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Fairness: Ungerechtigkeit lässt Schimpansen kalt

Ungerechtigkeiten können viele Menschen nicht ertragen: Sie greifen ein, wenn jemand einen anderen benachteiligt. Schimpansen verhalten sich anders, wie Experimente zeigen.

Schimpanse im Taronga Zoo, Sydney: Hauptsache, selbst was zu essen Zur Großansicht
AFP

Schimpanse im Taronga Zoo, Sydney: Hauptsache, selbst was zu essen

Leipzig - Wenn Schimpansen von einem Artgenossen bestohlen werden, wehren sie sich und bestrafen den Missetäter. Werden andere aus ihrer Gruppe beklaut, ist ihnen das jedoch ziemlich egal. Das fanden Forscher vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie bei Experimenten mit Zootieren heraus.

Bei Streit unter Gruppenmitgliedern treten Schimpansen in der Regel als Schlichter auf. Das Leipziger Forscherteam wollte in seiner Studie herausfinden, ob sie auch dann einschreiten, wenn andere soziale Regeln gebrochen werden - also untersuchten sie den Gerechtigkeitssinn der Tiere bei Diebstahl.

Bei den Experimenten, die im Leipziger Zoo stattfanden, gaben die Wissenschaftler zunächst einem Schimpansen die Chance, einem anderen das Futter zu stibitzen. "Nachdem der Diebstahl passiert war, gab es die Möglichkeit, dem Dieb das Futter wieder zu entwenden, ohne - und das ist der Kernpunkt - eine Belohnung dafür zu erhalten", erläutert die federführende Autorin der Studie, Katrin Riedl. Bei den Beobachtungen stellte sich heraus, dass es den Tieren gleich war, wenn andere bestohlen wurden - unabhängig davon, in welcher Beziehung sie zu den Artgenossen standen.

"Wir sind an der Untersuchung natürlicher Verhaltensweisen interessiert. Insofern haben wir die Tiere nicht zu etwas bringen müssen im Sinne eines Trainings", betont Riedl. Die Ergebnisse haben die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht.

Nach Angaben der Wissenschaftler hat sich die Bestrafung Dritter als Durchsetzungsmaßnahme erst im Laufe der Evolution zum Menschen entwickelt. Diese Eigenschaft halte das soziale Zusammenleben der Menschen aufrecht. "Wenn es keine Möglichkeiten der Sanktionierung gäbe, würde in einer Gruppe kooperierender Individuen die Zusammenarbeit nachlassen, sobald sich nur wenige Individuen rein eigennützig verhalten", erklärt Riedl.

Erst vor zwei Wochen ist eine weitere Studie erschienen, die sich ebenfalls um die Frage drehte, ob Schimpansen und Bonobos einen Sinn für Fairness haben. Auch hier war das Ergebnis: Unter den Primaten scheint der Mensch der einzige mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit zu sein.

mbe/dpa

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Evolution
Die Veränderung des Erbguts und damit des Phänotyps von Individuen von Generation zu Generation.
Population
Eine Gruppe von Organismen einer Art oder auch verschiedener Arten (Mischpopulation) an einer bestimmten Örtlichkeit.
Phänotyp
Das Erscheinungsbild eines Individuums ist die Gesamtheit der durch die Erbanlagen (Genotyp) und die Einflüsse der Umwelt sich ausprägenden Merkmale eines Lebewesens.
genetische Variabilität
Die einzelnen Individuen einer Art besitzen genetische Unterschiede.
natürliche Selektion
Das Erbgut von Individuen einer Art wird nicht mit gleicher Wahrscheinlichkeit weiter gegeben. Manche Individuen einer Population vermehren sich stärker als andere - je nachdem wie überlebenstüchtig sie in einer bestimmten Umwelt sind. Selektionsfaktoren der Umwelt üben eine natürliche Selektion aus.
sexuelle Selektion
Ein Individuum bevorzugt bei seiner Partnerwahl bestimmte Merkmale. Dadurch haben nicht alle potentiellen Sexualpartner die gleichen Chancen zur Fortpflanzung, es findet somit eine Selektion statt. Die Erbanlagen, die die Merkmale hervorbringen, die fr die Partnerwahl entscheidend waren, werden dadurch weiter gegeben.
künstliche Selektion
Vom Mensch gewünschte Eigenschaften werden durch Selektion und Zucht einzelner Individuen gezielt vermehrt.
genetische Drift
Auch Gendrift genannt. Vorgang bei der Evolution, der zu einer Veränderung im Genbestand kleiner Teilpopulationen gegenüber der Ausgangspopulation führt. Je kleiner eine Population ist, umso leichter kann der Zufall eine vom allgemeinen Durchschnitt abweichende Kombination von Genen zusammenführen. Gelangen beispielsweise nur wenige Individuen einer Art in ein isoliertes Gebiet (Insel, abgeschnittenes Gebirgstal), so können sich nun von ihrem Selektionswert unabhängige Mutationen aufgrund des Zufalls durchsetzen oder verlorengehen. Dies kann zu Formen führen, die in einzelnen Merkmalen nicht angepasst sind (beispielsweise auffällige Färbung, die sie als Beutetiere mehr gefährdet). Der Wirkungsgrad der Gendrift kann durch die mathematische Statistik erfasst werden.


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