Satellitenmessungen Indiens Grundwasserspiegel sinkt dramatisch

In Indien droht eine Wasserkrise: Neue Satellitenmessungen haben ergeben, dass die Grundwasserstände des Landes in den vergangenen Jahren noch schneller gesunken sind als bisher befürchtet. Experten warnen vor Dürren und Engpässen in der Nahrungsversorgung.


Neu Delhi/London - Erhebungen der indischen Regierung hatten den Verdacht bereits genährt, jetzt liegt die Bestätigung der US-Weltraumbehörde Nasa vor: In weiten Teilen Indiens geht das Grundwasser schnell zur Neige. Vor allem im Nordwesten des Landes werde es in "unhaltbarem Maße" verbraucht, so dass extreme Wasserknappheit und damit Produktionsausfälle in der Landwirtschaft drohten, schreiben die Forscher vom Nasa Goddard Space Flight Center in Greenbelt (US-Staat Maryland) im britischen Fachjournal "Nature". Für die Studie wurden Satellitenmessungen der Erdgravitation und Geländemodelle des "Gravity Recovery and Climate Experiment" ("Grace") verwendet, das die Nasa und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) 2002 gestartet haben.

Die Niederschlagsmenge sei im Untersuchungszeitraum von August 2002 bis Oktober 2008 weitgehend normal gewesen, heißt es. Dennoch sei der Grundwasserspiegel in den Bundesstaaten Rajasthan, Punjab und Haryana sowie in der Hauptstadt Neu-Delhi jährlich um vier Zentimeter gefallen. Das entspreche einem Verlust von etwa 17,7 Kubikkilometern Wasser pro Jahr - in etwa einem Drittel der Wassermenge im Bodensee.

Als Gründe dafür nennen die Forscher in erster Linie die künstliche Bewässerung landwirtschaftlicher Nutzflächen sowie weitere Formen menschlichen Gebrauchs. Insgesamt seien in der Region mehr als 114 Millionen Menschen betroffen.

Untersuchungen der indischen Regierung waren in den vergangenen Jahren zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. So wurde bereits Anfang 1997 eine dem Wasserministerium unterstellte Behörde - die Central Ground Water Authority (CGWA) - ins Leben gerufen, die landesweit die Entnahme von Grundwasser regulieren soll. Die US-Wissenschaftler weisen jedoch darauf hin, dass das Ergebnis der jüngsten Untersuchung bisherige Berechnungen der indischen Behörden weit übertreffe.

Der Wasserverbrauch ist in Indien ein wichtiges politisches Thema, das nahezu alle Bevölkerungsschichten betrifft. Seit den sechziger Jahren ist er extrem angestiegen - zum Teil wegen der schnell steigenden Bevölkerungszahl, aber auch aufgrund der sogenannten Grünen Revolution, die der indischen Landwirtschaft zu ungeahnter Produktivität verholfen hat.

In Indiens Nachbarländern sieht es kaum besser aus. Eine weitere Studie, die ebenfalls auf "Grace"-Daten eines rund 2000 Kilometer langen Landstreifens von Ostpakistan über Nordindien bis Bangladesch basierte, zeigt den Verlust von 54 Kubikkilometern Grundwasser pro Jahr. Die Untersuchung unter Leitung von Virendra Tiwari vom Nationalen Geophysischen Institut Indiens soll demnächst im Fachblatt "Geophysical Research Letters" erscheinen. Wahrscheinlich, heißt es darin, gehe nirgendwo sonst in der Welt in einer vergleichbar großen Region ähnlich schnell das Grundwasser verloren.

mbe/dpa/AP



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.