Saurier-Streit: Showdown um den Dino-Killer
Es ist eines der größten Rätsel der Naturgeschichte: Was rottete die Dinosaurier aus? Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob ein Meteorit den Riesenechsen den Garaus machte - oder aber Vulkane und Klimaveränderungen. Jetzt kam es zum Showdown der verfeindeten Lager.
Dutzende Wissenschaftler haben ihre ganze Karriere dem Thema gewidmet, Staaten haben Millionenbeträge investiert - alles nur, um die Antwort auf eine Frage zu finden: Warum sind die Dinosaurier und mit ihnen drei Viertel aller Lebewesen am Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren ausgestorben?
In den neunziger Jahren schien es erwiesen, dass der Einschlag eines Meteoriten den Exitus ausgelöst hat. Die sogenannte Impact-Theorie lieferte den Beweis dafür, dass die Evolution keine kontinuierliche Entwicklung sein muss, sondern von plötzlichen Katastrophen in neue Bahnen gelenkt werden kann. Diese Entdeckung inspirierte sogar Hollywood zu Filmen wie "Armageddon" und "Deep Impact". Doch vor einigen Jahren kamen Zweifel auf: Nicht ein Meteorit, sondern Vulkanausbrüche und eine Veränderung des Klimas hätten das Massenaussterben verursacht, behaupteten die Herausforderer der Lehrmeinung. Andere machten gar akuten Weibchenmangel verantwortlich.
Der Widerspruch löste eine der hitzigsten Debatten der modernen Forschung aus. Nahezu wöchentlich erschienen neue Studien. Die Kontroverse ist inzwischen derart eskaliert, dass sich Forscher in Intrigen verstricken, sich an der Auswertung ihrer Daten gehindert sehen und sogar Beweisstücke verschwinden. Diese Woche nun kam es zum Showdown der besonderen Art. Just als die Anhänger der Vulkan-Klima-Theorie auf der Jahrestagung der Geological Society of America in Philadelphia ihren Triumph verkünden wollten, präsentierten ihre Gegner eine Studie, die das genaue Gegenteil besagt: Demnach war es doch ein Geschoss aus dem All, das den Dinos und ihren Zeitgenossen zum Verhängnis wurde.
Showdown in Philadelphia
Wie konnte es dazu kommen, dass sich die Saurier-Forscher derart verkrachen? Der Streit der Wissenschaftler ist eine Geschichte, deren Wurzeln Jahrzehnte zurückreichen - und die inzwischen viele wundersame Windungen hat.
Sie begann Ende der siebziger Jahre, als Forscher um Luis und Walter Alvarez in den Ablagerungen aus der Ära des Sauriersterbens große Mengen Iridium entdeckten - ein auf der Erde seltenes Metall. In Meteoriten kommt Iridium 10.000 Mal häufiger vor. Ein klarer Hinweis auf einen Einschlag.
Anfang der neunziger Jahre fand man in Mexiko nahe der Maya-Siedlung Chicxulub den dazu passenden Krater. Sein Alter von rund 65 Millionen Jahren stimmt ausgezeichnet mit dem Massensterben am Ende der Kreidezeit überein. Ein Meteoriten-Treffer, so die Schlussfolgerung, hat den Dino-Exitus ausgelöst: Asche und Staub sollen die Erde jahrelang verdunkelt haben, mit verheerenden Folgen für das Klima.
Verschwörungstheorien um verschwundene Proben
Diese Impact-Theorie sollte sich leicht überprüfen lassen: anhand eines Bohrkerns aus dem Krater, meinten die Forscher. Er lagert im Keller des Geologischen Museums der Universität Mexiko (UNAM), zerteilt in Abschnitte von je einem Meter Länge. Der Kern "UNAM-5" enthält Sediment, das sich unmittelbar nach dem Einschlag abgelagert hat. Indes: Exakt jener Meter mit der entscheidenden Passage scheint verschwunden zu sein - was manchem Anlass zu Verschwörungstheorien gibt.
2001 wurde unter Leitung des Geoforschungszentrums Potsdam die bisher tiefste Bohrung in den Chicxulub-Krater gestoßen. Sie förderte Ablagerungen aus den vergangenen 150 Millionen Jahren zutage. Doch viele Forscher mussten monatelang auf ihre Proben warten. Dem Geologen Jan Smit von der Freien Universität Amsterdam - einem Begründer der Impact-Theorie - wurde vorgeworfen, die Verteilung verzögert zu haben. Er habe bei einer Diskussion der Ergebnisse kurz darauf bei einer Tagung in Nizza leichtes Spiel haben wollen.
Smit sieht sich seinerseits als Opfer einer Intrige. Niemand habe sich bei ihm persönlich beschwert, sondern nur in den Medien.
Streit zwischen starken Persönlichkeiten
Besonders heftig tobt der Streit zwischen Smit und Gerta Keller von der Princeton University, der Wortführerin der Impact-Gegner. Keller, die in der Schweiz aufwuchs, gilt wie Smit als durchsetzungsstarke Persönlichkeit. Doch wer gehofft hatte, die Bohrproben würden die Kontroverse schlichten, wurde enttäuscht - der Streit verschärfte sich noch.
Der Konflikt geht um jenen 85 Zentimeter langen Bereich des Bohrkerns, der direkt über dem vom Meteoriten zertrümmerten sogenannten Impact-Gestein liegt. Darin zeigt sich, was unmittelbar nach dem Meteoriten-Einschlag geschah. Die Forscher der Impact-Theorie machen dort die Ablagerungen von Tsunamis und Rutschungen aus, die nach dem Einschlag in den Krater gestürzt seien.
Keller und ihre langjährigen Mitstreiter Wolfgang Stinnesbeck von der Universität Karlsruhe und Thierry Adatte von der Universität Neuchâtel dagegen sehen oberhalb des Einschlags Spuren steter Ablagerungen aus der Dinosaurierzeit. Als Beweise führen sie Grabbauten von Würmern und Tonminerale im Sediment an, die Zeit zum Entstehen brauchen. Außerdem wollen sie unter dem Mikroskop die Schalen winziger Einzeller, sogenannter Foraminiferen, entdeckt haben.
Die Winzlinge aber sind zusammen mit den Dinosauriern ausgestorben. Sie dürften sich also nicht nach dem Einschlag oberhalb der Einschlagspuren abgelagert haben. Die geradezu ketzerische These, die Keller & Co. im Frühjahr 2004 vorstellten: Der Meteorit schlug 300.000 Jahre vor dem Ende der Kreidezeit ein- und hat deshalb mit dem Massensterben nichts zu tun.
- 1. Teil: Showdown um den Dino-Killer
- 2. Teil: Die Schlamm-Schlacht der Forscher - wie das große Graben in 300.000 Jahren Erdgeschichte den Streit vollends eskalieren ließ. Weiter...
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