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Mitgefühl bei Schimpansen: Gähn!

Müde Schimpansen (Archivbild): Empathie mit anderen Arten keine ausschließlich menschliche Eigenschaft Zur Großansicht
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Müde Schimpansen (Archivbild): Empathie mit anderen Arten keine ausschließlich menschliche Eigenschaft

Gähnen ist ansteckend - nicht nur unter Menschen, sondern auch bei Affen oder Hunden. Schimpansen zeigen besondere Empathie: Sie lassen sich sogar von Menschen animieren.

Lawrenceville - Sie kennen das: Der Kollege kommt im Meeting partout nicht zum Punkt. Da fängt die Kollegin aus der Verwaltung an zu gähnen - und Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als fleißig mitzumachen. Denn Gähnen ist ansteckend - gerade bei großer sozialer Nähe. Sogar Babys gähnen schon im Mutterleib. Nun zeigen Experimente: Auch Schimpansen lassen sich zum Gähnen animieren.

Das Gähnen springt allerdings nicht von fremden Artgenossen oder gar anderen Primaten über - sondern nur von Tieren aus der gleichen sozialen Gruppe. Und von Menschen. Das berichten zwei US-Forscher von der Emory University in Lawrenceville (US-Bundesstaat Georgia) im Fachjournal "Proceedings of the Royal Society B". Sie vermuten, dass positive Erfahrungen mit einer fremden Art die Voraussetzung für solch ein empathisches Empfinden ist.

Ansteckendes Gähnen ist für Wissenschaftler ein Mittel, um das Ausmaß der Empathie bei Menschen oder anderen Tieren zu testen. Dass Menschen Hunde zum Gähnen verleiten können, ist bekannt.

Der Verhaltensforscher Frans de Waal und sein Kollege Matthew Campbell hatten bereits vor einigen Jahren auch gezeigt, dass Schimpansen sich vom Gähnen anderer Schimpansen anstecken lassen - allerdings nur, wenn diese zu ihrer sozialen Gruppe gehören. Nun wollten die Forscher herausfinden, inwieweit Angehörige anderer Arten empathisches Verhalten bei Schimpansen hervorrufen.

Videos aus Nordrhein-Westfalen

Sie spielten dazu 19 Schimpansen eine Reihe von Gähn-Videos vor, auf denen Menschen und Blutbrustpaviane zu sehen waren. Einige der Menschen waren den Schimpansen seit mindestens einem Jahr bekannt, andere hatten sie noch nie zuvor gesehen. Die Blutbrustpaviane auf den Videos leben übrigens im Zoo der nordrhein-westfälischen Stadt Rheine. Mit diesen - oder anderen Vertretern dieser Art - hatten die Schimpansen keinen Kontakt gehabt.

Ergebnis: Schimpansen lassen sich sowohl von vertrauten als auch von unbekannten Menschen zum Gähnen animieren. Auf Blutbrustpaviane hingegen reagierten die Schimpansen nicht. Die Schimpansen müssen nicht jedes einzelne Individuum kennen, um mit ihm mitzuempfinden, folgern die Forscher. Aber es muss zu einer Art gehören, zu der sie in der Vergangenheit positive soziale Beziehungen hatten.

In diesem Sinne lässt sich nach Ansicht der Forscher auch ihre ältere Studie interpretieren, die gezeigt hatte, das fremde Schimpansen von den Versuchstieren zwar intensiv beobachtet werden, diese aber kein Mitgähnen auslösen. In freier Natur begegneten sich fremde Schimpansen feindselig, und diese Feindseligkeit stehe dem empathischen Empfinden entgegen.

Die Blutbrustpaviane würden nicht als feindlich betrachtet, sie seien sozial schlicht bedeutungslos, vermuten die Forscher. Ihre Untersuchung zeige, dass Empathie mit anderen Arten keine ausschließlich menschliche Eigenschaft sei.

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chs/dpa

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joachim_m. 12.03.2014
"Ihre Untersuchung zeige, dass Empathie mit anderen Arten keine ausschließlich menschliche Eigenschaft sei." Hört sich fast so an, als wenn es das erste Mal wäre, dass dies festgestellt wird; zwar nicht mit Gähnen aber aus vielen Beobachtungen heraus ist es schon länger bekannt, dass einige Tierarten zur Empathie mit anderen Arten fähig sind. So wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, von de Waal beobachtet, dass Schimpansen oder Bonobos, das weiß ich jetzt aus der Erinnerung nicht so genau, Vögel halfen, die in ihrem Gehege verunglückt waren. Und ich denke, dass dies gerade bei Schimpansen und Bonobos nicht besonders verwunderlich ist: Wir haben gerade einmal vor 6,5 Mio Jahren bei relativ langsamer Generationenfolge die gleichen Vorfahren, so gut wie alle Gene sind identisch, und das sich der Mensch wesentlich von Tieren unterscheidet ist ein religiöser Mythos, es gibt zwar Unterschiede zwischen den verschiedenen Spezies, zweifellos, aber die sind je kleiner je näher die Arten miteinander verwandt sind. Wieso sollte da bei Mensch und Schimpansen/Bonobos eine wesentliche Ausnahme bestehen? Und zudem: Die Emotionen sind eine sehr alte Schicht in der Evolution und Empathie ist eindeutig erst einmal eine Emotion. Natürlich gibt es Unterschiede, die in der Wirkung sogar große Effekte zeigen, bspw. die menschliche Sprache, die von den Möglichkeiten her einen Quantensprung bedeutet, aber dies ist nur die Wirkung, die Ursache ist ein relativ kleiner Unterschied im Gehirnaufbau und in der Anatomie, letztlich im Genom. Das ist wie mit den Waffen aus dem I. Weltkrieg: Der technische Unterschied zwischen einem normalen Sturmgewehr aus der Zeit zu einem MG ist technisch gesehen relativ gering, aber von der Wirkung her gesehen unterscheiden sie sich wie Tag und Nacht; ein MG kann schließlich über 50 Soldaten mit Gewehren ersetzen, wenn es darum geht, eine Stellung zu halten. Aber deshalb ist das MG von seiner Bauart her doch jetzt nicht der große Quantensprung in der Waffentechnik, es ist einfach nur von der Wirkung her viel effektiver. Insoweit sollte man vielleicht in der Forschung einmal viel mehr das Augenmerk darauf richten, wirklich Neues zu erforschen, statt bestehende Kenntnisse auf immer neuem Wege zu bestätigen. Wem hilft das, wenn man weiß, dass es jetzt statt sagen wir einmal 10 Beweise nunmehr 11 gibt? Bewiesen ist bewiesen: Fertig! Man kann etwas allenfalls grammatikalisch, also im sprachlichen Ausdruck, etwas noch mehr beweisen aber nicht tatsächlich.
2. Theoretiker
kai404a 12.03.2014
Als Katzenfreund bzw. -mitbewohner kann ich über diese Neuigkeit nur gähnen, und meine Katze, angesteckt, gähnt mit (sehr sehr oft jedenfalls).
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