Kognitive Fähigkeiten Schimpansen haben das Zeug zum Kochen

Schimpansen lieben Gekochtes - und nutzen gezielt eine Art Herd, um es zu bekommen. Versuche zeigen, dass wahrscheinlich auch der Mensch früh das Feuer einsetzte, um Nahrung zuzubereiten.

Schimpanse mit Äpfeln: Die Tiere nutzen gezielt eine Art Herd, um gekochte Nahrung zu bekommen
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Schimpanse mit Äpfeln: Die Tiere nutzen gezielt eine Art Herd, um gekochte Nahrung zu bekommen


Geduld, Selbstbeherrschung und Motivation: Ähnlich wie der Mensch besitzen Schimpansen die elementaren kognitiven Fähigkeiten, die für das Kochen von Nahrung notwendig sind. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Forscher nach mehreren Experimenten mit den Menschenaffen.

Während der Versuche saßen die Schimpansen dem Versuchsleiter an einem Tisch gegenüber. Durch Zeigen oder Berührung konnten sie deutlich machen, was sie wollen. In den ersten Experimenten fanden so Felix Warneken von der Harvard University und seine Kollegin Alexandra Rosati vom Department of Psychology der Yale University heraus, dass die Tiere lieber gekochte als rohe Süßkartoffeln fressen.

Dies war auch dann der Fall, wenn die Schimpansen auf die gekochte Nahrung warten mussten und vor die Wahl gestellt wurden: Ein Stückchen rohe Süßkartoffel sofort - oder lieber gekochte Stückchen etwas später?

Zauberbox als Herdattrappe

In weiteren Versuchen arbeiteten die Wissenschaftler mit einer Art Herd und einer Kontroll-Box. Bekamen die Schimpansen ein Stück rohe Süßkartoffel oder Möhre und zeigten auf den "Herd", legte der Versuchsleiter das Essen dort hinein und schüttelte das Behältnis zehn Mal. Heraus kam ein gekochtes Stück Süßkartoffel oder Möhre. Der Trick dabei war ein doppelter Boden, in dem zuvor ein gekochtes Stück versteckt worden war.

Das schmeckt: Affen sind bereit, auf ihr Futter zu warten
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Das schmeckt: Affen sind bereit, auf ihr Futter zu warten

Das Ergebnis: Die meisten Schimpansen entschieden, ihre Nahrung in der Herdattrappe zubereiten zu lassen, anstatt sie sofort zu essen oder in die Kontroll-Box zu legen, in der sie nicht "gekocht" wurden, berichten die Forscher in den "Proceedings of the Royal Society B".

Einige Affen waren sogar bereit, ihre Nahrungsmittel in das vorgebliche Kochgerät zu tragen, wenn es in der anderen Ecke des Raumes stand. Ein paar von ihnen warteten bis zu drei Minuten, bis ein Versuchsleiter die Box in den Raum brachte - statt dem Drang, das Futter zu fressen, sofort nachzugeben.

Weitere Experimente zeigten, dass die meisten Schimpansen verstanden, dass nur rohe Lebensmittel in der Box verwandelt wurden, nicht jedoch eine bereits gekochte Süßkartoffel oder ein Stück Holz.

Der erste Koch

Das Fazit der Forscher: Die Tiere lieben Gekochtes und nutzen gezielt eine Art Herd, um es zu bekommen. Insgesamt zeigten die Ergebnisse der Tests, dass Schimpansen viele der für das Kochen notwendigen Fähigkeiten mit uns teilen, so Warneken und Rosati.

Die Tatsache, dass die Tiere nur sehr wenig Zeit hatten, sich den neuen Weg der Essens-Verarbeitung zu erschließen, und dies dennoch erfolgreich meisterten, weise darauf hin, dass das Kochen in der menschlichen Evolution früh auftrat.

Der Übergang zur Ernährung mit gekochtem Essen war ein Meilenstein in der Entwicklung des Menschen. Verglichen mit Früchten, Blättern und rohem Fleisch kann der Mensch mit gekochten Nahrungsmitteln deutlich mehr Energie aufnehmen. Forscher vermuten, dass dieser Nahrungswechsel eine wichtige Voraussetzung dafür war, größere Gehirne zu entwickeln - denn Hirngewebe benötigt extrem viel Energie.

