Schiefer Turm von Frankenhausen Auf Salz gebaut

Was ist schon der Campanile von Pisa gegen den Turm der Frankenhäuser Oberkirche? Das Bauwerk in dem thüringischen Kurort neigt sich eindrucksvoll zur Seite - zum Leidwesen der Einwohner. Es droht der Kollaps, und Rettung ist nicht in Sicht.

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Aus Bad Frankenhausen berichtet


Sie sieht so harmlos aus: Unscheinbar mäandert die Elisabethquelle durch den Park im Zentrum des Thüringer Städtchen Bad Frankenhausen, zwischen Minigolfanlage und dem stillgelegten Freibad. Und doch ist die Quelle schuld daran, dass ein 2600 Tonnen schwerer Koloss ganz in der Nähe in eine bedrohliche Schieflage geraten ist.

Denn die Solequelle laugt den Untergrund der Stadt permanent aus. An manchen Stellen ist der Boden bereits bedrohlich instabil geworden. Markantestes Symbol dafür ist der Turm der Oberkirche "Unser Lieben Frauen am Berge".

Schon Urkunden aus dem Jahr 1640 berichten von einer Schieflage des Baus. Doch mittlerweile neigt sich das 56 Meter hohe Mauerwerk immer schneller nach Nordosten. "Bei unserer letzten Messung lag die Auslenkung an der Turmspitze bei 4,44 Meter - oder anders ausgedrückt 4,8 Grad", sagt Tobias Scheffler von der Hochschule Magdeburg-Stendal. "Der Turm ist damit schiefer als der in Pisa." Der Touristenmagnet in der Toskana-Stadt neigt sich um rund 3,9 Grad nach Südwesten.

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Schiefer als Pisa: Der Turm von Bad Frankenhausen

Regelmäßig überprüft Scheffler in Zusammenarbeit mit Kollegen der TU Bergakademie Freiberg den Steinriesen. Dafür hat er ein Netz aus rund einem Dutzend Messpunkten angelegt, von denen aus er die Kirchturmspitze ins Visier nimmt. Und jedes Jahr stellen der Forscher und seine Mitarbeiter fest, dass sich der Turm um weitere Zentimeter geneigt hat. "Das ist kein gleichförmiger Prozess und hängt davon ab, was im Untergrund passiert", sagt Scheffler.

Besonders tückisch sind regenreiche Tage. Das Wasser wäscht Gips aus dem Untergrund. Doch vor allem sind unterirdische Salzlager schuld an der Schlagseite des Kirchturms. Sie stammen aus einer Zeit vor rund 250 Millionen Jahren, als in der Gegend ein Meer langsam in der Sonne verdampfte. Meterhohe Salzschichten blieben zurück. Später wurden sie von Sand, Kies und Ton bedeckt.

Vor etwa 95 Millionen Jahren hob sich dann das Kyffhäusergebirge, an dessen Rand Bad Frankenhausen liegt. An den Bruchstellen drang Wasser an die tief verborgenen Salzschichten. Die Quellen entstanden - und mit ihnen die geologischen Probleme der Region.

"Da wird es einem schlecht"

Immer wieder kommt es hier zu sogenannten Erdfällen. Dabei stürzen unterirdische Hohlräume ein, der Boden reißt auf. "Wir haben es mit einer massiven Auslaugung zu tun", sagt der Geologe Frank Rey. Er arbeitet als Sachverständiger für Baugrunderkundung und beschäftigt sich seit Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit dem schiefen Turm. Nach Reys Berechnungen befördern allein die Quellen von Bad Frankenhausen 250 Tonnen Salz aus dem Boden - und zwar pro Tag. "Da wird es einem schlecht", sagt der Geologe lakonisch.

Bärbel Köllen weiß sehr gut, was der löchrige Untergrund anrichtet. Die resolute Stadträtin leitet einen Förderverein zur Rettung der Kirche. Sie wartet am Ende einer langen Lindenallee vor dem Tor des gotischen Gotteshauses. Eigentlich darf derzeit niemand hinein. Doch heute macht Frau Köllen eine Ausnahme.

Wer durch die Kirchentür tritt, den erwartet ein ungewohnter Anblick. Man kann direkt in den wolkenlosen Himmel schauen - und auf den schiefen Turm. Der Kirche fehlt nämlich seit 1961 das Dach. Es wurde wegen Baufälligkeit abgetragen und nie ersetzt. Kunstschätze, Kanzel und Taufbecken sind längst ausgelagert. Im Kirchenschiff wächst Rasen. Früher fanden noch Konzerte und Freiluftgottesdienste unter einem blauen Metallkreuz statt. Doch das ist nicht mehr erlaubt. "Gefahrenbereich - Einsturzgefahr" steht auf einem gelben Schild direkt neben der Kirche.

"Die Zeit wird knapp", sagt Vereinschefin Köllen. Niemand weiß nämlich, wie schief der Turm stehen kann, bevor er umkippt. Theoretisch, so ist zu hören, müsste das Gebäude eine Schiefstellung von etwa sechs Metern aushalten. Zur Rettung wäre also noch Zeit. Doch was ist, wenn das Fundament schlagartig nachgibt - oder wenn das altersschwache Gemäuer einfach in sich zusammenstürzt?



