Schmallenberg-Virus Neue Tierseuche breitet sich rasant aus

Den Bauern bietet sich ein grausames Bild: Schafe bringen ihre Lämmer tot oder schwer entstellt zur Welt, manche Höfe haben jedes dritte Neugeborene verloren. Ursache ist eine neue Tierseuche, deren Ausmaß erst langsam bekannt wird - und die immer mehr europäische Länder betrifft.

Deformierter Schaffötus im Landeslabor Berlin-Brandenburg: Tausende Höfe betroffen
dapd

Deformierter Schaffötus im Landeslabor Berlin-Brandenburg: Tausende Höfe betroffen


Hamburg - Wer nach Schmallenberg fährt, möchte sich erholen. Auf seiner Internetseite wirbt die Stadt im Sauerland für Wanderurlaube und Wintersport. Nun erreicht sie jedoch eine zweifelhafte Bekanntheit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Ursache ist eine Tierseuche, von der mittlerweile rund tausend Höfe betroffen sind.

Zuerst Rinder, später aber auch Schafe und Ziegen litten zunehmend unter einer rätselhaften Krankheit, Fehlgeburten häuften sich, viele Tiere brachten missgebildete und tote Junge zur Welt. Schließlich entdeckten Forscher des deutschen Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) einen bis dahin unbekannten Erreger. Die Proben dafür stammten von drei Rindern eines Hofes nahe Schmallenberg, sie tauften ihn Schmallenberg-Virus. Ein Virus, der die Existenz vieler Viehwirte bedrohen könnte.

Volle Auswirkungen noch nicht absehbar

Während erwachsene Tiere bei einer Ansteckung wenn überhaupt nur milde Symptome wie kurzzeitiges Fieber davontragen, kann das Virus bei trächtigen Rindern, Schafen und Ziegen auf die Föten übergehen und sie stark schädigen. Den Muttertieren ist äußerlich nichts anzumerken, bei den Geburten zeigt sich den Bauern jedoch häufig ein schlimmes Bild: Betroffene Lämmer und Kälber kommen zum Teil viel zu früh und tot, zum Teil aber auch mit erheblichen Missbildungen zur Welt. Ihr Gehirn und ihr Rückenmark sind stark angegriffen, die Gelenke versteift.

Seit Anfang Februar sind die Fälle des Schmallenberg-Virus in Deutschland meldepflichtig. Zwar gibt es dafür noch keinen offiziellen Beschluss - der Bundesrat wird erst Ende März über eine Änderung der Verordnung für meldepflichtige Tierkrankheiten entscheiden. Bund und Länder haben jedoch beschlossen, dass alle Fälle schon jetzt bekanntgegeben werden müssen, berichtet das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Verwaltet werden die Meldungen vom Friedrich-Loeffler-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit.

Mittlerweile 737 deutsche Betriebe betroffen

Die Fälle häufen sich von Tag zu Tag, ständig aktualisiert das FLI unter der Woche die bestätigten Fallzahlen. Bis zum Freitag vermeldete es für Deutschland 737 betroffene Betriebe. Das Virus ist in fast allen Bundesländern verbreitet, einzige Ausnahme ist bisher Bremen. Ein Großteil der Höfe befindet sich in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, aber auch aus Hessen und Schleswig-Holstein haben mehr als 80 Betriebe erkrankte Tiere und tote oder stark missgebildete Junge gemeldet. Neben Deutschland sind mittlerweile auch Landwirte in den Niederlanden, Belgien, Großbritannien, Frankreich, Italien und Luxemburg betroffen.

Beim Großteil der Fälle handelt es sich momentan um Schafe, die missgebildete Lämmer zur Welt bringen. Manche Bauern berichten davon, dass jedes dritte Neugeborene tot oder kaum lebensfähig zur Welt kommt. Experten fürchten jedoch, dass sich die Krankheitsfälle auch bei Rindern noch häufen werden: Die Tiere haben eine längere Tragezeit als Schafe, ihren Nachwuchs bringen sie ab Ende Februar, Anfang März zur Welt.

Bislang müssen die Landwirte dem Leiden ihrer Tiere hilflos zusehen: Das Schmallenberg-Virus ist ein sogenanntes Orthobunyavirus und eng mit Viren der Simbu-Serogruppe verwandt, die sonst nur aus Australien, Asien und Afrika bekannt sind. Nach bisherigen Erkenntnissen wird das Schmallenberg-Virus - genauso wie seine Verwandte - nicht von Tier zu Tier, sondern durch Gnitzen (Bartmücken) und möglicherweise auch andere Stechmücken übertragen. Momentan werden demnach keine neuen Tiere infiziert. Ab April, wenn die Mücken wieder durch die Luft schwirren, verbreitet sich die Krankheit jedoch womöglich weiter.

Bauern noch rat- und hilflos

Zwar arbeiten Forscher, seitdem das Virus im November 2011 am FLI entdeckt und für Forschungszwecke vermehrt werden konnte, an einem Impfstoff. Bis dieser fertig ist, wird es allerdings noch dauern. Für die nächste Saison bleibt den Bauern wahrscheinlich nur die Möglichkeit, ihre Tiere vor Mücken zu schützen. Dies ist jedoch, wie Erfahrungen mit der Blauzungenkrankheit zeigen, nur schwer möglich.

Entschädigungen erhalten die betroffenen Landwirte laut dem Deutschen Bauernverband bisher noch keine - dafür ist über das Virus noch zu wenig bekannt. Auch deshalb ruft der Verband alle Bauern dazu auf, Verdachtsfälle zu melden.

Nur in einer Hinsicht gibt es Entwarnung: Auf Menschen kann das Virus mit ziemlich großer Sicherheit nicht übergehen, heißt es in einer Risikobewertung des European Center for Disease Prevention and Control. Weder könne sich der Mensch direkt bei den Tieren anstecken, noch bestehe eine Gefahr beim Konsum von Lammfleisch. Dies ist immerhin beruhigend für die Konsumenten, die Landwirte allerdings müssen weiter um ihren Viehbestand zittern. Und ob das Virus auch auf Wildtiere übergehen kann, ist auch noch nicht geklärt.

irb



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