Neue Sprache Schimpansen lernen "affenschottisch"

Schimpansen nutzen Laute, um Artgenossen auf Leckereien hinzuweisen. Dafür lernen sie sogar fremde Sprachen. Wie es klingt, wenn ein holländischer Schimpanse in Schottland nach Äpfeln ruft, hören Sie hier. (Bitte Ton anschalten)

Jamie Norris

Was bedeutet Apfel in Schimpansensprache? Das kommt ganz auf den Ort an, an dem der Affe lebt, berichten Forscher im Fachmagazin "Current Biology". Sie haben untersucht, wie sich die Lautsprache unserer nahen Verwandten nach einem Umzug in eine fremde Affengruppe verändert.

Je nach Leckerei, die sie entdecken, stoßen Schimpansen unterschiedliche Laute aus. Bislang gingen Forscher davon aus, dass der Klang der Rufe vom Geschmack der Affen abhängt: Je begeisterter und aufgeregter ein Schimpanse von einem Nahrungsmittel ist, desto schriller der Schrei. Nun aber zeigt sich, dass die Primaten gezielt kommunizieren und sogar fremde Affensprachen lernen können.

Neue Lautsprache nach Umzug

Zwischen 2010 und 2013 haben Katie Slocombe von der University of York und Kollegen die Apfel-Rufe von 13 Schimpansen im Zoo von Edinburgh untersucht. Sieben von ihnen waren zuvor aus einem Safari-Park in den Niederlanden nach Schottland gezogen. Bevor die Affenbanden zusammengelegt wurden, stießen die Schimpansen aus den Niederlanden schrille Laute aus, wenn sie Äpfel entdeckten. Die Affen aus Edinburgh gaben tiefere Grunzer von sich.

Nach drei Jahren Zusammenleben sah das deutlich anders aus. Die niederländischen Schimpansen hatten den Klang ihrer Rufe an den der schottischen Affenlaute angepasst. Nun wiesen sie in deutlich tieferen Tönen auf eine Apfellieferung hin. An ihrer Vorliebe für Äpfel hatte sich dabei nichts geändert. Man könnte sagen, die Affen aus den Niederlanden hatten schimpansenschottisch gelernt, wenn auch mit leichtem Akzent.

"Es ist sehr leicht zu hören, wie unterschiedlich die Gruppen 2010 nach Äpfeln riefen und wie die niederländischen Individuen ihre Rufe bis 2013 angepasst haben", erklärt Stuart Watson, ebenfalls von der Universität of York.

Ohne Integration keine neue Sprache

Motiviert, die neue Lautsprache zu lernen, hatte die Affen offenbar der Zusammenhalt der Gruppe. Im ersten Jahr nach der Zusammenführung der Affenbanden behielten die Niederländer ihre schrillen Schreie noch bei. Erst als sie 2013 vollständig integriert waren, passten sie die Apfelrufe an die neue Heimat an.

"Es wäre interessant herauszufinden, warum die Schimpansen mehr wie ihre Artgenossen klingen wollen", sagt Simon Townsend von der Universität Zürich, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. "Wollen sie besser verstanden werden? Oder einfach nur ihren Freunden ähnlich sein?"

Auch, warum die Schimpansen aus den Niederlanden die Laute ihrer schottischen Artgenossen übernommen haben und nicht umgekehrt, ist unklar. Die Forscher vermuten, dass Schimpansen grundsätzlich die Rufe der einheimischen Gruppe nachahmen. Von anderen Affenarten sei bereits bekannt, dass sie sich an fremde Gewohnheiten anpassen, wenn sie in freier Wildbahn die Gruppe wechseln, argumentieren sie. Möglich wäre aber auch, dass die Herkunft des Alphamännchens den Ton vorgibt.

Dass sich Schimpansen gezielt ausdrücken können, zeige, dass ihre Rufe menschlichen Bezeichnungen für Dinge sehr ähnlich sind, schreiben die Forscher. Bislang wurde das scheinbar durch Aufregung gesteuerte Rufen als wichtiger Unterschied zum menschlichen Sprachgebrauch gesehen. Nun verdichten sich die Hinweise, dass auch unsere nahen Verwandten die grundlegenden Fähigkeiten zur Entwicklung von Sprache besitzen.

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jme



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