Schimpansen Nahe Geschwister bleiben kleiner

Schimpansennachwuchs, der kurz hintereinander geboren wird, bleibt kleiner als Geschwister, die weiter auseinanderliegen. Und Nachkommen älterer Mütter sind größer.

Schimpansenfamilie
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Schimpansenfamilie


Schimpansenkinder wachsen weniger, wenn sie schnell nach der eigenen Geburt ein Geschwisterchen bekommen. Dieser Effekt bleibt bis ins Erwachsenenalter erhalten, berichten Wissenschaftler im Magazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" ("PNAS").

Ist es besser, mehr Nachwuchs zu bekommen oder mehr in einige wenige Junge zu investieren? Die Frage untersuchten die Forscher um Melissa Emery Thompson von der University of New Mexico (Albuquerque/US-Staat New Mexico) in einer Population frei lebender Schimpansen (Pan troglodytes schweinfurthii) im Kibale Nationalpark in Uganda.

Die 50 bis 60 dort lebenden Tiere werden seit 1987 kontinuierlich beobachtet. Die Forscher bestimmten die Größe des Nachwuchses indirekt über den Creatinin-Gehalt in Urinproben der Tiere. Sie werteten mehr als 4800 Proben von 25 Jungtieren zwischen vier und fast 15 Jahren aus.

Unsichere Versorgungslage

Dabei stellten sie fest, dass weibliche und männliche Jungtiere kleiner waren, wenn ihre Mutter nach ihrer Geburt relativ schnell erneut Nachwuchs bekam. Der Abstand zur Geburt eines älteren Geschwisters beeinflusste die Körpergröße des Nachwuchs hingegen nicht.

Schimpansen beginnen etwa ab dem sechsten Monat, feste Nahrung zu sich zu nehmen, werden in der Regel aber erst mit vier bis fünf Jahren vollständig abgestillt. In der Studie bekamen die Mütter allerdings meist schon nach weniger als vier Jahren ein erneutes Junges.

Vermutlich stellten die Mütter die Versorgung des einen Jungtieres ein, um in das nächste zu investieren, erklären die Forscher den beobachteten Zusammenhang. Das stelle auch die Annahme in Frage, dass das Stillen den Abstand zwischen den Geburten reguliert.

Der Evolutionsbiologe David Haig berichtete 2014 im Fachblatt "Evolution, Medicine, and Public Health", dass regelmäßiges Stillen in der Nacht den Eisprung und die Geburt eines Geschwisters verhindere. Das Neugeborene schütze sich mit der nächtlichen Forderung nach Milch vor Konkurrenz und sichere sein eigenes Überleben. Diese Theorie ist unter Fachleuten aber umstritten.

Es gebe vermutlich bedeutende, entgegengesetzt wirkende Einflüsse. Das langsamere Wachstum der älteren Nachkommen sei als Anpassung an die unsichere Versorgungslage zu sehen: Da größere Körper mehr Nahrungsenergie brauchten, schützten kleinere Körper vor dem Verhungern.

Nachkommen älterer Mütter tendenziell größer

Eine Überraschung gab es: Kinder älterer Mütter aber waren nicht etwa kleiner, weil die mütterlichen Versorgungskapazitäten mit dem Alter abnahmen. Stattdessen waren die Nachkommen älterer Mütter tendenziell größer, weil der Abstand zwischen den Geburten mit zunehmendem Alter länger wurde.

Ob es einen ähnlichen Zusammenhang auch beim Menschen gibt, ist unklar. Grundsätzlich investieren Menschen viel in ihren Nachwuchs, aber die Zahl der Nachkommen sei besonders variabel.

Ungewöhnlich sei, dass Menschen ihre Kinder schnell entwöhnten, aber noch jahrelang versorgten. Außerdem würden Mütter und die Nachkommen von Vätern, Großeltern oder anderen Mitgliedern im sozialen Umfeld unterstützt, was die Untersuchung der biologischen Einflüsse erschwere.

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Von Anja Garms, dpa/boj

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Knossos 28.06.2016
1. Unwissenschaftlich
wäre ein Vergleich zum nicht indigenen Menschen schon von daher, weil dieser nicht natürlich lebt. Allein schon dessen Phase des Stillens ist unnatürlich verkürzt. Sie dürfte natürlicher Weise in ungefähr jener der Schimpansen gleichen. Unter Naturvölkern ist das Stillen bis zum 7. Lebensjahr nichts Ungewöhnliches.
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