Scharfes Gift Vogelspinne nutzt Chili-Trick

Giftige Vogelspinnen und scharfe Chili-Schoten greifen zur gleichen Strategie, um ihre Fressfeinde abzuwehren. Beide nutzen Proteine, die auf ähnliche Weise Schmerzen hervorrufen. Dabei wird sogar zwischen Vögeln und Säugetieren unterschieden.


Gefressen werden ist nicht schön. Im Laufe der Evolution haben Organismen deshalb verschiedenste Techniken entwickelt, um nicht verspeist zu werden. Kurioserweise verwenden Vogelspinnen und Chilis gleiche Strategien, um Feinde abzuwehren: Sie benutzen chemische Waffen, um hungrigen Säugetieren einen brennenden Schmerz zuzufügen. Das haben US-Forscher entdeckt, als sie die Wirkung eines Vogelspinnengiftes mit der des Stoffes verglichen, der Chilis ihre Schärfe verleiht.

Vogelspinne: Greift zu ähnlicher Strategie wie Chili-Schoten
S. Niederegger und S. Gorb, Max-Planck-Gesellschaft

Vogelspinne: Greift zu ähnlicher Strategie wie Chili-Schoten

Beide Substanzen docken an die gleichen Rezeptoren an, berichten Jan Siemens von der University of California und seine Kollegen in der Fachzeitschrift "Nature" (Bd. 449, S. 208). Es handele sich um jene Rezeptoren, die auch für das brennende Gefühl und die Schmerzen bei großer Hitze verantwortlich seien.

Eigentlich sind die Gifte von Spinnen, Skorpionen und Kegelschnecken bereits gut untersucht: Sie wirken auf das Nervensystem von Säugetieren, indem sie die Signalweiterleitung an den Nervenzellen blockieren und so Lähmungen, Schockzustände oder sogar den Tod verursachen. Warum diese Gifte jedoch an der Kontakt- oder Eintrittsstelle heftige, brennende Schmerzen und Entzündungen verursachen, war bislang kaum erforscht. Daher untersuchten Siemens und seine Kollegen nun das Gift der zu den Vogelspinnen gehörenden Baumspinne Psalmopoeus cambridgei, die auf den westindischen Inseln heimisch ist.

Das Spinnengift enthält drei kurze Eiweißfragmente, die den Toxinen von Kegelschnecken und anderen Spinnenarten ähneln, zeigte die Analyse. Ihre Wirkung war jedoch genau entgegengesetzt: Während die bisher analysierten Gifte Nervensignale stoppen, brachten die neu entdeckten Substanzen die Neuronen dazu, loszufeuern. Dazu dockten sie an eine Gruppe von Rezeptoren an, die für die Wahrnehmung von Hitze und Schmerz zuständig ist.

Die gleichen Rezeptoren seien auch der Angriffspunkt des Chili-Scharfmachers Capsaicin, schreiben die Forscher. Die Folgen dieser Strategie zeigten sich, als die Wissenschaftler einer Maus das Spinnengift in den Schwanz injizierten: Die Stelle schwoll an, wurde heiß und bereitete dem Tier Schmerzen - genauso, wie es zuvor schon für Capsaicin beschrieben wurde.

Allerdings docke das Vogelspinnengift an einer anderen Stelle der Rezeptoren an als das Capsaicin, schreiben Siemens und seine Kollegen. Dadurch könnten die Spinnen - im Gegensatz zu Chilis - nicht nur Säugetieren, sondern auch Vögeln Schmerzen bereiten. Das ist auch durchaus sinnvoll: Vogelspinnen haben weder ein Interesse daran, von Vögeln gefressen zu werden, noch von Säugetieren. Chilis aber verteilen ihren Samen mithilfe von Vögeln, während Säugetiere sich mit den scharfen Früchten lediglich den Magen vollschlagen.

hda/ddp



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