Saurierfund in Südfrankreich Maul mit Astschere

Matheronodon fraß keine Kräuter der Provence, sondern zähe, fasrige Kost - die widerstandsfähigen Wedel archaischer Palmen. Die schnitt er mit einem selbst schärfenden Scherenapparat.

Matheronodon provincialis
Lukas Panzarin

Matheronodon provincialis

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Wenn man so will, war Matheronodon provincialis ein Südfranzose. Gefunden wurde der Holotyp - das Fossil, nach dem die Art beschrieben wurde - des neu entdeckten Dinosauriers wenige Kilometer westlich von Aix-en-Provence. Typisch für die Vertreter seiner Gruppe, denn alle bisher gefundenen Rhabdodontidae lebten einst in dieser Gegend.

Rhabdodontidae waren eine Gruppe zweibeinig laufender, relativ massiger Pflanzenfresser. Sie gehörten zu den Ornithopoda, was so viel wie "die auf Vogelfüßen liefen" bedeutet: Da versteht man doch direkt, was gemeint ist. In der Kreidezeit, glaubt man, stellten sie die Masse der Tiere, die weidend in Herden durch die Landschaften zogen.

Man stellt sich die sechs bis fünfzehn Meter langen, zwei bis fünf Tonnen schweren Ornithopoda als die "Kühe der Kreidezeit" vor. Wenn sich Künstler daran versuchen, solche Dinosaurier darzustellen, zeigen sie sie meist weidend vornübergebeugt, den Oberkörper dann zeitweilig mit vergleichsweise dünnen Ärmchen abstützend.

Gebiss wie eine Schere

Wenn das so war, stach Matheronodon provincialis wohl ein wenig aus der Masse heraus. Körperlich sehr ähnlich wie seine Verwandten gebaut unterschied er sich von ihnen wohl vor allem durch seine Fressgewohnheiten: Je zäher das Blatt, desto schmackhafter war es wohl für Matheronodon. Denn dieser Dinosaurier, so verriet seinen Entdeckern der Blick in sein Maul, war hochgradig spezialisiert auf zähe, schwer zu schneidende Pflanzennahrung - die Wedel archaischer Palmen.

Zu diesem Zweck besaß er im hinteren Teil seines Mauls ungewöhnlich große, sehr scharfe Schneidezähne von sechs Zentimeter Schneideflächenlänge und ungewöhnlicher Form. Wie sich fächerförmig zur Schnittfläche hin verbreiternde Meißel sahen die aus. Nicht glatt, sondern mit ausgeprägten Rillen.

Ein Selbstschärfungsmechanismus, vermuten die Forscher um Pascal Godefroit, die ihren Fund nun im Fachblatt "Nature Scientific Reports" vorstellten: Die "Zahnblätter" von Ober- und Unterkiefer trafen sich aneinander reibend in der Mitte - vom Prinzip her war dieses Gebiss also nichts anderes als eine Schere.

Digitale Rekonstruktion des Oberkiefers: Für die zwar breiten, aber flachen, scharfen Zähne stand wohl Nachschub bereit. Brach einer ab, wurde er ersetzt.
U. Lefèvre/ RBINS

Digitale Rekonstruktion des Oberkiefers: Für die zwar breiten, aber flachen, scharfen Zähne stand wohl Nachschub bereit. Brach einer ab, wurde er ersetzt.

Dass die Schneidezähne im hinteren Kieferapparat saßen, deutet auf besonders zähe Kost hin. Wahrscheinlich zog Matheronodon sich die Palmwedel, auf die er es abgesehen hatte, mit Hilfe eines möglicherweise mit scharfen Hornkanten versehenen Schnabels heran, knackte die Fasern dann aber wie mit einer Astschere oder Kneifzange quer im Maul liegend. Eine Anpassung, die ihm selbst in gemischter Herde laufend eine ökologische Nische gesichert haben könnte, die ihm kaum ein anderer Dinosaurier streitig gemacht hätte.

"Matherons Zahn aus der Provence"

Mit der Einordnung von Matheronodon provincialis in die Gruppe der Rhabdodontidae wächst diese nun auf bisher vier Spezies an. Die 2002 erstmals in dieser Form vorgeschlagene Gruppe ist allerdings nicht allgemein anerkannt und selbst unter ihren Befürwortern inhaltlich umstritten.

Verschiedene Forscher ordnen ihr unterschiedliche Saurier zu, und auch die Abgrenzung zu den Iguanodontidae (bekanntester Vertreter: Iguanodon) und Hadrosauridae ("Entenschnabel-Dinosaurier": z.B. Maiasaurus) sehen die einen so, die anderen so.

Herleitung des Namens Matheronodon: "Matheron" verweist auf den Paläontologen Philippe Matheron (1807-1899), den Erstentdecker von Dinosaurier-Fossilen in Südfrankreich. Das "-odon" bedeutet Zahn, "provincialis" bedeutet "aus der Provence". Den gesamten Namen könnte man also als "Matherons Zahn aus der Provence" übersetzen.



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