abholzung, Dürre und falsche Forstwirtschaft spielen wohl eine Rolle. Nun zeigen Satellitenbilder, welch fatale Rolle außerdem die extreme Hitze gespielt hat.

Satellitenmessung: Extremhitze (rot) in der Waldbrandregion.
NASA

Satellitenmessung: Extremhitze (rot) in der Waldbrandregion.


Seit Wochen wüten heftige Brände in Russland. Dichter Rauch mit schädlichen Gasen hat sich über Moskau gelegt. Riesige Getreidemengen sind bereits verbrannt. Die Feuer bedrohen Atomanlagen. Forscher hatten unter anderem die große Dürre in der Region für die Katastrophe verantwortlich gemacht. Jetzt beweisen Satellitendaten: In der Waldbrandregion herrschte zu Beginn der Feuer in der Tat extreme Hitze - der Rest des Landes hingegen erlebte normales oder kühles Wetter.

Bei den schweren Waldbränden - manche sprechen von den schlimmsten der russischen Geschichte - zeichnet sich trotz landesweiter Löscheinsätze und internationaler Hilfe keine Entspannung ab. Derzeit lodern im Land noch mehr als 550 Feuer auf einer Fläche von mehr als 1700 Quadratkilometern, einer Fläche größer als Hamburg und Berlin zusammen. Das teilte das russische Zivilschutzministerium nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax am Dienstag mit. Mehr als 7600 Quadratkilometer sind verwüstet. Das entspricht etwa der dreifachen Größe des Saarlandes.

Daten des Nasa-Satelliten "Terra" zeigen nun, dass Extremhitze wahrscheinlich eine Ursache der Brände war. Die Feuer-Region war den Messungen zufolge vor Ausbruch der Brände Ende Juli mehr als zwölf Grad wärmer als sonst während dieser Jahreszeit in den vergangenen zehn Jahren (rote Regionen, siehe Karte oben). Mancherorts herrschten 42 Grad im Schatten. Im übrigen Russland hingegen lagen die Temperaturen vielerorts sogar niedriger als in den vergangenen Jahren (blau markierte Regionen), berichtet die Nasa.

Fotostrecke

11  Bilder
Waldbrand-Katastrophe: Rauch über Russland

Russische Meteorologen sprachen von einer "Jahrtausendhitze" in Russland. "Seit Entstehen unseres Landes, also seit 1000 Jahren, hat es nichts Vergleichbares gegeben - was die Hitze angeht, haben weder wir noch irgendeiner unserer Vorfahren jemals so etwas festgehalten", sagte der Wetterexperte Alexander Frolow. "Das ist ein absolut einmaliges Ereignis. Keines unserer Archive listet einen solchen Fall auf."

Doch Waldbrandexperten geben den Behörden eine Mitschuld an der Katastrophe. Große Waldbrände wie die in Russland würden vorwiegend vom Menschen verursacht: "Für eine Selbstentzündung wegen der großen Trockenheit gibt es keine Belege", sagte Johann Goldammer, Chef der Arbeitsgruppe Feuerökologie am Max-Planck- Institut für Chemie an der Universität Freiburg.

Auch die immer wieder einmal ins Spiel gebrachte Scherbe, die bei starker Sonneneinstrahlung einen Brand auslöst, sei eher ein Mythos. In Sibirien seien von Blitzschlag ausgelöste Waldfeuer ein wichtiger Bestandteil der natürlichen Ökosysteme - nicht aber in der Kulturlandschaft Westrusslands, wo derzeit die Brände wüten.

Die "Übernutzung" der Landschaft durch Abholzung könne eine Ursache der Brände sein, sagt Goldammer. Abholzung ließe "grüne Wüsten" entstehen - eine Steppenlandschaft ohne Bäume. Dies sei beispielsweise in Zentralasien zu sehen. Goldammer wies auf eine "dramatisch zunehmende Zahl an Großkahlschlägen" in Russland hin, wo die Forstnutzung in den letzten Jahren an Privatleute vergeben werde. "Der Wald wird zunehmend als Ausbeutungsressource gesehen", beklagte Goldammer. So komme es zu unkontrollierbaren Flächenbränden. Auch in gezüchteten Baum-Monokulturen können sich Feuer rapide ausbreiten.

Volle Leichenhallen

Vorbeugung vor solchen Bränden sei eine große gesellschaftliche Aufgabe: "Das hat etwas zu tun mit nachhaltiger Landnutzung", wie es sie früher in der alten Sowjetunion viel effizienter als heute gegeben habe. Der Wissenschaftler, der seit 20 Jahren in Russland arbeitet, sprach sich für verbesserte Feuerprävention in dem Land aus. Gerade auf lokaler Ebene, wo es die Menschen unmittelbar betreffe, müsse wieder ein Bewusstsein wachsen, dass die natürliche Ressource Wald nicht übernutzt werden dürfe. "Dies schließt auch die Freizeitnutzung ein, bei der außer Kontrolle geratene Grillfeuer die häufigsten Ursachen der Waldbrände darstellen."

Offiziell sollen infolge der verheerenden Jahrtausendhitze 52 Menschen ums Leben gekommen sein - Kritiker der repressiven Informationspolitik der Regierung befürchten, dass es weitaus mehr sind. In Moskau starben offenbar Hunderte wegen der andauernden Hitze und des Smogs. In den Leichenhallen der Stadt waren 1300 Tote aufgebahrt, wie die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf die Gesundheitsbehörden der Stadt berichtete. Die Kapazität der Leichenhallen liegt bei 1500 Toten.

Derzeit würden jeden Tag 700 Todesfälle gemeldet, sagte der Leiter der städtischen Gesundheitsbehörde, Andrej Selzowki, der Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Normalerweise würden in der russischen Hauptstadt zwischen 360 und 380 Menschen täglich sterben.

Eine Besserung der Lage ist derweil nicht in Sicht. Der Wind werde frühestens am Mittwoch drehen, erklärte das Katastrophenschutzministerium. Auch die Torfbrände würden frühestens in fünf Tagen gelöscht sein.

boj/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.