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
seine_unermesslichkeit 27.04.2010
1. ...
Zitat von sysopWas ist schon der Campanile von Pisa gegen den Turm der Frankenhäuser Oberkirche? Das Bauwerk in dem thüringischen Kurort neigt sich eindrucksvoll zur Seite - zum Leidwesen der Einwohner. Es droht der Kollaps und Rettung ist nicht in Sicht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,690451,00.html
Hoffentlich hat wenigstens ein Frankenhäuser dort den Focus einer Kamera auf das Gotteshaus fixiert und lässt diese in Endlosschleife aufnehmen. Wenn mit etwas Glück das "grosse lokale Ereignis" dann noch bei Tageslicht von statten geht, wird der counter bei YouTube um so schneller klettern!
setro 27.04.2010
2. Denken in festen Mustern
Zitat von sysopWas ist schon der Campanile von Pisa gegen den Turm der Frankenhäuser Oberkirche? Das Bauwerk in dem thüringischen Kurort neigt sich eindrucksvoll zur Seite - zum Leidwesen der Einwohner. Es droht der Kollaps und Rettung ist nicht in Sicht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,690451,00.html
Das Denken in festen Mustern lässt sich bestens beobachten. Auf der einen Seite wissen sie, das die Sohle 25 m unter dem alten Kirchenbau hindurchfließt und den Untergrund noch weiter aushöhlt. Beton kommt aber aus im Artikel beschriebenen Gründen nicht in Frage, weil die 25 planschenden Rentner sonst nicht mehr kommen würden. Beides zusammen, alte Kirche dauerhaft erhalten und gleichzeitig Kurort zu sein, geht augenscheinlich nicht zusammen. Warum erwägt man nicht einfach die alte Kirche abzutragen und an sicherer Stelle wieder aufzubauen? Hundertausende Euro sind verbraten worden ohne ein sicheres Ergebnis zu erzielen. Mit Fördergeldern lässt sich eben gut aaßen. Aber soweit schreibt die Kreide wohl doch nicht, vor allem, da nun die Mittel knapp werden und es ans eigene Geld geht. Es ist doch, leider, immer wieder die selbe Leier im Umgang mit Fördergeldern. Sinnhaftigkeit spielt da oft keine Rolle. Hier bei uns wurde für mehrere Millionen eine alte, längst entweihte und schon aufgegebene und eingefallene Kirche saniert, ohne ein anschließendes Nutzungskonzept zu haben. Dieser Zustand dauert nun schon bald 5 Jahre. So richtig stört sich da aber niemand dran, war ja schließlich alles fremdes Geld. Ich fürchte, in Bad Frankenhausen muss der alte Bau erst krachend in sich zusammenfallen, damit sich die Verantwortlichen aus ihrer Denkstarre befreien können, oder anders beschrieben, befreit werden.
Scathe 27.04.2010
3. Unnötig
Zitat von setroDas Denken in festen Mustern lässt sich bestens beobachten. Auf der einen Seite wissen sie, das die Sohle 25 m unter dem alten Kirchenbau hindurchfließt und den Untergrund noch weiter aushöhlt. Beton kommt aber aus im Artikel beschriebenen Gründen nicht in Frage, weil die 25 planschenden Rentner sonst nicht mehr kommen würden. Beides zusammen, alte Kirche dauerhaft erhalten und gleichzeitig Kurort zu sein, geht augenscheinlich nicht zusammen. Warum erwägt man nicht einfach die alte Kirche abzutragen und an sicherer Stelle wieder aufzubauen? Hundertausende Euro sind verbraten worden ohne ein sicheres Ergebnis zu erzielen. Mit Fördergeldern lässt sich eben gut aaßen. Aber soweit schreibt die Kreide wohl doch nicht, vor allem, da nun die Mittel knapp werden und es ans eigene Geld geht. Es ist doch, leider, immer wieder die selbe Leier im Umgang mit Fördergeldern. Sinnhaftigkeit spielt da oft keine Rolle. Hier bei uns wurde für mehrere Millionen eine alte, längst entweihte und schon aufgegebene und eingefallene Kirche saniert, ohne ein anschließendes Nutzungskonzept zu haben. Dieser Zustand dauert nun schon bald 5 Jahre. So richtig stört sich da aber niemand dran, war ja schließlich alles fremdes Geld. Ich fürchte, in Bad Frankenhausen muss der alte Bau erst krachend in sich zusammenfallen, damit sich die Verantwortlichen aus ihrer Denkstarre befreien können, oder anders beschrieben, befreit werden.
... warum wieder aufbauen? Die sieht nun - abgesehen von der Schieflage - nicht gerade wie zu den 10 schönsten Kirchen der Welt zählend aus... Wenn Aufbau, dann bitte ohne (Nicht-Kirchen-)Steuergelder!
The Godfather 27.04.2010
4. 123
Sehr objektiv recherchiert. Das merkt man schon bei 0.07 des Filmchens. Da wird kurzerhand die Kamera mal schief gehalten, auf das sich der Turm ruckzuck noch weiter neige. Da weiß man gleich, daß man der Presse ruhig alles glauben darf. *kopfschüttel*
Klo, 27.04.2010
5. Abriss jetzt.
Zitat von Scathe... warum wieder aufbauen? Die sieht nun - abgesehen von der Schieflage - nicht gerade wie zu den 10 schönsten Kirchen der Welt zählend aus... Wenn Aufbau, dann bitte ohne (Nicht-Kirchen-)Steuergelder!
Diese Kirche wird nicht mehr gebraucht. Man kann sie also problemlos abreißen. Schließlich ist sie dort ein Sicherheitsrisiko.
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