Schlachtfest Kanada eröffnet die Robbenjagd

In der Arktis hat die Robben-Jagdsaison begonnen. Nach anfänglichem Zögern hat Kanadas Regierung das Gemetzel eröffnet - obwohl in diesem Jahr schon viele Tausend Robbenjunge dem rekordverdächtigen Eismangel zum Opfer gefallen sind.


Die Bilder gehen jedes Jahr aufs Neue um die Welt - und lösen insbesondere in Europa scharfe Proteste aus: Hunderttausende Robbenjunge werden in der Arktis brutal abgeschlachtet. In diesem Jahr sind die Tiere in einer besonders prekären Lage: Das Meereis, das die Robben zur Aufzucht ihrer Jungen brauchen, ist auf einen rekordverdächtigen Tiefstand zurückgegangen. Das kanadische Department of Fisheries and Oceans (DFO) hat die Eröffnung der Jagdsaison zunächst verschoben, um sich ein genaueres Bild von den Folgen der Eisarmut für die Robben zu machen.

Offenbar waren die Beamten nicht sonderlich beeindruckt: Die Behörde hat die Fangquote lediglich gesenkt - von 335.000 Tieren im vergangenen Jahr auf 270.000 in dieser Saison. Am heutigen Montag wurde die Jagd freigegeben. Aktivisten des International Fund for Animal Welfare (IFAW), die in der Arktis die Jagd beobachten, haben die ersten Jägertrupps gemeldet.

Experten bezweifeln, ob die Senkung der Fangquote ausreicht, um die Bestände stabil zu halten. Wissenschaftler, auch solche in Diensten der kanadischen Regierung, haben in den vergangenen Wochen den dramatischen Rückgang des Meereises bestätigt. Im Sankt-Lorenz-Golf, der weltgrößten Flussmündung, sei praktisch keine geschlossene Eisdecke vorhanden. Robben brauchen feste Schollen, damit die Neugeborenen gesäugt werden können, bis sie ihr weißes Fell abgelegt haben und sich ins kalte Wasser wagen können.

Regierungsexperte: Mindestens 100.000 Robben ertrunken

DFO-Wissenschaftler Mike Hamill sagte kanadischen Zeitungen, dass die Regierung mit einem starken Rückgang des Meereeises gerechnet habe. "Wir haben das in unseren Modellrechnungen berücksichtigt." Wie viele Robbenjunge durch das Eis gebrochen und ertrunken sind, sei noch unklar. "In unserem Modell sind wir davon ausgegangen, dass wir 100.000 Jungtiere aufgrund der Eisverhältnisse verlieren ", sagte Hamill. "Ich glaube, dass die wirklichen Zahlen höher liegen, ich weiß aber nicht, wie viel höher."

Tierschützer halten die bloße Senkung der Fangquote für nicht ausreichend und fordern, die Robbenjagd gänzlich einzustellen. Schon 2006 hätten Wissenschaftler, darunter Mitarbeiter der kanadischen Fischereibehörde, eine Obergrenze von 260.000 getöteten Robben gefordert, sagte IFAW-Meeresbiologe Ralf Sonntag. Die Regierung hat jedoch ein Limit von 335.000 festgelegt.

"Eine Reduzierung der Bestände ist von der kanadischen Regierung durchaus gewollt", sagte Sonntag im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Befürworter der Jagd behaupteten, dass die Robben zu viele Fische fressen. "Dieses Argument wird auch von Walfängern immer wieder vorgebracht, konnte aber trotz aller Versuche nie wissenschaftlich bewiesen werden." Dabei werde auch gern unterschlagen, dass die Robben unter anderem die Fressfeinde von Speisefischen jagen - und damit bestimmte Fischarten schützen.

Gehäutet und auf dem Eis zurückgelassen

Die Regierung in Ottawa schätzt die derzeitige Robbenpopulation auf 5,5 Millionen Tiere, die meisten davon Sattelrobben. 2004 habe es noch 5,8 Millionen Exemplare gegeben. Wie die britische Zeitung "The Independent" berichtet, würden kanadische Regierungsmitarbeiter die Robbenbestände erst dann als ernsthaft gefährdet ansehen, wenn sie unter 1,8 Millionen Tiere rutschten.

Abgesehen von der Debatte über Robbenbestände und das ökologische Gleichgewicht hat die brutale Jagd auf die Tiere auch eine moralische Komponente. Denn für den Verzehr sind die allerwenigsten der erlegten Robben bestimmt. Meist werden sie von den Jägern noch auf dem Eis gehäutet, die Kadaver bleiben liegen. "In einigen Tagen wird das unberührte Eis in ein Freiluft-Schlachthaus verwandelt", schreibt Rebecca Aldworth von der Humane Society in ihrem Weblog über die Robbenjagd in der Arktis. "270.000 Robben werden brutal erschlagen und erschossen, um zu Modeaccessoires verarbeitet zu werden."

Moralische Empörung aber, das haben die Tierschützer inzwischen erkannt, hilft allein nicht weiter. "Das einzige wirkungsvolle Instrument", sagt IFAW-Biologe Sonntag, "sind Handelsverbote gegen alle Robbenprodukte."

mbe



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