Allerdings sind viele Detail-Fragen noch offen: Wie lange wurde das Feuer vom Menschen vor allem für Wärme und Licht genutzt - und ab wann auch für die Zubereitung von Speisen? Führte die Kontrolle des Feuers schnell zum Kochen oder fand dies verzögert statt?

Denkbar sei auch, dass Menschen vor der Kontrolle über das Feuer natürlich vorkommende Feuerstätten zum Bereiten von Speisen genutzt haben könnten, schließen die Forscher aus ihrer aktuellen Studie. Von Schimpansen sei zum Beispiel bekannt, dass sie nach Bränden gern geröstete Samen in dem Gebiet sammeln.

jme/dpa

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insgesamt 33 Beiträge
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NewHuman 03.06.2015
1. Am Anfang war der Genuss
Was hier nicht bedacht wurde, ist die sensorische Erfahrung: Offensichtlich schmecken Schimpansen gekochte Möhren und Kartoffeln besser als rohe. Möglicherweise lässt die weichere Konsistenz auch eine vorteilhafte schnellere Nahrungsaufnahme/-verarbeitung zu oder gekochte Speisen sind für Magen und Darm schonender/verträglicher. Ohne diese Faktoren wären die Schimpansen gar nicht motiviert, gekochte Nahrung gegenüber roher Nahrung zu bevorzugen - ohne sinnlich vermittelte Vorteile würde ihnen (und dem Menschen) die Motivation dazu fehlen.
testi 03.06.2015
2. Spannend
Sollen die Forscher den Affen mal eine Mikrowelle hinstellen und zeigen wie sie funktioniert. Könnte mir gut vorstellen, dass es nicht lange dauert und sie begiffen haben wie sie das Ding bedienen können
wauz 03.06.2015
3. Andersum wird ein Schuh draus
Bislang hat man immer angenommen, der Mensch oder seine Vorfahrenhabe das Feuer zuerst zum Wärmen benutzt. Aber genau genommen ist das nicht wahrscheinlich. Die menschen konnten in ihren angestammten Revieren auch ohne Heizung überleben, sonst wären sie ja schon vor der Nutzung des Feuers eingegangen. Wenn man darüber nachdenkt, welche Vorteile das Kochen bietet, ist es doch viel wahrscheinlicher, dass das Feuer zuerst zum Kochen verwendet wurde und die Heizung dann der Nebeneffekt war, der zum Tragen kam, als die Menschen dann Gebiete eroberten, in denen man ohne gekochte (energiereiche) Nahrung und Heizung nicht überleben konnte. Nahrung zuzubereiten hat einen enormen Vorteil: zunächst muss man weniger sammeln, um die gleiche Energieration zu bekommen (Verfügbarkeit) und zweiten weniger Zeit aufwenden, weil die gekochte Nahrung schneller dem Körper als Energie zur Verfügung stand. Wenn man mal mit den heutigen Gorillas vergleicht, die in eher kühlen Gebieten leben, dann begreift man das. Denn die sind den ganzen Tag mit Essen und Verdauen beschäftigt.
GSYBE 03.06.2015
4. 2 Meldungen
" Steigende IQ-Werte Warum die Menschheit immer schlauer wird" und "Kognitive Fähigkeiten: Schimpansen haben das Zeug zum Kochen" werfen doch eine Frage auf: warum sollte das bei den Tieren denn anders sein? Vielleicht gibt es hier den einen oder anderen Foristen, der hierzu etwas interessantes beitragen kann. Ich habe hierzu keinerlei wissenschaftliche Vorraussetzungen, aber es erscheint mir nur logisch, dass sich die Tierwelt auch weiter entwickelt und lernt.
Jominator 03.06.2015
5. @ wauz:
Warum sollte gekochte Nahrung mehr Energie besitzen als Rohe? Wasser beinhaltet schließlich keine Energie. Und Gorillas essen den ganzen Tag weil deren pflanzliche Nahrung nur wenig Energie bereitstellt. Ähnlich wie bei Kühen. Mit dem Weglassen von kochen hat das nichts zu tun.
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